Graffiti, Kaugummi und Swinglish

Seit sieben Jahren lebt Diccon Bewes in der Schweiz. Das Buch «Swiss Watching» wurde zum Bestseller. Jetzt liegt es auf Deutsch vor. Der 44-jährige Brite erzählt, was er an seiner Wahlheimat schätzt.

«Die Fremdenpolizei nenne ich ‹Alienpolice›»: Diccon Bewes erklärt die Schweiz.

«Die Fremdenpolizei nenne ich ‹Alienpolice›»: Diccon Bewes erklärt die Schweiz.

(Bild: Beat Mathys)

Sind Sie eher der bekannteste Schweizer in Grossbritannien oder der bekannteste Engländer in der Schweiz? Diccon Bewes: Weder noch. Es gibt hier weit berühmtere Engländer, zum Beispiel Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton. Oder Sherlock Holmes, er hat sein eigenes Museum und eine Statue. In Grossbritannien bin ich überhaupt nicht bekannt. Mein Buch ist ein wirklicher Erfolg in der Schweiz und ein Minierfolg in England.

Dabei hat sich doch sogar schon die britische Regierung für Ihr Bild der Schweiz interessiert. Einmal wollten mich in London Beamte des Aussenministeriums treffen. Mit ihnen habe ich über die Schweizer Politik und die Nationalratswahl vom letzten Jahr gesprochen.

Was wussten sie denn nicht? Meine Gesprächspartner meinten etwa, dass es nach den Parlamentswahlen eine neue Regierung gebe. Wie in Grossbritannien oder den USA.

Richard Jones, der neue EU-Botschafter, ist ein Brite. Hat er Sie schon kontaktiert? Noch nicht. Ich habe ihm mein englisches Buch geschenkt, und er hat sich bedankt.

Versteht er als Brite die Gefühlslage der Schweizer möglicherweise besser als sein Vorgänger? Unsere beiden Länder sind ziemlich ähnlich, wir sind beide Inseln. Geografisch und ökonomisch sind wir ein Teil von Europa, da haben wir keine Wahl, aber seelisch sind wir beide abgetrennt von Europa. Wir sind seelisch verwandte Aussenseiter.

Sie haben in der «Zeit» den Schweizer Mann amüsant beschrieben: konservativ, bequem, pünktlich, wortkarg. Wie aber ist die Frau? Sie ist ziemlich elegant, eine Mischung aus Italienisch und Französisch. Aber auch etwas zurückhaltend. In Grossbritannien oder Amerika sind die Frauen selbstbewusster und setzen sich selber mehr unter Druck. Seit vierzig Jahren erst hat die Schweiz das Frauenstimmrecht, in der Politik gibt es immer mehr Frauen. Aber in der Wirtschaft und auch in der Gesellschaft sind sie noch immer etwas versteckt. Sie könnten mutiger sein; viele sind glücklich, Hausfrau und Mutter und Frau zu sein.

Woran liegt das? Was mir auffällt, ist das Schulsystem: Viele Schüler gehen zum Mittagessen nach Hause. Es muss jemand da sein, und das ist meist immer noch die Mutter. In England werden die Kinder in der Schule verpflegt. Viele Frauen können sich auch deswegen nicht voll im Berufsleben entfalten. Mich erinnert das an die 50er-Jahre, das ist altmodisch.

Die Trottoirs hätten «Masern», schreiben Sie, wegen all der Kaugummis am Boden. Und auch Graffiti fallen Ihnen im Stadtbild negativ auf. Was sagt das über Land und Leute? Das ist eine Art Rebellion. Es gibt zwar kaum Gewalt auf der Strasse, und die Jugendarbeitslosigkeit ist weniger hoch als anderswo. Und doch sind Sprayereien gewissermassen das Ventil für die Jugend. Bemerkenswert ist der augenfällige Gegensatz: Alles ist hier so sauber, ordentlich und pünktlich. Doch dann stösst man an den Wänden fast überall auf Graffiti und am Boden auf Kaugummi und Zigarettenstummel. Das ist ein Widerspruch, der viele Besucher überrascht.

