«Für Eltern mit Uniabschluss ist eine Berufslehre oft keine Option»

Laut dem Bildungsökonomen Stefan Wolter ist unser Bildungssystem so durchlässig, dass es keine Rolle mehr spielt, für welche Ausbildung sich Jugendliche entscheiden.

  • loading indicator

Herr Wolter, wie gut ist unser Berufsbildungssystem?Stefan Wolter: Man kann sich immer verbessern. Aber im Vergleich dazu, wie es vor 15 Jahren war, und im Vergleich zum Ausland ist es gut bis sehr gut. Ausser Deutschland und Österreich hat wohl kein anderes Land ein so gutes System wie wir. Doch auch zu diesen Ländern, die wie wir das duale Bildungssystem kennen, gibt es wichtige Unterschiede.

Welche etwa? In Deutschland beträgt die Maturitätsquote etwa 50 Prozent, in einigen Bundesländern liegt sie sogar deutlich höher. Das hat Konsequenzen für die Berufsbildung. Viele Junge beginnen später mit der Berufsausbildung, weil zu gewissen Berufen nur noch Abiturienten Zugang haben. Viele der Abiturienten finden keinen Studienplatz, weil für die Mehrheit der Studiengänge der Numerus clausus eingeführt werden musste. Das führte dazu, dass es in Deutschland nun duale Hochschulen gibt, an denen die Studenten Vorlesungen besuchen und daneben Praktika in Unternehmen machen.

Dies propagierte der ehemalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor für die Schweiz. Genau, aber wir brauchen das nicht, weil wir dieses Problem nicht haben. Zum einen finden unsere Gymnasiasten einen Studienplatz. Zum anderen steigt jemand, der eine Lehre mit Berufsmatura hat, direkt in ein Hochschulstudium ein. Der Deutsche dagegen macht dann noch Praktika, wenn der Schweizer mit abgeschlossener Berufsausbildung bereits Geld verdient und sein Studium finanzieren kann.

Wie sieht die Berufsbildung in anderen Ländern aus? In Ländern wie Dänemark, den Niederlanden oder Luxemburg ist sie generell stärker schulisch orientiert. Nur gerade im österreichischen Vorarlberg absolvieren wie in der Schweiz etwa 70 Prozent der Jugendlichen eine Berufslehre. Dieser Anteil nimmt dann aber gegen Osten stetig und deutlich ab. In den eher schulisch orientierten Systemen rekrutieren teilweise sogar die Schulen die Lernenden und «leihen» diese dann während der Ausbildung an die Unternehmen aus.

Bei uns steuert die Wirtschaft – wie stark soll sie dies tun? Eine starke Steuerung durch die Wirtschaft ist gut. Sie soll sowohl die Anzahl der Stellen bestimmen als auch die Lerninhalte. Denn es sind die Unternehmen, welche die Leute nach der Lehre weiterbeschäftigen. Dort, wo die Berufsschulen die Lerninhalte bestimmen, besteht ein zu grosses Risiko, dass am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet wird. Weil Unternehmen meist auf ihre individuellen Interessen fokussieren, ist es jedoch wichtig, dass der Staat wie in der Schweiz für ein Gesamtsystem sorgt. In angelsächsischen Ländern kann ein Unternehmen seine eigene Berufsbildung designen und Lehrlinge ausschliesslich für die eigenen Bedürfnisse ausbilden. Diese Leute finden dann allerdings praktisch keinen Job ausserhalb ihrer Ausbildungsfirma.

Die OECD bemängelte jahrelang die tiefe Maturitätsquote der Schweiz. Jetzt sind wir bei 20 Prozent. Sind wir am Ziel? Da wir mittlerweile drei Maturatypen haben, beträgt die Quote insgesamt 37 Prozent. Im Gymnasium allein beträgt sie 20 Prozent. Dort brauchen wir keine höhere Quote. Nur so kann sich unser Universitätssystem auf die Talentiertesten beschränken und sich damit auf Exzellenz ausrichten. In Ländern mit viel höheren Maturitätsquoten mussten neue Universitätstypen geschaffen werden. Diese haben mit unserem Verständnis von Universität nichts zu tun.

Fast überall in Europa ist die Maturitätsquote massiv höher als in der Schweiz – warum? In Frankreich ist dafür der 68er-Effekt verantwortlich. Da kam die Idee auf, dass es in einer Gesellschaft erst dann Chancengleichheit gibt, wenn alle studieren können. In den südeuropäischen Ländern war Bildung und damit der Zugang zur Macht lange den Reichen vorbehalten. Zugang zu höherer Bildung war hier also häufig mit der Illusion verbunden, dass damit auch der soziale Aufstieg garantiert sei. Die Malaise der südlichen Länder ist, dass die Forschungs- und Unterrichtsqualität der neu geschaffenen Massenuniversitäten oft zu schlecht ist, dass man einen guten Arbeitsplatz erhalten würde. Zudem bieten diese Universitäten die klassischen Studienrichtungen an, für die gar keine Arbeitsplätze bestehen. Neben der massiven Jugendarbeitslosigkeit besteht in diesen Ländern dann ein eklatanter Fachkräftemangel.

