Kindermediziner fürchten neues System

Chefärzte der Schweizer Kinderspitäler befürchten, dass durch die Einführung der Fallpauschalen die Qualität in der Kindermedizin schwer leiden wird, und wehren sich. Nun reagieren die Verantwortlichen.

Die Kindermediziner sind vom neuen Fallpauschalensystem nicht begeistert. Das System lasse sich nicht auf die Kindermedizin übertragen.

Die Kindermediziner sind vom neuen Fallpauschalensystem nicht begeistert. Das System lasse sich nicht auf die Kindermedizin übertragen.

(Bild: Keystone)

Die Kritik von Kinderärzten an den neuen Fallpauschalen (Swiss DRG) blieb nicht ohne Wirkung. Jetzt prüft eine technische Begleitgruppe gemeinsam mit Vertretern der Kindermedizin, wo Verbesserungspotenzial liegt. Deren Fragen sollen bis im Juni dieses Jahres untersucht und beantwortet werden. Ihm sei bewusst, dass die Kindermedizin aufwendiger sei als die Erwachsenenmedizin, sagt Simon Hölzer, Geschäftsführer der Swiss DRG AG. «Das System kann einen Teil dieses Mehraufwands abbilden», so Hölzer. Zudem stünden die Tarifpartner und Kantone für eine Finanzierung der Qualitätsversorgung in der Kindermedizin ein. Generelle Mehraufwendungen für eine kindgerechte Medizin würden im Rahmen von Tarifverhandlungen berücksichtigt.

Breite Kritik

Ärzte, zwölf Vereine, die für Kinder einstehen, und die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim hatten die Spitalfinanzierung kritisiert, welche nächstes Jahr eingeführt wird. Fallpauschalen brächten nicht nur Vorteile, sondern bärgen Fallen, warnten sie. «Diese lauern überall dort, wo es in den Spitälern mehr Zeit und Fachpersonal braucht und die Kosten dementsprechend höher ausfallen. Wie in der Kindermedizin oder bei der Arbeit mit Behinderten», sagt Heim. Stellvertretend für oben genannte Gruppen, darunter renommierte Ärzte der Schweizer Kinderspitäler, reichte sie im vergangenen Oktober eine Motion ein, welche in Bezug auf die Fallpauschalen die aufwendigere Kindermedizin berücksichtigen soll. Der Bundesrat beantragt jedoch, die Motion abzulehnen. «Die Verantwortung für die Finanzierbarkeit der Kindermedizin wird weder vom Bund noch von den Versicherern oder Kantonen übernommen», sagt Heim.

Michele Losa, leitender Arzt am Ostschweizer Kinderspital und DRG-Delegierter der Schweizer Pädiatrie, sagt: «In der Kindermedizin ist die Spitalfinanzierung nicht kostendeckend. Wird der Mehraufwand – bei der Kinderbetreuung ist er rund 30 Prozent höher – nicht abgegolten, kann es zu Engpässen bei medizinischen und therapeutischen Leistungen kommen.»

Kindermedizin tickt anders

Conrad E. Müller, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Universitätskinderspitals beider Basel und erfahrener Kinderchirurg, zeigt an einem Beispiel die Gefahren der Fallpauschalen auf: «Wenn ein Zweijähriges seine Antibiotika nicht schlucken will, braucht es eine Infusion. Eltern und Kind zu erklären, wie alles funktioniert, kann gut eine Stunde dauern.» Müller ist überzeugt: «Die Kosten der Erwachsenenmedizin lassen sich nicht auf die Kindermedizin übertragen.»

Gerade bei herz- oder krebskranken Kindern müssten Einbussen gemacht werden, da zum Beispiel in der psychologischen Betreuung gespart werden müsste. «50 Prozent der ins Kinderspital eingewiesenen Kinder sind unter vier Jahre alt», sagt Müller. Entsprechend zeitintensiv sei ihre Betreuung. Ausserdem gebe es in der Kindermedizin ein grosses Spektrum angeborener Krankheiten. «Kinderärzte treffen sehr oft auf neue Krankheiten. Die Abklärung dieser Fälle ist teuer.»

Angst um Rechte

Netty Fabian vom Verein Kind und Spital warnt: «In der Schweiz haben Kinder das Recht auf eine kindergerechte Betreuung im Spital. Sie darf nicht gefährdet werden.» In Deutschland seien nach der Einführung der Fallpauschalen Kinderkliniken geschlossen worden. «Seither werden Kinder in Erwachsenenspitälern behandelt, die über kein kindermedizinisch ausgebildetes Personal verfügen.» Simon Hölzer von Swiss DRG sagt dazu: «Natürlich werden wir auf die Erfahrungen anderer Länder aufbauen und nicht die gleichen Fehler begehen.» Für das Einführungsjahr verspräche die Swiss DRG kein perfektes Tarifsystem, sondern ein lernendes.

Verein Kind und Spital; Allkids –Allianz Kinderspitäler der Schweiz; Netzwerk Kinderrechte Schweiz; Kinderkrebshilfe; Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie; Elternvereinigung für das herzkranke Kind und viele mehr.

Berner Zeitung

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