Kirchenbundpräsident will Aufarbeitung für Fürsorgeopfer

Gottfried Locher unterstützt Wiedergutmachungsinitiative: «Wir können noch helfen.»

Wir können helfen: Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes. Foto: PD

Wir können helfen: Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes. Foto: PD

Die Wiedergutmachungsinitiative erhält prominente Unterstützung. Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), Gottfried Locher, stellt sich hinter das Volksbegehren. «Was schlecht war, kann niemand wiedergutmachen, auch nicht mit Geld», sagt Locher. «Aber wir können noch ein wenig helfen, wenn wir uns beeilen.»

Die Wiedergutmachungsinitiative fordert eine Aufarbeitung der schweizerischen Fürsorgepolitik. Neben einer historischen Untersuchung sieht das Volksbegehren eine Entschädigung von insgesamt 500 Millionen Franken für die Opfer vor. Zu diesen zählen Heim- und Verdingkinder, Fahrende, Zwangssterilisierte und administrativ Verwahrte.

Der Evangelische Kirchenbund ist der Zusammenschluss der reformierten Kantonalkirchen. Er repräsentiert 2,4 Millionen Protestanten. Für den Urheber der Initiative, Guido Fluri, hat Lochers Engagement Signalwirkung. Es zeige, dass der höchste protestantische Kirchenvertreter der Schweiz begangenes Unrecht nicht einfach stillschweige.

Initiative als Druckmittel

Die Exekutive des Kirchenbunds, der siebenköpfige Rat, hat seine Position zur Initiative noch nicht festgelegt. Diese befindet sich erst im Sammelstadium. Mit dem Volksbegehren wollen die Betroffenen Druck auf das Parlament ausüben. Dort ist der von Bundesrätin Sommaruga angestrebte Solidäritätsfonds zugunsten der Opfer umstritten. Derzeit arbeitet das Justizdepartement eine Gesetzesvorlage aus.

Mit ihren Plänen für einen Solidaritätsfonds greift Sommaruga eine Empfehlung des runden Tisches auf. An diesem hatten Behörden, Bauernverband und Kirchen mit den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen über die Aufarbeitung verhandelt. Auch der Kirchenbund hatte am runden Tisch teilgenommen – «in stellvertretender Verantwortung für unterschiedliche reformierte Akteure, die an Fremdplatzierungen beteiligt waren», wie es im Schlussbericht des runden Tisches heisst.

«Schlimme Auswüchse»

Reformierte Kreise haben bis ins 20. Jahrhundert Armen- und Waisenhäuser, Kinderheime oder sogenannte Korrektionsanstalten betrieben. Daneben wurden Pfarrer bei Fremdplatzierungen als Vormundspersonen oder Aufsichtsorgane eingesetzt. «Das Wohl der anvertrauten Kinder und Jugendlichen war in vielen Fällen nicht das vordringlichste Anliegen der verantwortlichen Behörden»: Was der Schlussbericht ganz allgemein für die Träger der damaligen Entscheidungen formuliert, trifft laut dem Historiker Thomas Huonker auch auf die involvierten kirchlichen Institutionen zu. So hätten administrativ Verwahrte, die von Beden ohne Gerichtsbeschluss weggesperrt wurden, in kirchlichen Armenanstalten eigentliche Zwangsarbeit leisten müssen.

Oft hätten die Bemühungen aber auch einen ambivalenten Charakter gehabt, sagt Huonker, der dem Initiativkomitee angehört. Als Beispiel hierfür nennt er die Armenerziehungsanstalt Trachselwald im Kanton Bern, an deren Gründung Jeremias Gotthelf beteiligt war. Gotthelf habe sich gegen das Verdingkinder-Wesen eingesetzt. In der Anstalt Trachselwald sei es dann aber zu schlimmen Auswüchsen gekommen.

Aufseiten der katholischen Kirche hatte die Bischofskonferenz am runden Tisch teilgenommen. Sie trägt die Empfehlungen des runden Tischs mit. Zur Wiedergutmachungsinitiative will die Bischofskonferenz noch keine Stellung beziehen.

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