Verfechter der Berufsbildung sagen, eine hohe Maturitätsquote führe zu hoher Jugendarbeitslosigkeit. Stimmt der Befund? Dafür gibt es viele Hinweise, jedoch keine harten wissenschaftlichen Beweise. Länder, die heute eine hohe Jugendarbeitslosigkeit haben, hatten dies auch in der Vergangenheit. Ein wichtiger Grund dafür sind Arbeitsmarktregelungen wie der teilweise absolute Kündigungsschutz für alte Arbeitnehmer. Das Fehlen der Berufsbildung spielt insofern eine Rolle, als potenzielle Arbeitgeber bei einem Uniabschluss wenig über die berufliche Qualifikation eines Bewerbers wissen. Das führt dazu, dass sie selbst bei offenen Stellen das Risiko nicht eingehen wollen, jemanden einzustellen, den sie später nicht mehr entlassen können. Deshalb überrascht es nicht, dass diese Länder die Regeln für die Temporärarbeit gelockert haben. So können Arbeitgeber junge Arbeitskräfte testen.

Gemäss einer Ihrer Studien braucht jeder dritte Jugendliche auf der Oberstufe Nachhilfe – bereitet die Schule schlecht vor? Das kann man nicht generell sagen. Wir haben zwei Kategorien von Nachhilfe: Die klassische dient dazu, verpassten Stoff aufzuholen. In der zweiten Kategorie geht es dagegen um «Doping». Die Schülerinnen und Schüler sollen durch Nachhilfe einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern beim Zugang zum Gymnasium erhalten. Interessanterweise kommt diese Kategorie der Nachhilfe am häufigsten vor.

Treibende Kraft sind die Eltern. Warum wollen so viele, dass ihre Kinder ans Gymnasium gehen? Vereinfacht gesagt haben wir in der Schweiz ein Akademikereltern-Problem. Eltern mit einem Universitätsabschluss können sich in der Regel nicht vorstellen, dass ihr Kind eine Lehre macht. Und weil Kinder von Akademikern nicht automatisch gute Schüler sind, brauchen sie dann eben Nachhilfe. Auch unter Migranten ist der Hang zur gymnasialen Ausbildung stark – unabhängig vom Bildungsstand der Eltern. Diese Leute setzen den Massstab ihrer Heimat an, in der Berufslehren entweder nicht existieren oder von schlechter Qualität sind. Wer etwas werden will, geht dort zur Uni.

Sind die Klagen darüber berechtigt, dass die Berufsbildung zu wenig attraktiv ist? Es hapert eher an der Information. In Gesprächen mit Eltern stelle ich fest, dass viele denken, die Durchlässigkeit in unserem Bildungssystem existiere nur in der Theorie. Sie kommen aus einer Generation, in der es diese Durchlässigkeit noch nicht gab.

Wie funktioniert diese Durchlässigkeit? Kürzlich erzählte mir eine junge Coiffeuse, dass sie nur einen Tag pro Woche arbeite, weil sie daneben Biochemie studiere. Da ihre schulischen Leistungen schlecht gewesen seien, habe man ihr zu einer Coiffeurlehre geraten. Dort habe sie sich jedoch sehr gelangweilt. Statt abzubrechen, machte sie die Ausbildung sowie die Berufsmatur und begann danach zu studieren. Wer fähig und motiviert ist, hat in unserem System also alle Möglichkeiten.

Dann spielt es gar keine Rolle, für welche Ausbildung sich ein Jugendlicher entscheidet? Ja. Anders als früher muss man heute einen falsch eingeschlagenen Weg nicht mehr mühsam mit Nachholbildung korrigieren. Heute kann man zwischen den Bildungsstufen wechseln – wenn man die entsprechenden Fähigkeiten hat. Viele Eltern unterschätzen die Risiken der akademischen Ausbildung. Gerade für jene, die die Matura nur mit Anstrengung schaffen, ist die Gefahr gross, die Uni nicht oder nur knapp zu schaffen. Danach finden sie oft nur eine Stelle, für die kein Studium nötig gewesen wäre. In dieser Zeit hätten sie mehr und Nützlicheres lernen können.

Welche Konsequenzen hat das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative aufs Bildungssystem? Weil die Umsetzung unklar ist, lässt sich dies nicht beantworten.

Die sogenannte Generation Y – die heute 20-Jährigen – will nur Teilzeit arbeiten. Verschärft dies den Fachkräftemangel? Ja. Das ist ein Wohlstandsproblem. In anderen Ländern müssen Mann und Frau 100 Prozent arbeiten, damit die Familie über die Runden kommt. Bei uns ist das Lohnniveau so gut, dass beide auch mit einem 60-Prozent-Pensum durchkommen. Problematisch ist, dass viele gut ausgebildete Frauen sich mit Minipensen von 20 bis 40 Prozent begnügen.

Warum? Oft aus ökonomischen Überlegungen. Je höher das Einkommen, desto teurer ist beispielsweise ein Krippenplatz. Diesem System liegt die Annahme zugrunde, dass jemand einfach so reich ist und nicht, weil er viel arbeitet. Koppelte man die Krippentarife an den Beschäftigungsgrad – wer viel arbeitet, zahlt weniger – , dann würde man einen positiven Anreiz schaffen. Hinzu kommt die Steuerprogression, die zusätzliche Arbeit häufig zu stark besteuert, wenn ein Ehepartner schon Vollzeit arbeitet.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt