Jeder zweite Flüchtling findet eine Stelle

Rund 800 Flüchtlinge beginnen im Sommer die Integrationsvorlehre des Bundes. Besuch bei einem Pilotprojekt in Bern.

Erfolgsgeschichte: Die Chefs sind vom Jeleng al-Youssef so begeistert, dass sie ihn fest angestellt haben. Foto: Franziska Rothenbühler

Erfolgsgeschichte: Die Chefs sind vom Jeleng al-Youssef so begeistert, dass sie ihn fest angestellt haben. Foto: Franziska Rothenbühler

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Der Himmel über dem bernischen Mühleberg ist grau und wolkenverhangen, ein eisiger Wind fegt über die Hügel. Wer kann, bleibt an der Wärme an diesem Januarmorgen. Jeleng al-Youssef und sein Chef können dies nicht, die Arbeit wartet nicht auf schönere Zeiten. Und so gräbt der Syrer im Hof eines Bauernhofs mit Schaufel und Spitzhacke nach einer Wasserleitung, die er freilegen soll. Die Kälte stört ihn kaum, er packt gerne mit an. Erst als er für die Fotografin posieren soll, wird er etwas verlegen.

Fleissig sei er, zuverlässig und einer, «an dem die Leute Freude haben». Das sagen seine Chefs und Mitarbeiter bei der Baufirma Frutiger über Youssef. Dort absolviert der 35-Jährige derzeit ein Praktikum, das Teil eines Pilotprojekts des Kantons und der Technischen Fachschule Bern ist: einen Berufsbildungskurs für Flüchtlinge.

2015 ist der Kurs mit zwei Klassen gestartet. Die einen Teilnehmer machen eine einjährige Vorlehre Bau, die anderen eine zweijährige Ausbildung zum Schreinerpraktiker. In anderen Branchen wie der Gastronomie gibt es solche Kurse seit langem. Die Grundausbildung soll es den Flüchtlingen ermöglichen, später eine Lehrstelle oder einen Job zu finden.

Nur befristet

Im Fall von Youssef hat das geklappt: Die Firma Frutiger war mit ihm so zufrieden, dass sie ihm auf den Herbst hin eine Lehrstelle angeboten hat. «In Syrien wird alles kaputt gemacht. Ich finde es schön, hier etwas aufzubauen», sagt Youssef. Mit seiner gewinnenden Art ist er so etwas wie der Vorzeigeflüchtling. Doch nicht bei allen gelingt der Übertritt ins Arbeitsleben so reibungslos.

Dawod Sulayman aus Eritrea zum Beispiel hat nach Abschluss der einjährigen Vorlehre Bau im vergangenen Sommer keine Arbeit gefunden. Der 45-Jährige lebt seit sieben Jahren in der Schweiz, Deutsch spricht er nur gebrochen. Sulayman schickte Bewerbung um Bewerbung, kassierte Absage um Absage. Erst als ein Jobcoach ihm bei der Stellensuche half, klappte es schliesslich: Seit November arbeitet der Eritreer in der Logistik in einem Coop-Verteilzentrum. Doch ist der Vertrag bis Ende Februar befristet. Wie es danach weitergehen soll, weiss er nicht.

«Wer eine vierjährige Lehre gemacht hat, kostet einen Betrieb pro Monat rund 4500 Franken.»Andreas Zysset, Direktor der Technischen Hochschule Bern

Andreas Zysset kennt die Schwierigkeiten, mit denen seine Schützlinge zu kämpfen haben. Das Projekt leide noch an einigen Kinderkrankheiten, räumt der Direktor der Technischen Fachschule Bern ein. Im Schreinerkurs haben sechs von zwölf Flüchtlingen eine Lehre oder Stelle gefunden, bei der Vorlehre Bau sind es fünf von zehn: eine Erfolgsquote von 50 Prozent.

Finanziell lohnt sich die Ausbildung damit bereits. Die Schweizerische Sozialhilfekonferenz (Skos) rechnet mit Kosten von 20'000 Franken pro Person und Jahr für solche Kurse; demgegenüber stehen Einsparungen in der Sozialhilfe von 25'000 Franken. Angesichts einer Sozialhilfequote von 86 Prozent im Flüchtlingsbereich sind laut Skos mehr solche Ausbildungsplätze nötig, da die Fürsorgekosten sonst aus dem Ruder laufen werden.

