Guido Fluri kämpft für die Misshandelten und gegen das Vergessen

Er machte eine Tellerwäscherkarriere vom Heimkind zum Multimillionär. Jetzt engagiert sich der Zuger Unternehmer Guido Fluri für die Wiedergutmachungsinitiative. Eine Annäherung.

Anlehre als Tankwart, heute Multimillionär: Der Solothurner Guido Fluri, Initiant der?? Wiedergutmachungsinitiative.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Anlehre als Tankwart, heute Multimillionär: Der Solothurner Guido Fluri, Initiant der?? Wiedergutmachungsinitiative.

(Bild: Keystone)

Mitten im Gespräch surrt das Natel. Guido Fluri kennt die Nummer des Anrufs: seine Mutter. Sie fühle sich beobachtet, unwohl, sagt die dunkle Stimme einer älteren Frau. Fluri fragt nach, redet geduldig auf sie ein, beruhigt. Solche Anrufe seien mehrmals täglich möglich, sagt er. Seine Mutter leidet an Schizophrenie, braucht den Halt einer ihr vertrauten Stimme, wenn die feindselige Scheinwelt ihrer Krankheit sie einmal mehr in die Enge treibt.

Den Vater nie kennen gelernt

Die Mutter leidet an der Krankheit, seit Guido Fluri sich zurückerinnern kann. Geboren ist er in Matzendorf SO, als Folge eines Seitensprungs. Seine Mutter war 17, eine Serviertochter, den Vater, ein verheirateter Mann, hat er nie kennen gelernt. Dessen Namen sollte er erst viele Jahre später erfahren – auf der Gemeindekanzlei bei der Beendigung der Vormundschaft mit 20 Jahren.

Zuvor war der Bub für kurze Zeit auch im Kinderheim des Nachbardorfes Mümliswil untergebracht, weil die kranke Mutter ihn nicht selber betreuen konnte, die Lösung mit dem Kinderhort keine mehr war. Guido Fluri erinnert sich nur dunkel ans Heim, an diese «unschöne Zeit»: Manchmal habe er zur Strafe nackt im Keller übernachten müssen. Vier Jahrzehnte später, im Juni 2013, kaufte er das mittlerweile leer stehende Kinderheim – und machte daraus die erste nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder.

«Ich bin kein Opfer»

«Ich bin ein Betroffener – ich bin kein Opfer», sagt der 47-jährige Fluri bestimmt. «Aber ich fühle mich verpflichtet, für die Menschen und ihre Traumatisierung etwas zu tun.» Das versuchte er zunächst als externes Mitglied in der parlamentarischen Gruppe, die sich des unschönen Themas der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen annehmen wollte. Doch das Parlament hat sich seit je geweigert, einen Entschädigungsfonds zu äufnen. «Das wahre Interesse an der Aufarbeitung dieser schweren Schicksale scheitert am Geld», musste Fluri für sich bilanzieren. Und entschied sich, als wieder einmal keine Lösung in Sicht war, mitten in der Nacht eine Initiative zu lancieren – die Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen fordert. Dafür soll ein mit 500 Millionen Franken dotierter Fonds zur Verfügung stehen. Zudem soll das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet werden und eine unabhängige Kommission jeden einzelnen Fall überprüfen. «Wir wollen nicht anklagen, sondern aufklären», beteuert Guido Fluri.

Weinende Männer

Die Reaktionen auf den Start der Initiative Ende März waren enorm. Er habe 70-jährige Männer getroffen, die geweint hätten, als sie von den sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit berichtet hätten. Ein kürzlich im «Migros-Magazin» erschienenes Porträt über ihn habe über 400 Briefe ausgelöst. Darunter ein von zittriger Hand geschriebenes, mit Herzchen verziertes Briefchen einer 82-jährigen Frau, die nun alle Hoffnungen auf ihn und die Initiative setze. «Die Hoffnung dieser Menschen ist für mich eine enorme Belastung», sagt Fluri, «die Betroffenen verharrten allzu lange in den Schützengräben.» Er appelliert vor allem auch an die Kirche als moralischer Instanz und an den Bauernverband, der angesichts der mehreren Hunderttausend Verdingkinder des letzten Jahrhunderts nach wie vor von Einzelfällen rede und eine Beteiligung an der finanziellen Wiedergutmachung ablehne. «Man kennt doch das Elend», beharrt Fluri und widerspricht dezidiert dem Argument, die Initiative schaffe doch nur viel Bürokratie.

