«Jeder Schweizer ist ein Städter»

Für den Volkskundler Thomas Hengartner von der Universität Zürich gibt es den viel beschworenen Schweizer Stadt-Land-Gegensatz nur in den Köpfen, aber nicht in der Realität. Auch wenn die SVP das bestreiten würde.

Weder Fisch noch Vogel: Schweizer Einfamilienhaussiedlungen wie hier in Münsingen muten mit ihren Grünflächen ländlich an und haben in ihrer strengen Geometrie doch etwas Städtisches.

Weder Fisch noch Vogel: Schweizer Einfamilienhaussiedlungen wie hier in Münsingen muten mit ihren Grünflächen ländlich an und haben in ihrer strengen Geometrie doch etwas Städtisches.

(Bild: Andreas Blatter)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Herr Hengartner, mögen Sie Ihren Büroausblick auf S-Bahn-Stränge und die grauen 50er-Jahre-Häuser von Oerlikon?

Thomas Hengartner: Ja. Als Menschenwissenschaftler untersuche ich, was Menschen brauchen, um sich in einer Stadt zurecht zu finden. Ich sehe durch mein Bürofenster vieles, was dazugehört: Technik, Mobilität, Shopping, öffentlichen Raum, aber auch Rückzugsorte, wo man sich individuell einrichten kann. Ich habe hier einen schönen Blick auf ein urbanes Labor.

Ist der Blick schön? Für die meisten Schweizer dürfte dieses Oerliker Panorama Inbegriff urbaner Hässlichkeit sein.

Schönheit ist immer auch Ansichtssache. Schön sind für mich als Forscher das dynamische Nebeneinander und die Schichtungen der Stadt. Man sieht hier Hochhäuser aus einer Zeit, als diese noch nicht so umstritten waren wie heute, und als sich der Kommerz noch in Türmen und nicht in flächigen Shoppingmalls ausbreitete. Und man sieht daneben einen ganz neuen Stadtteil, der noch etwas leblos ist, weil er geplant wurde wie aus der Trickkiste: mit Park, Shoppingcenter, Wohnblöcken.

Gehört das Nebeneinander verschiedener Epochen wesentlich zu einer Stadt?

Jedenfalls zu einer europäischen Stadt, in der sich anders als zum Beispiel in US-Städten viele historische Schichten abgelagert haben. Europäische Städte haben deshalb einen Habitus, ein bestimmtes Gesicht.

Sie haben in Bern gelebt und studiert. Was für einen Habitus hat Bern?

Einen etwas zwiespältigen. Da gibt es die unübersehbare Altstadt, in der sich das Alte Bern bis heute ästhetisch repräsentiert. Aber Bern hat auch an seinen Rändern ein besonderes Gesicht. In den 1960er-Jahren hat es sich dort mit damals heiss diskutierten Hochhausbauten als moderne Stadt inszeniert. Und auch heute scheint sich Bern wieder an seinen Rändern, etwa in Brünnen, zu erneuern.

Reden wir von Stadt und Land, der Doppelgesichtigkeit und dem Gegensatz der Schweiz, an dem sich Abstimmungen und finanzielle Verteilkämpfe entscheiden. Gibt es diesen Gegensatz aus Ihrer Sicht als Alltagskulturforscher überhaupt?

Aus einer baulichen und planerischen Perspektive könnte ich sagen: Vom Boden- bis zum Genfersee erstreckt sich eine einzige, grosse Stadt. Gleich wichtig ist aber, dass wir zwar unterschiedliche Stadterfahrungen, aber alle eine ähnliche Stadtidee – ob hier in Oerlikon oder in einem Berner Bergdorf – in den Köpfen haben. Nicht zuletzt kommt die Stadt auch als Medienbild in jedes Wohnzimmer.

Kommt auf diesem Weg nicht auch das Land in die Stadt?

Das tut es auch durch die Bepflanzung der Balkone in der Stadt. Im Ernst: Vorstellungen vom Land gehören generell zur Konstruktion von Swissness. Ein ländliches Setting ist Bestandteil unseres nationalen Symbolschatzes.

Ist das Einfamilienhaus im Grünen also eine ferne Erinnerung an einen kleinen Bauernhof?

Nein. Es ist eine junge Wohnform für Kernfamilien mit Grün rundherum, die es erst seit dem 20.Jahrhundert gibt.

Sind die wuchernden Einfamilienhaussiedlungen im Mittelland städtisch oder ländlich?

Beides. Weil sie wenig verdichtet sind, muten sie ländlich an. Sie sind aber direkt und mental mit Städten verbunden. Viele ihrer Bewohner pendeln zur Arbeit in eine Stadt, die einen zentralen Platz in deren Vorstellungs- und Erlebnishorizont hat. Dazu gehört ebenso, sich im eigenen Garten einen gefühlten Gegenpol zur Stadt zu schaffen.

In der verstädterten Schweiz scheint immer noch eine Sehnsucht nach grüner Überschaubarkeit und eine Aversion gegen die Stadt verbreitet zu sein.

