Genug Platz für Zuwanderer

Die Angst vor einer Immigrationswelle, die auf die Schweiz überschwappt, hält Kees Christiaanse, Professor für Architektur und Städteplanung an der ETH Zürich, für überzogen.

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Herr Christiaanse, Sie waren die letzten sechs Monate in Singapur – kommt Ihnen die Schweiz nun geräumig vor? Kees Christiaanse: Auf dem Rückweg machte ich noch halt in Paris und in Holland. Mir kam sogar Paris leer vor (lacht). Wer länger in Asien lebt, macht bei der Rückkehr zwei Erfahrungen: Egal, wo man ist, es ist sehr leer hier, und die Leute sind alt.

Singapurs Bevölkerung wächst jährlich um zwei Prozent. Sorgt das für Probleme? Ja, weil das Wachstum ausschliesslich auf die Zuwanderung zurückgeht. Die eigene Bevölkerung schrumpft. Singapur ist viel ambitionierter als die Schweiz. Der Karrieredruck ist für die Singapurer so gross, dass sie pro Ehepaar nur 1,1 Kinder haben. Das ist die Hälfte der notwendigen Reproduktionsrate. Deshalb hat die Regierung erklärt, dass die einheimische Bevölkerung bis 2030 auf etwa 6,9 Millionen Menschen wachsen muss, damit die Wirtschaft und die sozialen Leistungen aufrechterhalten werden können. Bei den Einheimischen hat dies grosse Unruhe ausgelöst.

Wie wirkt sich diese Zuwanderung aus? Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend. Zum einen gibt es die wohlhabenden ausländischen Einwanderer, die von ihren Arbeitgebern nach Singapur entsandt wurden. Zum andern ist da die hart arbeitende Ameisenbevölkerung, die in den grossen sozialen Wohnbauten lebt. Singapur ist im Vergleich zu den Nachbarländern ein Wirtschaftswunder. Das durchschnittliche monatliche Gehalt beträgt 1500 Dollar. In Indonesien und Malaysia sind es manchmal nur 100 Dollar.

Dann wandern die Leute ein, weil es sich für sie lohnt. Nicht nur. Die Singapurer Wirtschaft braucht für ihren Wandel von einer Produktions- in eine Dienstleistungs- und Wissensökonomie qualifizierte Leute. Jetzt gibt es Proteste und zum ersten Mal Wahlverluste bei den bislang dominanten Parteien. Weil die Masse der Einheimischen beunruhigt ist und findet, Singapur sei voll. Nun, das ist es ja auch. Auf einer Fläche, die jener des Genfersees entspricht, leben rund 5,5 Millionen Menschen.

Die Schweizer Bevölkerung wächst jährlich ein Prozent. Haben wir genug Platz dafür? Holland hat gleich viele Quadratkilometer wie die Schweiz. In Holland leben aber offiziell 16 Millionen Menschen, effektiv dürften es 18 Millionen sein, und das geht. Es ist weniger die Frage, ob ein Land voll oder leer ist, sondern ob und wie sich eine Kultur, die Wirtschaft und die soziale Gesellschaft weiterentwickeln.

Aber haben wir noch Platz? Das Mittelland ist schon recht voll. Es gibt aber vor allem in den Städten noch genügend Verdichtungspotenzial. So wäre es in der Schweiz wahrscheinlich möglich, die bauliche Nachfrage ohne viel Landverschleiss zu erfüllen. Das Schöne an den Schweizer Städten ist, dass man egal, von welchem Punkt aus, sehr schnell in die Natur gelangt. Diese Lebensqualität sollte auch bei verdichteten Konditionen erhalten bleiben.

Die Frage ist doch auch: Wie lange geht das Wachstum gut? Bevölkerungswachstum funktioniert nur problemlos, wenn es langsam und in Abstimmung mit der Wirtschaft und der Gesellschaft geschieht.

Die SVP spricht von Masseneinwanderung und will diese mittels Initiative stoppen. Ich denke nicht, dass eine Immigrantenwelle in die Schweiz schwappt. Bislang kommen jene Zuwanderer, die die Nachfrage nach Arbeitskräften erfüllen. Ja, die Schweiz wächst. Ja, die Zahl der Ausländer im Vergleich zu den Einheimischen nimmt zu. Allerdings: Was ist heute noch ein Einheimischer? Ich habe flämische, französische, deutsche und sogar Schweizer Vorfahren. Zuwanderung ist für eine funktionierende Wirtschaft unvermeidbar. Langfristig wird es in ganz Europa zu wenig Leute dafür geben, die Wirtschaft und damit den Wohlstand aufrechtzuerhalten. In Deutschland, Frankreich und in der Schweiz geht es deshalb nicht darum, die Einwanderung zu stoppen. Wichtiger ist die Frage, wie man das Wachstum steuert, um die Gesellschaft im Gleichgewicht zu halten.

