«Ich befürchtete, entführt zu werden»

Markus Cott hat kritische Momente in Afghanistan erlebt. Der ehemalige IKRK-Delegierte schildert, wie er damit umgegangen ist.

Die Sicherheitslage hat sich in Libyen zuletzt verschlechtert: Kämpfe in der Stadt Benghazi. (2. Juni 2014)

Die Sicherheitslage hat sich in Libyen zuletzt verschlechtert: Kämpfe in der Stadt Benghazi. (2. Juni 2014)

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Sie waren während zwölf Jahren IKRK-Delegierter. Was haben Sie gedacht, als Sie vom Tod des Schweizer IKRK-Mitarbeiters hörten?
Ich habe mich gefragt, ob ich ihn persönlich kenne oder Leute aus seinem Umfeld. Dass ein Mensch auf diese Weise sein Leben lassen muss, macht mich tief betroffen. Meine Gedanken sind ganz bei seinen Angehörigen und seinen Freunden.

Kennen Sie Libyen aus eigener Erfahrung?
Ich war nie dort und habe nur kurze Einsätze in der arabischen Welt geleistet. Zwischen 2000 und 2012 hatte ich mehrere Einsätze in Afghanistan, ich war im Iran, in Nepal und in verschiedenen Ländern in Afrika.

Das Fahrzeug war gemäss den Vorgaben des Roten Kreuzes in Libyen nicht als IKRK-Fahrzeug gekennzeichnet. War das bei Ihren Einsätzen auch so?
Nein. Es liegt im Ermessen der IKRK-Delegation vor Ort, zu entscheiden, mit welcher Sichtbarkeit sie im Gebiet operiert. Dass das Fahrzeug ohne Emblem unterwegs war, könnte darauf hindeuten, dass das IKRK in dieser Region nicht vollständig akzeptiert ist. Um eindeutig identifizierbar zu sein, wäre es jedoch ideal, Fahrzeuge mit dem IKRK-Zeichen auszurüsten. In Afghanistan, das wie Libyen muslimisch geprägt ist, waren wir immer mit dem Emblem des Roten Kreuzes unterwegs.

War es ein Fehler, in Libyen darauf zu verzichten?
Das kann ich nicht beurteilen.

Haben Sie während Ihrer Einsätze kritische Momente erlebt?
 Ja, mehrere. Im südlichen Teil von Äthiopien und in Afghanistan wurden wir unterwegs von einer Gruppe Oppositioneller angehalten. Wir haben uns bedroht gefühlt, und ich befürchtete, entführt zu werden. Dank Verhandlungen ist es uns schliesslich gelungen, die Stimmung zu drehen. Die Männer haben uns weiterfahren lassen. Vielleicht hatten wir auch ganz einfach Glück.

Hatten Sie damals Angst?
Nein, nicht wirklich. Wenn man in so eine Situation gerät, schickt man sich in sie – ohne sich damit auseinanderzusetzen, wie es wäre, erschossen zu werden. Belastend ist vielmehr die Angst der andern, der Familie, aber auch der Institution, da solche Ereignisse stark emotional geladen sind. Es ist nicht immer einfach gewesen, mit diesem Gefühl richtig umzugehen.

Wie geht man als IKRK-Mitarbeiter idealerweise damit um?
Das ist individuell verschieden. Dass jemand Angst vor einem Einsatz hat, ist nicht ungewöhnlich. Zu meiner Zeit haben wir offen in der Gruppe darüber gesprochen. Das hat jenen geholfen, die Angst hatten. Beruhigend gewirkt hat in der Regel, die Lage durch die IKRK-Mitarbeiter vor Ort einschätzen zu lassen.

Ist das Leben als IKRK-Delegierter heute riskanter, als es vor 20 oder 30 Jahren war?
Um das seriös zu beurteilen, müsste man eine genaue Lageanalyse vornehmen. In meiner Wahrnehmung hat sich das Risiko weder vergrössert noch reduziert. Es ist und bleibt relativ konstant. Entführungen und Ermordungen gab es auch schon vor dem Jahr 2000.

Wird das IKRK künftig mehr Mühe haben, Personal zu rekrutieren?
Es dürfte in der nächsten Zeit wohl schwieriger werden, Mitarbeitende für einen Einsatz in Libyen zu motivieren. Ich glaube hingegen nicht, dass dieser tragische Vorfall sich negativ auf die allgemeine Rekrutierung auswirkt.

Sie haben 2012 ihren Job als IKRK-Delegierter aufgeben. War Ihnen das Risiko zu gross?
Nein. Nach zwölf Jahren beim IKRK habe ich eine neue Herausforderung gesucht. Und gefunden: Ich bin heute im Kanton Schwyz verantwortlich für die Integration von Ausländerinnen und Ausländern, vor allem von Flüchtlingen. Als IKRK-Delegierter stand man immer irgendwie einem Staatsgefüge gegenüber. Nun kann ich innerhalb eines Staats etwas Konkretes mitgestalten. Das ist eine schöne Aufgabe.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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