Swinglish nennen Sie das Englisch, dem Sie hier oft begegnen. Was ist das? Englisch ist wegen des Internets hoch im Kurs. Einerseits haben es viele Redewendungen inzwischen in die deutsche Alltagssprache geschafft. «Last, but not least» zum Beispiel. Andererseits gibt es das Swinglish, das sind nur vermeintlich englische Worte, die in der englischen Sprache gar nichts oder etwas ganz anderes bedeuten.

Zum Beispiel? Cybermobbing – man begegnet dem Begriff in der Zeitung und in der «Tagesschau». Gemeint ist Mobbing auf Facebook oder Twitter. Das sieht zwar englisch aus, es klingt vielleicht so, aber es ist kein englischer Begriff. Cyber könnte man noch verstehen, doch Mob bedeutet einfach eine Menge von Leuten. Das Wort hat mit dem Sprachwechsel die Bedeutung verändert. Oder das Handy. Eigentlich ist das ein Adjektiv und bedeutet bequem oder nützlich. Die Frage: «Hast du mein Handy gesehen?», versteht in London niemand. Und ein Wellnesshotel ist in Englisch ein Spa-Hotel.

Seit Jahresbeginn gehören Sie dem Publikumsrat von Swissinfo.ch an. Ist Swinglish dort beim englischsprachigen Dienst auch ein Problem? Wer dort arbeitet, der kann Englisch, für die meisten ist es die Muttersprache. Meine Aufgabe dort ist eher, mitzuwirken, dass die Auswahl der Inhalte für ein an der Schweiz interessiertes englischsprachiges Publikum im In- und Ausland relevant ist. Das ist der Fokus. Für mich ist das eine interessante Aufgabe und eine Ehre. Es ist gewissermassen die Umkehrung: Ich habe als Ausländer in der Schweiz ein Buch über die Schweiz geschrieben. Bei Swissinfo aber geht es auch um die Schweizer Meinung über die Welt.

Im Coop hängt über gewissen Regalen ein Schild: «Fremdländische Produkte». Ist das klug? Fremd ist ein Schlüsselwort. Ich nenne die Fremdenpolizei hier «Alienpolice». Es ist unangenehm, dorthin zu gehen, die Leute sind unfreundlich, sie sind mir wirklich fremd. Auch in der Politik fällt mir in den letzten Jahren die wachsende Fremdenfeindlichkeit auf. Als überall diese SVP-Plakate mit dem schwarzen Schaf hingen, fühlte ich mich zeitweilig in einen Einparteienstaat versetzt. Wie in Zimbabwe. Das ist ungesund für die Politik und die Gesellschaft.

Haben Sie die Folgen auch selbst zu spüren gekommen? Während des Abstimmungskampfs zur Ausschaffungsinitiative habe ich in der Buchhandlung Stauffacher in der englischsprachigen Abteilung gearbeitet. Da kamen manchmal Leute und schimpften: «Verdammter Ausländer, kannst du nicht Dialekt sprechen.» Oder: «Warum bist du hier und nimmst uns unsere Jobs weg.» Das hat mich und auch meine Schweizer Arbeitskollegen überrascht. Es war unangenehm und verletzend.

Geschah das oft? Natürlich war es die Ausnahme, aber vor jener Abstimmung passierte das jede Woche einmal. Die Mitarbeiter waren schockiert, auch andere Kunden haben sich anschliessend bei mir für die Hasstiraden ihrer Landsleute entschuldigt, weil es ihnen peinlich war. Das Schlimme daran ist: Was vorher rechtsextrem war, wird allmählich normal.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch und mit Ihrem Blog erreichen? Ich versuche ein Brückenbauer zu sein. Expats, also Englischsprachige, die in der Schweiz wohnen, sollen das Land besser verstehen. Doch auch die Schweizer sollen erfahren, wie sie von anderen gesehen werden.

Sie nennen die Schweiz wahlweise eine Kokosnuss, eine Binneninsel, einen Bienenstock oder eine Illusion, an die man glaubt. Welches Bild gefällt Ihnen selbst am besten? Der Bienenstock, denn die Schweiz ist ein einzigartiges Gemeinschaftsprojekt, fast keiner ist wichtiger als der andere. Und die Königin ist Helvetia oder eben das Land. Alle sind involviert, das Land besser zu machen – und nicht sich selber.

Berner Zeitung

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