Schuldirektor Zysset seinerseits ist überzeugt, dass sich die Erfolgsquote der Kursteilnehmer noch erhöhen lässt. Die grössten Schwierigkeiten stellen derzeit die mangelnden Deutschkenntnisse der Teilnehmer dar, kulturelle Unterschiede und der administrative Aufwand für die Betriebe. Zudem ist das Gewerbe gegenüber Absolventen mit Berufsattest skeptisch, da die Einstiegslöhne vergleichsweise hoch sind.

Harter Kampf um Stellen

«Wer eine vierjährige Lehre gemacht hat, kostet einen Betrieb pro Monat rund 4500 Franken», sagt Zysset. «Bei einer Person mit einem zweijährigen Berufsattest liegt der Lohn immer noch bei 4000 Franken, womit sich für viele die Anstellung nicht lohnt.» Gleichzeitig weigerten sich die Gewerkschaften aus Angst vor Lohndumping, tiefere Saläre für Flüchtlinge zu akzeptieren.

Dazu kommt: Die Konkurrenz ist gross. Die Anzahl unqualifizierter Arbeitsplätze nimmt ab, die Flüchtlinge befinden sich im Wettbewerb mit Schulabbrechern oder Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Die Arbeitslosigkeit für Tiefqualifizierte liegt bei über neun Prozent.

Modell mit Vobildcharakter

Um die Berufsaussichten zu verbessern, will Zysset die Anforderungen an die Kursteilnehmer erhöhen. Nur wer einigermassen Deutsch spricht und wirklich motiviert ist, soll den Kurs besuchen. Zudem fordert er den Kanton auf, die Firmen mit Einarbeitungszuschüssen zu unterstützen. So haben die Betriebe einen Anreiz, Personen einzustellen, die anfangs nicht die ganze Leistung bringen. Die vielleicht wichtigste Rolle spielen aber die Jobcoachs (siehe rechts). Sie helfen den Flüchtlingen, die grösste Hürde zu überwinden: die erste «richtige» Stelle zu finden.

Für Zysset hat das Modell Vorbildcharakter – auch für den Bund, der im Sommer die Flüchtlingsintegrationsvorlehre startet. Pro Jahr durchlaufen 800 bis 1000 Personen die einjährige Vorlehre, wobei sie neben dem Schulbesuch auch ein Praktikum absolvieren. Zyssets Fazit: «Bund und Kantone können von unseren Erfahrungen profitieren.»


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Der Fussballprofi erzählt, was ihm die Schweiz nun bedeutet. (7.12.2016) Video: TA

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 21:09 Uhr

Nachgefragt

«Ohne Netzwerk ist es schwierig», sagt Marlise Kammermann, Dozentin am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung in Zollikofen BE.

Als Jobcoach helfen Sie Flüchtlingen bei der Stellensuche. Was machen Sie da genau?
Ich stelle den ersten Kontakt zu Firmen her, die bereit sein könnten, einen Flüchtling einzustellen, oder die Stellen ausgeschrieben haben. Dabei hilft es mir, dass ich durch meine Arbeit ein gutes Netzwerk in der Berufsbildung habe.

Warum braucht es einen Jobcoach?
Rund die Hälfte der Flüchtlinge findet nach Abschluss der Ausbildung keine Stelle. Sie haben sich zwar blind beworben oder bei einem Temporärbüro angemeldet. Aber wenn jemand die Sprache nicht richtig spricht, kein berufliches Netzwerk hat und nicht genau weiss, wie man bei einer Bewerbung vorgehen muss – dann ist es sehr schwierig. Bewerben sich 20 Personen auf eine Stelle, hat eine handgestrickte Bewerbung von einem Herrn Uqbe fast keine Chancen.

Trotzdem werden die Flüchtlinge nach dem Ende der Ausbildung sich selber überlassen?
Ja, der Übertritt in die Arbeitswelt war wie nicht mitgedacht, auch aus finanziellen Gründen. Mein Engagement ist freiwillig. Um solche Ausbildungen im grösseren Rahmen durchzuführen, braucht es aber professionelle Jobcoachs.

Wie reagieren die Firmen auf Ihre Kontaktaufnahme?
Sehr offen. Viele haben aber schon Flüchtlinge eingestellt oder beschäftigen etwa psychisch beeinträchtigte Personen. Andere wären bereit, einem Flüchtling eine Chance zu geben. Sie wollen aber erst schauen, ob die Person in den Betrieb passt, bevor sie den administrativen Aufwand auf sich nehmen. (ala)

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