Italiens rostiger Balken über Lugano

Gespenstische Aussichten: Hoch über dem Luganersee thront die Bauruine einer Seilbahnstation, die nie vollendet wurde.

Wahrzeichen der anderen Art: Das Betonungetüm auf dem Sighignola hoch über dem Luganersee.

Wahrzeichen der anderen Art: Das Betonungetüm auf dem Sighignola hoch über dem Luganersee.

(Bild: TI-Press)

Lugano, das ist der Lungolago im Sonnenschein, der San Salvatore und der Monte Brè unter blauem Himmel. Vielleicht auch das Caffè Vanini an der Piazza Riforma. Lugano, das sind Magnolien und die Geschäfte an der Via Nassa, die es auf die klassische Variante des Monopolyspiels gebracht hat. Oder das Cornaredostadion, wo einst Mario Prosperi zwischen den Pfosten stand und Otto Luttrop, Vincenzo Brenna und später der viel zu früh verstorbene Giampietro Zappa Tore schossen. Das sind die Bilderbuch- und Nostalgieseiten der beliebten Feriendestination. Lugano, das ist aber auch Lega-Chef Giuliano Bignasca, der hier seit 2002 Stadtrat ist. Und wer über den See schaut, kann das neue monumentale Casino in der italienischen Enklave von Campione nicht übersehen. Es trägt die Handschrift von Mario Botta.

Wer den Blick aber hebt, der begegnet je nach Standort früher oder später unweigerlich einem Betonungetüm auf dem Gipfel des Sighignola, der im Volksmund «Italiens Balkon» heisst. Seit 40 Jahren ragt das morbide Zementskelett dort in den Himmel. In der Nacht immerhin wird das Monstrum von der Dunkelheit verschluckt, da es bisher von der grassierenden Beleuchtungsmanie oder Lichtverschmutzung verschont blieb.

Gescheitert an der Finanzierung

Im Juni 1967 hatte das Bundesamt für Transportwesen in Bern das Projekt gebilligt. Die Seilbahn sollte zwar in Italien beginnen und in Italien enden, dazwischen aber steiles Waldgebiet, das zum Tessin gehört, überwinden. Gebaut wurden einige Pfeiler, die Stromleitung sowie die Tal-, Mittel- und Bergstation. Dann scheitere das Projekt an technischen Problemen und an der Finanzierung. Die Luganeser Baufirma machte Konkurs. Während es die Mittelstation inzwischen nicht mehr gibt, verunstaltet die Ruine der geplanten Talstation bis heute das Ufer des Luganersees. Sie ist die gespenstische Kulisse des Hafens.

Das rostige Mahnmal auf dem Sighignola hätte die Bergstation der Seilbahn sein sollen, die nie gebaut wurde. Jetzt gibt es neue Pläne, das Monster abzureissen und den «Balkon» mit der atemberaubenden Aussicht für Touristen attraktiver zu machen. Der Aussichtspunkt 1314 Meter über Meer ist von Caprino gegenüber von Lugano oder auch von Arogno aus in rund zwei Stunden Fussmarsch zu erreichen. Leichter geht es von Italien her: Von Lanzo d’Intelvi aus ist der Sighignola auf einer früheren Militärstrasse mit dem Auto erreichbar. Das von der italienischen Umweltorganisation Legambiente angestossene Projekt sieht jetzt keine grenzüberschreitende Seilbahn mehr vor, dafür aber einen langen Picknicktisch, der in Italien beginnt und in der Schweiz endet. Oder umgekehrt.

Berner Zeitung

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