Stadtbeschimpfungen gehören zum Beginn der Moderne. Der Philosoph Friedrich Nietzsche beispielsweise hat mit der Stadt die Kehrseiten der Zivilisation gegeisselt. Aber das negative Bild des Städtischen hat sich in meinen Augen abgeschwächt. Wir fühlen uns ja in den Schweizer Städten nicht verloren und können uns gut einreihen in deren Lebenstempo. Überdies wurden die Städte aufgehübscht, mediterranisiert und zu Eventzonen latte-macchiato-isiert.

Ausgerechnet in Agglomerationsgürteln, wo eine weitere Verstädterung und Verdichtung sinnvoll wäre, wächst der Widerstand der Bewohner dagegen. Das ist doch ein antistädtischer Reflex?

Es geht eher um die Gewöhnung an die Verwöhnung. Es gilt mittlerweile als Normalität, sich auf genug Land und Wohnfläche auszubreiten. Ein Protest, wie Sie ihn erwähnen, richtet sich meist gegen gefühlte Verletzungen der Normalität. Übrigens gab es auch in den 1950er-Jahren Proteste gegen den Bau von Einfamilienhäusern, die uns heute ländlich vorkommen.

Mit unseren Platzansprüchen zerstören wir die Ländlichkeit, nach der wir uns sehnen. Denken die Schweizer zu wenig städtisch, um die Zersiedelung des Landes aufzuhalten?

Ich weiss aus Hamburg, wo ich lange gelebt habe, dass die Bereitschaft zum verdichteten Wohnen wächst. Auch hier in der Schweiz ziehen Leute von der Agglomeration zurück in die Stadt, etwa in neue Stadtviertel wie in Oerlikon. Die jungen Trendsetter zwischen 25 und 44 Jahren haben nicht mehr das Idealbild vom Wohnen im Grünen. Sie suchen nach Kontakt, Gelegenheiten, Bewegung. Das passt zu ihren volatiler gewordenen Lebensentwürfen.

Wenn Sie an Hamburg zurückdenken, kommt es Ihnen dann nicht sonderbar vor, dass sich zwischen Boden- und Genfersee drei Metropolitanregionen und die Hauptstadtregion um Bern formieren?

Es stimmt, dass die Metropolitanregion Hamburg allein fast so viele Einwohner hat wie die Schweiz. Aber die Konstituierung mehrerer Metropolitanregionen passt zur Schweiz: zu den gefühlten Distanzen und Räumen ebenso wie zur symbolischen Kleinteiligkeit der wirtschaftlichen Zentren. Einfach grosse Masterpläne zu verordnen, würde sich mit diesen Orientierungen nicht vertragen.

Leuchtet Ihnen die Bildung eines Hauptstadtraums um Bern ein? Bringt das Bern etwas?

Symbolpolitisch betrachtet, leuchtet mir ein Gebilde wie die Hauptstadtregion ein. Bern ist mehr als der Standort des Bundeshauses, es ist ein Knotenpunkt politischer Beziehungen. Darauf kann man ruhig stärker hinweisen. Die Frage ist, ob dieser Auftritt Bern auch neue Impulse vermittelt. Grosse Wirtschaftsströme richten sich nur dann nach einer Hauptstadt, wenn sie auch ein Umschlagplatz von Waren, Gütern, Ideen und ein Hotspot für Menschen ist.

Fasse ich richtig zusammen, dass einer ein Städter ist, wenn er wie ein solcher denkt?

Alle Westeuropäer und Westeuropäerinnen, alle Schweizerinnen und Schweizer sind Städter.

Da würde die SVP aber widersprechen.

Gerade konservative Parteien sind darauf angewiesen, dass es in den Köpfen ein ländliches Gegenbild zur Stadt gibt. Dies erlaubt ihnen, einen Gegner aufzubauen. Ihre Erfolge basieren wesentlich auf der erfolgreichen Forcierung der Differenz von Stadt und Land. In der Realität aber ticken die meisten Schweizer städtisch – auch die Bergbevölkerung.

Betrachten Sie Bergdörfer mit Ihren leer stehenden Zweitwohnungszonen als Städte?

Nein. Aber ich denke an bestimmte Bergorte, die wir vergessen, wenn wir über Schweizer Städte reden. Mein Lieblingsbeispiel ist Davos. Es ist so etwas wie eine temporäre Stadt. Aus dem kleinen Walserdorf in den Bergen wurde ein Ferien- und Kurort, der schon mit seiner Sanatoriumsszene einen besonderen Platz auf einer mentalen Europa-Karte eingenommen hat. In der Zwischensaison ist Davos ein Dorf, das in zu grossen Kleidern zu stecken scheint. In der Wintersaison hingegen, zum Beispiel am Spengler-Cup, insbesondere aber während des World Economic Forum, ist Davos ein bedeutender Punkt auf der globalen Weltkarte, der die Hauptstadt Bern in den Schatten stellt.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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