Für die katholische Kirche ist der «organisierte Tod» inakzeptabel

Suizid dürfe keine Normalität werden, sagt Felix Gmür. Der Bischof von Basel spricht sich gegen die Forderung aus, dass hochbetagte Menschen einen leichteren Zugang zu Sterbemitteln und somit zum «organisierten Tod» erhalten.

Felix Gmür, Bischof von Basel, verweist auf den unbedingten Wert des menschlichen Lebens.

Felix Gmür, Bischof von Basel, verweist auf den unbedingten Wert des menschlichen Lebens. Bild: Keystone

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Die katholische Kirche lehnt entschieden ab, dass alten, aber nicht sterbenskranken Menschen der Zugang zu Sterbemitteln erleichtert wird. Wenn ein solches Angebot tatsächlich ein Bedürfnis sei, «dann müssen wir uns fragen, was in unserer Gesellschaft nicht mehr stimmt», sagte am Freitag Felix Gmür, Bischof von Basel, vor den Medien.

In der Bevölkerung würde ein leichterer Zugang zu Sterbemitteln im Alter allerdings mehrheitlich akzeptiert. Das zeigte eine Umfrage der Zeitung «Reformiert» vor zwei Jahren. Kirchliche Argumente stiessen bei der Umfrage auf wenig Zustimmung, höher wurde der Aspekt der Selbstbestimmung gewichtet.

Unbedingter Wert des Lebens

Hinter diese Selbstbestimmung setzen Bischof Felix Gmür und Justitia et Pax, eine Kommission der Bischofskonferenz, ein Fragezeichen. Mit einer Studie und einer Broschüre, welche die Kommission Freitag vorlegte, will sich die Kirche in die Diskussion über Suizidhilfe einbringen. «Immer wieder hört man die ­Forderung, man solle selbst entscheiden können, wie man aus dem Leben scheiden wolle», sagte Wolfgang Bürgstein, Generalsekretär von Justitia et Pax. Doch der gesellschaftliche Kontext spiele eine wichtige Rolle: «Der Wunsch zu sterben, ist immer auch eine Antwort auf ein soziales Klima.»

Und dieses ist laut Bischof Gmür geprägt von Marktfähigkeit und Produktivität – nach dem Motto: Wer viel leistet und nicht zur Last wird, hat ein wertvolles Leben. Der unbedingte Wert menschlichen Lebens gerate in den Hintergrund. Das führe dazu, dass Leidende und Abhängige aus dem Gesellschaftsleben verbannt würden, statt dass Leid gelindert und das Leben in Abhängigkeit würdig gestaltet werde. Suizid werde damit sozusagen zur privaten Lösung eines gesellschaftlichen Problems. Die eigentliche Lösung wäre aber laut Bürgstein ein besseres Klima.

Gmür warnte davor, Suizidhilfe mit der Begründung der Selbstbestimmung auszuweiten. Niemand könne ein Leben in völliger Unabhängigkeit führen. Es sei völlig normal, dass man auf andere angewiesen sei. Auch Bürgstein nannte das soziale Netz, in welchem jeder Mensch eingebunden sei. Hilfe zu benötigen, sei kein Makel, sondern ein elementarer Aspekt des Lebens.

«Jeder Suizid zieht Kreise»

Auch für Hubert Kössler greift die Forderung nach Autonomie bei der Diskussion um Sterbehilfe zu kurz. Der Co-Leiter Seelsorge am Inselspital Bern erfährt immer wieder, dass sich Patienten um andere sorgen: um die Pflegenden, die Ärzte, die Angehörigen, die Kosten, die sie anderen verursachen.

Sabine Zgraggen, Leiterin der katholischen Klinikseelsorge an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, ergänzte: «Wir sind keine isolierten Individuen, auch wenn es sich so anfühlen mag.» Jeder Suizid ziehe Kreise, ob er nun geplant, besprochen oder für Angehörige unerwartet geschehe.

Mit der Studie und der Broschüre tritt Justitia et Pax der Forderung nach einem erleichterten Zugang zu Sterbemitteln für Hochbetagte entgegen, für den sich etwa die Sterbehilfe­organisation Exit engagiert. «Die Tragik des Suizids darf nicht wegnormalisiert werden», sagte Bischof Gmür.

Dabei nimmt Justitia et Pax auch die Kirche in die Pflicht: Sie müsse sich vermehrt zur Anwältin der Alten und Gebrechlichen machen, etwa indem sie auf die Schattenseite der Leistungsgesellschaft aufmerksam mache. Weiter sei die Medizin gefordert: Diese müsse sich dem Thema Sterben weiter öffnen und Palliative-Care-Angebote ausbauen. Und nicht zuletzt richtet sie einen Appell an die Gesellschaft: Sie müsse vermehrt die bereichernden Aspekte des Alters zur Sprache bringen, statt auf Leistungsfähigkeit, Jugendlichkeit und Selbstständigkeit zu ­zählen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.07.2016, 09:05 Uhr

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