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Illis irritierende Nähe zu den Salafisten

HintergrundQaasim Illi, der Pressesprecher des Islamischen Zentralrats, darf nicht nach Kanada einreisen. Er vermutet eine Verwechslung wegen seines Namens. Experten sehen einen anderen Grund.

Am Flughafen Zürich gestrandet: Qaasim Illi, Pressesprecher des Islamischen Zentralrats. (25. Dezember 2013)

Am Flughafen Zürich gestrandet: Qaasim Illi, Pressesprecher des Islamischen Zentralrats. (25. Dezember 2013) Bild: zvg

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In Toronto findet zurzeit die grosse islamische Konferenz «Reviving the Islamic Spirit» statt. Auch Qaasim Illi, der Pressesprecher des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), wollte sie besuchen. Doch die Reise endete für den Konvertiten am 25. Dezember bereits am Flughafen Zürich Kloten. Wie der IZRS in einem Communiqué schreibt, wurde er vom Bodenpersonal der Swiss darüber informiert, dass gegen ihn eine Einreisesperre nach Kanada bestehe. «Wir konnten den Passagier auf Anweisung der kanadischen Behörden nicht befördern», bestätigt Swiss-Pressesprecherin Susanne Mühlemann gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnet.

Qaasim Illi zeigt sich auf Anfrage ratlos über den Vorfall: Den Grund für das Einreiseverbot habe er bislang nicht erfahren. Er hat aber zwei Vermutungen. «Entweder wurde ich verwechselt – mein Name kommt im arabischen Raum häufig vor. Oder ich stehe auf der schwarzen Liste, weil ich ein über die Landesgrenzen hinweg bekannter muslimischer Aktivist bin.» Die erste Variante erachtet er indes als wahrscheinlicher, «weil sie ein Produkt der ungebremsten Datensammelwut der Amerikaner sein könnte».

Wer in den USA auf eine Schwarze Liste gerät, der ist das auch in Kanada: Im Rahmen des Border Security Agreement werden Daten zwischen den Nachbarländern ausgetauscht. In Kanada war Illi gemäss eigenen Angaben noch nie; die USA hatte er vor 15 Jahren als Teenager besucht – damals allerdings noch unter seinem Geburtsnamen Patric Jerome. Bislang sei es bei seinen zahlreichen Flügen als Vertreter des IZRS noch nie zu einem Zwischenfall gekommen. Allerdings wäre er in dieser Funktion zum ersten Mal Richtung Westen gereist, räumt er ein.

Trotz Rebellenkontakten nach Kanada

Der Pressesprecher war nicht alleine unterwegs: Zwei weitere Mitglieder des IZRS konnten ohne Probleme nach Kanada fliegen. Einer von ihnen ist Generalsekretär Naim Cherni, der jüngst wegen seiner Verbindungen zu syrischen Rebellen in die Schlagzeilen geraten war. Der 22-Jährige war im Sommer 2013 während dreier Wochen im Norden Syriens unterwegs, um sich ein Bild der Lage im Bürgerkriegsland zu machen – begleitet von der sunnitischen Oppositionsgruppe Ahrar al-Aham. Dieser werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Illi relativiert den Einsatz jedoch: «In Syrien helfen wir bedürftigen Familien. Damit wir uns im Land bewegen können, müssen wir aber mit den Rebellen auskommen.»

Nun durfte Cherni also trotz dieser Rebellenkontakte nach Kanada reisen. Das spreche dafür, dass die Sperre in seinem Fall nicht an den Aktivitäten im Namen des Islam liege, macht Illi geltend. Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji verweist denn auch darauf, dass nach 9/11 weltweit zahlreiche Muslime auf die Schwarze Liste der USA gesetzt wurden – «viele sicherlich zu Unrecht». Jede Person, die auf einer solchen Liste stehe, habe das Recht, zu wissen, warum sie nicht nach Amerika einreisen dürfe. «Dies sollte umso mehr gelten, wenn es sich wie bei Qaasim Illi um einen Repräsentanten einer Gruppe von Muslimen handelt. Die Öffentlichkeit, insbesondere die Muslime in der Schweiz sowie Mitglieder und Sympathisanten des IZRS müssen wissen, ob von ihm eine Gefahr ausgeht», so Hafner-Al Jabaji. Schliesslich sei auch für Muslime nur unzureichend einsehbar, welche Kontakte der IZRS pflege und und wie er finanziert werde.

Der aktuelle Vorfall sei jedoch auch symptomatisch für den Zentralrat: «Er gibt vor, sich für die Anliegen der Muslime in der Schweiz einsetzen zu wollen, provoziert aber regelmässig negative Schlagzeilen. Damit schadet er den Muslimen und deren Ansehen in unserem Land.»