Die Wiedergutmachungsinitiative berührt. In den ersten sechs Wochen seit ihrem Start sind die ersten 40000 Unterschriften gesammelt. Und im Unterstützungskomitee macht neben zahlreichen Bundesparlamentariern aus fast allen Lagern zunehmend auch Kulturprominenz mit wie Lukas Hartmann, Franz Hohler und Adolf Muschg.

Kauf um Kauf

Finanziert wird dieses Engagement aus einer Stiftung, die er jährlich mit mehreren Millionen Franken alimentiert. Und die hilft nicht nur den Verdingkindern und all jenen, die auch heute noch in ihrer Kindheit Gewalt erleben. Sondern neben zahlreichen anderen sozialen und kulturellen Projekten vor allem auch der Erforschung der Schizophrenie und der Hirntumore. Guido Fluri war 2005 selber an einem gutartigen Hirntumor erkrankt, zwei Jahre später starb sein Jugendfreund an einem bösartigen Tumor. Aber auch im heimatlichen Matzendorf engagiert er sich: Nach dem Kinderheim kaufte er den Sternen, der vor dem Ruin stand, renovierte den Landgasthof und sicherte so das aktive Vereins- und Dorfleben. Das gleiche Ziel verfolgte er mit dem Kauf der Sonne gleich nebenan, um auf dem Grundstück eine neue Coop-Filiale zu bauen.

Guido Fluri, der barmherzige Ritter? «Ich gehöre heute zu den vermögenden Menschen in der Schweiz, fühle mich aber verpflichtet, einen Teil des Geldes der Gesellschaft zurückzugeben», erklärt er sein Motiv.

Anlehre als Tankwart

Nach der Zeit des Herumgeschobenwerdens fand Guido Fluri bei seinen Grosseltern in Matzendorf eine Bleibe. Doch die traurigen Schicksalsschläge verfolgten ihn weiter: Als er acht Jahre alt war, starb sein Grossvater an Krebs, zwei Jahre später brannte das grosselterliche Haus nieder, und mit zwölf verlor er bei einem Autounfall seinen Onkel – «meine einzige echte Identifikationsfigur». Diese Erlebnisse hinterliessen ihre Spuren: In der Schule blieb Guido ein Einzelgänger mit schlechten Noten, musste deswegen auch die Lehre als Spengler abbrechen und arbeitete schliesslich als angelernter Tankwart. Bis er mit dem Trinkgeld 6000 Franken beisammenhatte und mit einem Bankkredit von 54000 Franken mit 20 Jahren ein Grundstück kaufte, mit weiterem Fremdkapital ein Haus darauf baute, das er dann kurze Zeit später mit gutem Gewinn verkaufen konnte.

«Urinstinkt mit Geld»

Der Grundstein für seinen weiteren beruflichen Aufstieg war gelegt, allein sein Immobilienportefeuille ist heute mehrere Hundert Millionen Franken wert. In seiner Kindheit hat Guido Fluri einen «Urinstinkt» im Umgang mit Geld entwickelt: Als er und seine Mutter zwischendurch in Balsthal wohnten, wurde er jeweils in den Tante-Emma-Laden zum Einkaufen geschickt: Falls das Geld nicht ausreiche, solle die Ladenbesitzerin es anschreiben. Was dann eben häufig geschah – bis sich die Ladenbesitzerin weigerte und der Bub ohne Lebensmittel nach Hause geschickt wurde. Fluri, der erfolgreiche Geschäftsmann, gerät deshalb auch heute regelmässig in Panik, wenn er zu wenig Bargeld bei sich trägt.

«Ich suche das Limit»

Eigentlich könnte er sich zurücklehnen. Aber Guido Fluri kommt nicht zur Ruhe und sucht, seinem Instinkt folgend, nach immer neuen Herausforderungen. Vor zwei Jahren kaufte er die Marke Miss Schweiz, um die grosse Popularität der Veranstaltung für einen guten Zweck zu nutzen. Dieses Jahr ging die Miss-Schweiz-Organisation eine Partnerschaft mit der Stiftung Corelina für das Kinderherz um Herzchirurg Thierry Carrel ein. Und überraschend für die Finanzwelt übernahm er Anfang Jahr die Marke Basito-Fricker mit ihren 58 Filialen, rund 360 Mitarbeitenden und einem 57-Millionen-Umsatz. «Ich suche die Herausforderung – das Limit», begründet Fluri seine vielseitigen Engagements.

Am 11.Oktober findet die neue Miss-Schweiz-Wahl erstmals im «Swiss Dome» auf dem Bundesplatz statt. Bis dann wird Guido Fluri, diese charismatisch schillernde Figur mit dem grossen Herzen, die nötigen 100000 Unterschriften für die Wiedergutmachungsinitiative längst beisammenhaben.

Berner Zeitung

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