Aktuell wird in der Schweiz pro Sekunde ein Quadratmeter zugebaut. Treibt die Zuwanderung die Zersiedelung voran? Nur zum Teil. Denn oft wollen Zuwanderer in Städten leben, und ebendort gibt es Verdichtungspotenzial. Ein anderer Treiber ist der Wohlstand. Nimmt der zu, wächst die Anzahl bebauter Fläche pro Einwohner. Vor hundert Jahren gab es pro Schweizer vielleicht 10 Quadratmeter bebaute Fläche. Heute können es 100 oder mehr sein.

Eben, man setzt genügend Raum für den Einzelnen mit Lebensqualität gleich. Verdichtete Quartiere sind oft viel nachhaltiger, erzeugen eine grössere soziale Durchmischung und stimulieren innovatives und ökonomisches Wachstum durch die Interaktion von unterschiedlichen Menschen und Kulturen.

Die Stadt Bern... ...eine sehr schöne Stadt (lacht).

...versucht mit ihrer Wohnbaupolitik vor allem gut situierte Steuerzahler anzulocken. Die wollen doch nicht verdichtet wohnen. Bei den wohlhabenden Leuten ist das so, davon zeugt die Goldküste am Zürichsee. Allerdings lebt nur ein kleiner Teil der Leute so. Quartiere mit einer hohen Dichte und Lebensqualität können aber durchaus sehr attraktiv sein.

Was soll daran attraktiv sein? Innenstädtische Quartiere waren schon immer die populärsten Gebiete, in den die Kreativsten der Gesellschaft wohnten. Das gilt für New York, Amsterdam oder auch für Zürich. Es sind zentrumsnahe Gebiete mit einer Dichte von etwa 2,5. Das heisst: Das Verhältnis von Grundfläche und Nutzfläche ist 1 zu 2,5. Dort funktioniert das verdichtete Wohnen auch heute gut. Die Erdgeschosse und die Innenhöfe werden für Kleingewerbe und Läden benützt. Wir haben in Holland nachgewiesen, dass man pro Hektare locker 70 Wohnungen mit solch einer Durchmischung bauen kann. Problematisch wird es dann, wenn man grossflächige monofunktionelle Wohnsiedlungen baut, wie bei Oerlikon, Affoltern oder im Westside von Bern.

Warum? Quartiere müssen gut durchmischt sein. Weil Wohnen und Arbeiten immer stärker ineinander fliessen wird, sind die Kombination von Wohn- und Arbeitsräumen sowie ein Angebot von Dienstleistungen in einem Quartier wichtig. Fehlen diese Angebote, dann entsteht eine einseitige soziale Situation, die Mobilitätsabhängigkeit nimmt zu.

Es kommt zur Ghettobildung? Ein einseitiger kultureller Bevölkerungsaufbau muss nicht negativ sein. In Rotterdam-Süd gibt es Quartiere, in denen zu neunzig Prozent Türken leben. Es ist ein Kulturgebiet entstanden, das mit Chinatown in London oder New York vergleichbar ist. Amsterdam Neu-West ist dagegen ein berüchtigter Stadtteil. Dort leben vor allem Marokkaner. Die ältere Generation ist oft orthodox, und die Jugend flippt in der modernen Gesellschaft aus, geht nicht zur Schule, hängt herum und wird kriminell. In diesem Quartier sinken das Niveau und die Chance auf eine gesellschaftliche Karriere.

Dann hängt es von der Kultur der Zuwanderer ab, ob sie sich gut integrieren? Ja. Wenn ein Gleichgewicht zwischen Integration und eigener Identität erreicht werden kann, dann kann es eine Bereicherung sein. Allerdings bedarf Integration auch einer Steuerung.

Wie? Beispielsweise mit räumlichen Massnahmen wie Wohnungszuweisungen, Bildung und der Betreuung des Kleingewerbes.

Wie wohnen Sie? In einem Reihenhaus, 15 Gehminuten vom Hauptbahnhof. Ich nutze das Auto nur, um in die Berge zu fahren oder die Kinder zu befördern. Meine Frau und ich haben drei Söhne. Zwei haben die Matura, einer studiert schon. Zwei wohnen noch zu Hause.

Wie viel Raum haben Sie? Wir haben sechs Zimmer plus ein Wohnzimmer und einen Garten.

Die Schweizer wollen am liebsten ein frei stehendes Haus mit Garten. Können die Holländer deshalb dichter wohnen, weil sie das nicht brauchen? Auch die Holländer wollen meist ein Haus mit Umschwung. Ich glaube, meine Landsleute würden europaweit in dieser Disziplin gewinnen. Holland weist den höchsten Prozentsatz an Wohneigentum in der EU auf. Ein Grund dafür ist die effiziente holländische Bauindustrie, die viel günstiger baut als anderswo. Weil die Leute häufig umziehen und ihre Häuser verkaufen und wieder neue kaufen, sind die Hypotheken sehr niedrig. Sie sind oft günstiger als eine monatliche Miete in der Schweiz.

