Illegale Anbieter locken mit günstigen Pflege-Angeboten

Das Angebot im Pflegebereich ist gross, die Preisunterschiede sind riesig: Vor allem dank billigen Arbeitskräften aus osteuropäischen Ländern bieten Firmen tiefe Preise für 24-Stunden-Betreuung an.

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Wer in einem Privathaushalt rund um die Uhr pflegebedürftige Menschen betreut, leistet harte Arbeit. Die Betreuerinnen – fast immer sind es Frauen – müssen stets abrufbereit sein. Die Einsätze belasten emotional, zum Beispiel weil die betreuten dementen Menschen manchmal aggressiv werden, und privat verfügbare Zeit gibt es wenig. Die Bezahlung ist nicht besonders gut, in manchen Fällen sogar sehr schlecht. Und der rechtliche Schutz der Arbeitnehmerinnen weist Lücken auf.

In der Schweiz offerieren mehrere Dutzend Firmen Betreuungsdienstleistungen. Die nach eigenen Angaben grösste Anbieterin ist die Home Instead, die im Franchising-System in mehreren Kantonen rund 1700 Mitarbeiterinnen beschäftigt. Wer für Angehörige eine 24-Stunden-Betreuung benötigt, zahlt hier rund 12500 Franken im Monat «inklusive Bedarfsabklärung, Qualitätssicherung und Ausfallgarantie», wie Geschäftsführer Paul Fritz ergänzt. «Wir kalkulieren knapp, unter diesem Preis ist eine gute Betreuung nicht möglich», meint Paul Fritz.

Schwarze Schafe

Bereits als schwarzes Schaf der Branche wird McCare24 gehandelt: 4950 Franken kostet hier eine durchgehende Betreuung im Monat. Und das bis zur intensivsten Pflegestufe 12. Zusätzlich übernimmt der Haushalt der betreuten Person Kost und Logis.

Doch es geht noch billiger. Deutlich billiger: Ab 1990 Franken monatlich verspricht Get Care eine 24-Stunden-Betreuung «mit Herz». Anrufe auf die angegebene 061er-Nummer werden ins Ausland umgeleitet. Die Firma vermittelt aus der Slowakei Frauen. Die Geschäftsführer sind nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Polin Bozena Domanska, die seit Jahren in der Schweiz pflegebedürftige Menschen betreut, weiss, wie derart günstige Angebote zustande kommen: Die Frauen müssen im Heimatland eine Einzelfirma gründen und treten als Selbstständigerwerbende auf, obwohl sie faktisch von einer Agentur vermittelt werden. Der Nachteil: Die betroffenen Frauen erhalten nicht nur tiefe Löhne, sondern müssen im Heimatland auch noch Sozialversicherungen und Steuern zahlen.

Bernhard Mascha, Geschäftsführer von McCare24, wirkt nicht überrascht, als er vom Vorwurf hört, zu den schwarzen Schafen der Branche zu gehören. Doch die Kritik ärgert ihn, er weist sie zurück. «Die Betreuerinnen verdienen bei mir pro Monat 2700 Franken netto, so viel zahlen nur wenige.» Nach Maschas Rechnung bleibt ihm eine Marge von 850 Franken zur Finanzierung seines Aufwands für Personalrekrutierung, Administration und für den Gewinn. Er wirft der Konkurrenz vor, fette Gewinne einzustreichen und Kunden auszunutzen.

Bewilligung fehlt

Doch ein Problem hat Bernhard Mascha sicher: Sein Geschäft ist illegal. Ebenso jenes von Get Care, hinter der die Firma Slowiss steht. Das sagt Ueli Greub, Leiter Vermittlung und Verleih beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Im Internet lässt sich prüfen, welche Firmen eine Bewilligung haben – die beiden Firmen sind dort nicht aufgeführt, Home Instead hingegen schon (siehe Infobox). Sowohl gegen Bernhard Mascha wie auch gegen Get Care wurden laut Greub Strafanzeigen eingereicht.

Bernhard Mascha sagte gegenüber dieser Zeitung, dass er sich derzeit um einer Personalverleihbewilligung bemühe, um die Kritiker zum Verstummen zu bringen. Doch tatsächlich ist diese mittlerweile zwingend erforderlich. Wie Greub erläutert, hat das Bundesgericht in zwei Fällen bestätigt, dass Firmen eine Personalverleihbewilligung brauchen. Derzeit würden sich deshalb etliche Unternehmen um eine entsprechende Lizenz bemühen. Doch Mascha könnte einen schweren Stand haben: Denn eine Bedingung dafür ist ein tadelloser Leumund. Ob die Behörden davon ausgehen, ist wegen der Strafanzeige fraglich.

Tipp: Agentur umgehen

Marianne Meyer von der Gewerkschaft VPOD berät nicht nur Betreuerinnen, sondern vereinzelt auch Schweizer Haushalte. Sie empfiehlt, direkt eine Betreuerin anzustellen, weil einige Firmen hohe Margen verrechnen. In einem Fall, der Mitte März vor dem Basler Zivilgericht verhandelt wurde, stellte eine private Spitex-Firma monatlich 12000 Franken in Rechnung, von denen die Betreuerin rund 3000 erhielt.

Bei einer 24-Stunden-Betreuung hält Meyer einen Bruttolohn von 5000 Franken für angemessen. Davon können die Arbeitgeber einen Teil für Sozialversicherungen und 990 Franken für Kost und Logis abziehen. Doch ohne Beziehungen, ist es nicht einfach, eine gute Betreuerin zu finden.

Berner Zeitung

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