Hubacher, Oehler, Bretscher

Politisierende Journalisten waren in der Schweiz lange Normalität.

Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel reiht seine Kandidatur in eine lange Galerie politisch eingespannter Chefredaktoren und Verleger ein. Blick auf den Nationalratssal während der Herbstsession 2014.

Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel reiht seine Kandidatur in eine lange Galerie politisch eingespannter Chefredaktoren und Verleger ein. Blick auf den Nationalratssal während der Herbstsession 2014.

(Bild: Keystone)

Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

«In aussergewöhnlichen Zeiten», erklärte Roger Köppel gestern vor den Medien, sei es immer wieder vorgekommen, dass sich Chefredaktoren in die Politik begeben hätten. Er erwähnte Willy Bretscher, von 1933 bis 1967 Chefredaktor der NZZ und ab 1951 FDP-Na­tionalrat. Oder Peter Dürrenmatt, von 1949 bis 1969 Chefredaktor der liberalen «Basler Nachrichten» sowie Basler Kantons- und Nationalrat. Oder Ernst Nobs, ab 1915 Chefredaktor des Zürcher «Volksrechts» und in wechselnden Funktionen politisch tätig – ab 1943 als erster SP-Vertreter im Bundesrat.

Tatsächlich reiht sich Köppel mit seiner Kandidatur in eine lange Galerie politisch eingespannter Chefredaktoren und Verleger ein. Doch hat es sich bei diesen Engagements tatsächlich um Sonderefforts in Ausnahmezeiten gehandelt? Hans-Jürg Fehr sieht es nüchterner: Für den Historiker, einstigen Schaffhauser Nationalrat, Ex-Präsidenten der SP Schweiz und – vor seiner Nationalratszeit – Chefredaktor der «Schaffhauser AZ» sind politisierende Journalisten und Verleger Figuren des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Es war die Zeit der Parteipresse. Die politischen Lager aller Couleur hielten sich Zeitungen, als Lautsprecher und Kampfblätter. Dass deren Repräsentanten auch politische Akteure waren, lag auf der Hand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Chefredaktoren-Politiker seltener. Für Hans-Jürg Fehr aus zwei Gründen: Erstens veränderten Konkordanz und Sozialpartnerschaft die politische Auseinandersetzung – Kampfrhetorik war im entschärften politischen Klima nicht mehr die angemessene publizistische Form. Zweitens, so Fehr, habe das boomende Anzeigengeschäft dazu geführt, dass das Zeitungsmachen kommerziell interessant geworden sei. Dadurch habe sich der Fokus der Verleger verändert, weg von der Politik, hin zum Markt.

Eine Renaissance

Gleichwohl hat es bis in die jüngere Gegenwart Chefredaktoren und Journalisten mit politischen Mandaten gegeben: Hans-Jürg Fehr selbst war als AZ-Chef gleichzeitig Schaffhauser Kantonsrat. Kurt Müller leitete ab 1967 die Inlandredaktion der NZZ, sass für die FDP im Zürcher Kantonsrat und später im Nationalrat. Der gelernte SBB-Stationsbeamte Helmut Hubacher leitete ab 1963 die «Basler AZ», im selben Jahr wurde er für die SP in den Nationalrat gewählt, dem er bis 1997 angehörte.

Eine besondere Parforceleistung erbrachte der St. Galler Edgar Oehler: Er war in den 70er-Jahren gleichzeitig Doktorand, Chefredaktor der katholischen «Ostschweiz», Betreiber eines Gipser­geschäfts, CVP-Nationalrat und Offizier. Die Stossrichtung seiner Zeitungskommentare, damals so etwas wie ein kleines theologisches Lehramt, war kurz und klar: für Papst und Panzer.

Die «Ostschweiz» ging 1997 im libe­ralen «St. Galler Tagblatt» auf. Auch das Luzerner «Vaterland» tat sich 1991 mit der freisinnigen Konkurrentin zusammen. Ähnliches geschah anderswo.

Die Verbindungen zwischen einstigen Kontrahenten trugen ebenfalls dazu bei, dass die politisierenden Journalisten verschwanden: In Zeitungen mit verschiedenen politischen Kulturen galten Journalisten mit klarem Politprofil als Risiko. Sie bedrohten das oft fragile interkulturelle Arrangement. Heute ist politisches Engagement der Mitarbeiter in vielen Medienhäusern verpönt oder verboten. Auch der Presserat findet die parallele Tätigkeit in Politik und Medien «nicht vereinbar».

Mit Roger Köppel wird der politisierende Chefredaktor nun womöglich eine Renaissance erleben. Gewissermassen als Vorhut ist bereits Peter Keller in Bern: Der «Weltwoche»-Journalist aus Nidwalden wurde 2011 für die SVP in den Nationalrat gewählt.

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