Welche Siedlungs- und Raumplanungspolitik verfolgt Holland? Wir mussten weite Teile des Landes dem Meer abtrotzen. Damit dies gelang, mussten wir seit je gemeinsame Sache machen. Dadurch ist eine stark konsensorientierte Gesellschaft entstanden, die die Raumplanung zentralistisch organisierte. Bis in die 70er-Jahre steuerte die Regierung in Den Haag die Planung von Eisenbahn, Strassen, Kanälen und bei den Stadterweiterungskontingenten. Innerhalb dieses Rahmens konnten die Kommunen ihre eigene Raumordnung definieren. Diese zentralistische Planung hat ein relativ einheitliches städtebauliches Bild erzeugt. Ende der 80er-Jahre wurde der Markt im Zuge der neoliberalen Politik geöffnet, jeder konnte bauen, wie es ihm gefiel, und die harmonische Raumordnung war dahin.

Droht das in der Schweiz auch? Nein, nicht in dem Ausmass. In der Schweiz ist das Bauen teuer und noch sehr handwerklich. Zudem gibt es ein Bewusstsein für Baukultur. Allerdings ist ein gewisser Zerfall dieser Kultur sichtbar, etwa in der Umgebung von Kloten oder bei Schlieren.

In Holland leben mehr als doppelt so viele Menschen wie in der Schweiz. Wie überlastet sind Strassen und Schienen? Die Holländer klagen oft über zu volle Züge. Das Schienennetz ist überlastet und entspricht schon seit zwanzig Jahren nicht mehr der Nachfrage. Der öffentliche Raum ist ausser in Amsterdam leerer als in der Schweiz. Vielleicht bleiben die Leute eher drin (lacht).

Am 9.Februar stimmen wir über die SVP-Initiative ab. Was halten Sie als Zugewanderter davon? Von Schweizern, die protektionistisch denken, höre ich oft: Ihr gut ausgebildeten Holländer seid nicht das Problem, sondern die Zuwanderer aus Osteuropa oder von weiter weg. In Holland, Deutschland und Frankreich werden ähnliche Diskussionen geführt. Sie haben ihren Ursprung in emotionalen Reaktionen der unteren Mittelschicht, die in ihrer direkten Wohnumgebung mit Ausländerkriminalität konfrontiert ist. Das muss man ernst nehmen. Aber gleichzeitig müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass es Leute gibt, die das Problem auf demagogische Weise und mithilfe der Medien so prägnant machen, dass schliesslich falsche Entscheidungen getroffen werden.

Wäre die Annahme der Initiative also falsch? Ja. Das würde ich auch falsch finden, wenn die Abstimmung in Holland stattfinden würde. Man muss als Land offen sein und Verantwortung in der Welt übernehmen. Die Personenfreizügigkeit gehört zu Europa. Wenn man sie abschafft, dann kapseln sich die Länder wieder ein. Und das wäre schlecht für die europäische Wirtschaft und für die soziokulturelle Entwicklung.

Wäre eine solche Vorlage in Holland denkbar? Ja, wir führen solche Diskussionen ja bereits. In den letzten fünf Jahren wurden die Gesetze verschärft. Davor konnten Zuwanderer nach Holland kommen, wenn sie eine Arbeitsbewilligung erhielten. Wer fünf Jahre im Land gelebt, gearbeitet und Steuern bezahlt hatte, erhielt die Staatsbürgerschaft. Heute muss man nach fünf Jahren einen Einbürgerungskurs machen und einen Holländischtest bestehen. Das ist an sich in Ordnung. Aber jetzt werden Stimmen laut, die eine Erhöhung der Frist auf sieben Jahre fordern und dass die Einwanderer den Test in ihrem Heimatland bestehen müssen.

Sie haben Büros in Zürich, Shanghai, Rotterdam und Singapur. Wo ist Ihr Lebensmittelpunkt? In Zürich. Zurzeit bin ich alle drei Wochen zwei Tage in Holland. Einen Tag pro Woche bin ich unterwegs zu einem Projekt in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz. Alle zwei, drei Monate bin ich eine Woche in Singapur für das ETH-Projekt. Das ist eine Bedingung: Alle müssen ein Jahr in Singapur leben, sechs Monate davon am Stück.

Sind Sie in die Schweiz gekommen, um zu bleiben? Ich bin über 60, meine Frau hat einen guten Job und meine Kinder sind hier verwurzelt. Es ist unwahrscheinlich, dass wir nach Holland zurückkehren. Zumal meine Frau Österreicherin ist. Sie ist in den Bergen aufgewachsen.

Berner Zeitung

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