Hartes Ringen um einen tieferen Umwandlungssatz

Gewerkschaften und Arbeitgeber streiten über den Umwandlungssatz. Aber in ihrer gemeinsamen Pensionskasse haben sie bereits Fakten geschaffen.

Klar zu hoch: Der Umwandlungssatz beträgt immer noch 6,8 Prozent. Bild: Keystone

Klar zu hoch: Der Umwandlungssatz beträgt immer noch 6,8 Prozent. Bild: Keystone

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Einen Zeitplan gibt es beim Bund noch immer nicht. Kurz vor Weihnachten gab Sozialminister Alain Berset (SP) bekannt, dass er zur Lösung der Probleme der zweiten Säule der Altersvorsorge auf die Sozialpartner – Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände – baut. Diese sollen hinter verschlossener Tür einen Deal aushecken. So will der Bundesrat endlich eine mehrheitsfähige Reform zur Reduktion des gesetzlichen Umwandlungssatzes hinkriegen.

Der Umwandlungssatz beträgt immer noch 6,8 Prozent, nachdem schon zwei Versuche, ihn zu senken, an der Urne gescheitert sind (2010 und 2017). Somit gilt weiterhin: Innerhalb des gesetzlichen Obligatoriums erhalten Versicherte bei der Pensionierung pro 100'000 Franken Altersguthaben jährliche Renten von 6800 Franken. Das ist viel zu viel, sagen praktisch alle Experten: Diese Renten lassen sich mit dem Geld, das die Frischpensionierten selber angespart haben, gar nicht finanzieren, jedenfalls nicht für die 20 bis 23 Jahre, die sie im Durchschnitt noch leben.

Risikobeiträge zur «Deckung des Pensionierungsverlustes»

Aber offenbar eilt es dem Bundesrat nicht. Jedenfalls haben die Sozialpartner noch nicht einmal eine offizielle Mitteilung, geschweige denn eine Einladung für ein erstes Treffen erhalten. Ob sie eine Lösung finden, bleibt ohnehin ungewiss. Aber immerhin sollten sich Gewerkschafter und Arbeitgeber inzwischen einig sein, dass der Umwandlungssatz klar zu hoch ist. Denn sie betreiben gemeinsam eine Pensionskasse, die das Problem in ihrem Reglement ungewöhnlich transparent regelt.

Die Rede ist von der Stiftung Auffangeinrichtung, die im Auftrag des Bundes als Sicherheitsnetz in der zweiten Säule tätig ist und für gut 36'000 Personen als Pensionskasse fungiert. Geführt wird sie von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden. Sie haben im Reglement explizit verankert, dass die Risikobeiträge der Versicherten auch «zur Deckung des Pensionierungsverlustes» dienen. Dies ist das Eingeständnis, dass die heutigen Renten nur mittels Quersubventionierung von Jung zu Alt finanzierbar sind.

Unerfreuliche Nebenwirkung

Konkret heisst das: Ein Teil der monatlichen Lohnbeiträge, welche die noch nicht pensionierten Versicherten für das Risiko von Tod und Invalidität einzahlen, fliesst direkt zu den neuen Rentnern. Mit dem Geld wird deren Guthaben so weit aufgestockt, dass es reicht, um ihnen bis zum Tod die 6,8-Prozent-Rente auszuzahlen. Diese Umverteilung steht in Kontrast zum Prinzip der zweiten Säule, in der jeder selber für seine Altersrente spart.

Für Jüngere gibt es noch eine unerfreuliche Nebenwirkung: Wechseln sie die Vorsorgeeinrichtung, können sie nur das Sparguthaben mitnehmen. Ihre Risikobeiträge bleiben bei der alten Pensionskasse.

Der renommierte Pensionskassenexperte Olivier Deprez bezeichnet die Regelung der Auffangeinrichtung als «unschön, aber unausweichlich». Sie habe keine andere Wahl, als zu hohe Risikobeiträge zu verlangen, um die gesetzlichen Rentenversprechen einzulösen. «Natürlich bewirkt das eine systemfremde Umverteilung von Jung zu Alt, aber anders geht es momentan nicht.» Deshalb sei die Reduktion des Umwandlungssatzes denn auch so dringend. Laut Deprez setzen ebenfalls viele andere Pensionskassen Einnahmen aus den Risikobeiträgen ein, um die Renten zu finanzieren. «Nur stehen sie nicht so offen dazu wie die Auffangeinrichtung.»

«Es bleibt eine Ungerechtigkeit, aber so wie wir das geregelt haben, ist es wenigstens transparent.»Jorge Serra, Zentralsekretär der Gewerkschaft VPOD

Diese hat die fragliche Klausel 2013 beschlossen, ohne dass dies Wellen schlug. Die Vertreter der Arbeitnehmer wehrten sich nicht. Zu ihnen gehört Jorge Serra, Zentralsekretär der Gewerkschaft VPOD, der die Klausel auf Nachfrage verteidigt: «Das ist die beste Lösung, die mit dem zu hohen Mindestumwandlungssatz möglich ist.» Ohne diese «Behelfslösung» drohe der Auffangeinrichtung eine Unterdeckung und eine Sanierung, was für die Jüngeren noch gravierender sei. Sein Fazit: «Es bleibt eine Ungerechtigkeit, aber so wie wir das geregelt haben, ist sie wenigstens transparent.»

Ungewiss bleibt das genaue Ausmass der Subventionierung der Neurenten durch die Jüngeren. Das lasse sich nicht berechnen, sagt Marco Bagutti, Mitglied der Geschäftsleitung der Auffangeinrichtung. Er nennt aber einen Anhaltspunkt: Bei jeder neuen Pensionierung müsse die Auffangeinrichtung das vorhandene Sparkapital um satte 30 Prozent erhöhen, um die gesetzlichen Renten garantieren zu können. Dabei nimmt sie einen Durchschnittszins von 2 Prozent pro Jahr an. Diese Aufstockung des Rentenkapitals geht zulasten der Jüngeren. Bagutti lässt durchblicken, ihr Beitrag in dieser Querfinanzierung sei «erheblich».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2018, 22:54 Uhr

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