Hitzige Debatte um die Rolle der Sonne bei der Klimaerwärmung

Der deutsche Energiemanager Fritz Vahrenholt attackiert die Wissenschaft, der Berner Physiker Thomas Stocker schlägt zurück. Das Streitgespräch am Berner Klimagipfel endet mit einem knappen Punktsieg für den Angreifer.

Drei hoch konzentrierte Herren debattieren über die Kraft der Sonne. Klimaphysiker Thomas Stocker (links) im Kreuzverhör mit Moderator Reto Brennwald (Mitte) und Wissenschaftskritiker Fritz Vahrenholt.

Drei hoch konzentrierte Herren debattieren über die Kraft der Sonne. Klimaphysiker Thomas Stocker (links) im Kreuzverhör mit Moderator Reto Brennwald (Mitte) und Wissenschaftskritiker Fritz Vahrenholt. Bild: Beat Mathys

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Die Wahrheiten von Fritz Vahrenholt, 63, klingen gut. Der deutsche Chemieprofessor, Sozialdemokrat, Windenergiepionier und kürzlich abgetretener Chef des Ökostromkonzerns RWE Innogy ist rhetorisch gestählt durch Dutzende Talkshows am deutschen TV. Gestern Mittag bewies er das in der Zeltanlage des Swiss Energy and Climate Summit auf dem Bundesplatz.

Als er zum Schlagabtausch mit Physikprofessor Thomas Stocker antritt, braucht er gefühlte zehn Sekunden, bis seine Argumentationsmaschinerie warmgelaufen ist. Passend zum trommelnden Regen feuert Vahrenholt die Kernargumente seines umstrittenen Buches «Die kalte Sonne» ab – ins knapp 400-köpfige Publikum, das noch benommen vom Plädoyer von Bundesrätin Doris Leuthard zur Energiewende eine Stunde zuvor dasitzt.

Verlockende Argumente

Für Vahrenholt findet die Klimakatastrophe – einer der Gründe für die Energiewende – gar nicht statt. Dank einer gedanklichen Konstruktion, der man sich als Laie schwer entziehen kann: Vahrenholt bestreitet zwar weder die Zunahme der gemittelten Welttemperatur seit 1900 um 0,8 Grad noch die gestiegene Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre. Was er kritisiert, ist die «zu einseitige Begründung» der Klimaerwärmung mit der CO2-Zunahme. «Den Einfluss der Sonne haben die», sagt er und meint die Mehrheit der Klimaforscher, «einfach weggelassen.» Dabei sei die Sonne mindestens so wichtig, wenn nicht wichtiger als die Klimagase.

Denn – und jetzt kommt das Verlockende: Die Sonne helfe uns, weil ihre Aktivität im Rahmen ihrer natürlichen Zyklen in den nächsten Jahrzehnten abnehme. Das verlangsame die Klimaerwärmung und räume uns Zeit ein, angemessen darauf zu reagieren, sagt Vahrenholt.

Stattdessen würden die führenden Wissenschafter des UNO-Klimarats in ihren Prognosen das Ausmass der Erwärmung kolossal übertreiben. Damit legitimierten sie eine politische Hysterie, die in einen grotesken Förderwahn mündet.

«Wenn die Leute merken, dass die Klimakatastrophe doch nicht kommt, verlieren die erneuerbaren Energien schnell jegliche Akzeptanz», warnt Vahrenholt. «Wir brauchen», schmettert er in den Saal, «mehr Augenmass.» Und nicht den Wahnsinn in Ländern wie Deutschland, die «über eine Sonnenscheindauer wie Alaska» verfügten, hypersubventionierte Fotovoltaikplantagen hochzuziehen.

Applaus! So tönen die Wahrheiten von Windenergiemanager Vahrenholt.

Cool? Unverfroren?

Da fällt es Thomas Stocker, 52, im Berner Klimagipfelzelt sichtlich schwer, cool zu bleiben. Er ist Professor für Klimaphysik der Universität Bern und gehört als Mitglied des UNO-Klimarats zu den einflussreichsten Klimaexperten. Im Livekampf um die Gunst des Publikums gelten allerdings die physikalischen Gesetze nicht. Dafür die Technik des verbalen Seitenhiebs.

Stocker pariert mitunter virtuos – Vahrenholts Theorie der kalten Sonne taxiert er, klimatisch treffend, als unverfroren. Doch sonst sind die Wahrheiten des Wissenschafters nicht nur in Hauptsätzen unterzubringen.

Für die von Vahrenholt postulierte überragende Bedeutung der Sonne an der aktuellen Erwärmung spreche aus wissenschaftlicher Sicht nichts. Dass die Temperatur der Erdatmosphäre seit einigen Jahren nicht mehr zunehme, sei hingegen für klimatische Erwärmungsphasen normal. Stocker macht auch klar, dass die Fortschritte der Klimawissenschaft immer neue Fragen aufwerfe.

Abschliessende Gewissheiten wie von Kontrahent Vahrenholt sind nicht Stockers Geschäft. Der Applaus tönt leiser. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2012, 09:28 Uhr

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