Kontakte zu Salafisten als Grund?

Worauf Illi bei seinen Erklärungsversuchen nicht hinweist: Ein Grund für die Einreisesperre könnten die Verbindungen des IZRS zu islamistischen Organisationen sein. Die aus dem Jemen stammende Politologin Elham Manea spricht von einer «Nähe zu salafistischen Gruppierungen» in der islamischen Welt, aber auch in Europa. Der Zentralrat vertrete einen wahhabitisch salafistischen Islam saudischer Ausprägung. Das verdeutliche sich in der Auswahl radikalislamischer Gastredner an Versammlungen des IZRS. Tatsächlich belegten die Schweizer Behörden diesen Dezember bereits zum zweiten Mal in Folge ein Referenten für das IZRS-Jahrestreffen mit einer Einreisesperre: Der bekannte ägyptische TV-Prediger Mohamed Salah durfte nicht an der Versammlung teilnehmen. Letztes Jahr wurde dem Hassprediger Muhammad al-Arifi die Einreise verweigert.

Auch die Nähe des IZRS zum deutschen Salafistenprediger Pierre Vogel und der entsprechenden Szene im Nachbarland ist überliefert. Das zeigt eine aktuelle Studie des Centers for Security Studies der ETH Zürich über die jihadistische Radikalisierung in der Schweiz. Autor Lorenzo Vidino kommt zum Schluss, dass die ideologische Linie des Zentralrats von verschiedenen Formen des Salafismus beeinflusst sei. Daran ändere auch die zunehmende Distanzierung des IZRS von den Schriften und Predigten Vogels nichts: «Die dominierende Weltsicht bleibt die salafistische», heisst es in der Studie. Auch bestünden starke Verbindungen zu diesen Szenen auf dem Balkan und in der Golfregion. So soll etwa IZRS-Präsident Nicholas Blancho während seiner Studienzeit starke persönliche Kontakte zu Salafisten in Saudiarabien aufgebaut haben.

Illi verneint Nähe zu Salafisten

Illi selbst hatte 2002 im Gazastreifen Scheich Ahmed Jassin von den Hamas getroffen. Die Begegnung hatte ihn derart geprägt, dass er 2003 die PRO-PLO Schweiz gründete, die von den Schweizer Behörden überwacht wurde. Auch in den Extremismusbericht des Bundesamts für Polizei fand sie Eingang – mit dem Vermerk: «Konvertierte Europäer spielen bei der islamistischen Radikalisierung eine nicht zu unterschätzende Rolle – die PRO-PLO ist ein Beispiel dafür.»

Der IZRS-Pressesprecher widerspricht der vermuteten Nähe zu Salafisten vehement: «Es ist nicht wahr, dass wir enge Kontakte zur Salafistenszene haben. Der Zentralrat ist wertkonservativ, fühlt sich aber keiner spezifischen Denkströmung verpflichtet. Und wir haben uns immer von Gewalt distanziert.» Gerade die Kontakte zu hochrangigen ägyptischen Muslimbrüdern seien viel intensiver. Diese Darstellung steht im Gegensatz zum Bericht des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Dieser geht gemäss einem Bericht der «SonntagsZeitung» von 2011 davon aus, dass der IZRS von salafistischen Organisationen im Ausland finanziert wird – mutmasslich aus Saudiarabien. Der Zentralrat stand denn auch 2010/2011 unter Beobachtung des NDB. Im Zuge dieser Überwachung fanden sich aber keine Anzeichen auf eine Beteiligung an terroristischen Aktivitäten.

Anstachelung zu Gewalttaten

Das stellen auch die Expertinnen Hafner-Al Jabaji und Manea nicht in Abrede. Sie verweisen jedoch darauf, dass der Zentralrat «Katz und Maus» mit den Behörden spiele: «Er stachelt zwar seine jungen Anhänger nicht direkt zu religiös motivierter Gewalt an, ebnet aber durch die Verbreitung extremistischen Gedankenguts den Weg für Gewalttaten», sagt Manea. Sie glaubt daher nicht, dass die Einreisesperre nach Kanada willkürlich erfolgte: «Über die konkreten Gründe können wir zurzeit nur spekulieren. Doch Illi wird in Kanada offensichtlich nicht als harmlos erachtet.» Auch die ETH-Studie spricht von einer «moralischen Verantwortung» des Zentralrats: Die radikalen Aussagen der Gastredner könnten «isolierte Individuen zu Gewalt anregen».

Trotzdem brächte ein Verbot des Zentralrats gemäss Manea nichts – das hätten Erfahrungen im Ausland gezeigt. «Mit Verboten kann man eine Ideologie nicht bekämpfen - sie taucht danach nur mit neuem Namen wieder auf.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.12.2013, 21:15 Uhr

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