«Freunde hat Merz nicht»

Philippe Reichen hat eine Biografie über Hans-Rudolf Merz geschrieben, die der Appenzeller Bundesrat nicht publiziert sehen will. Nun mag Reichen nicht mehr länger schweigen.

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Es gibt kaum jemanden, der Bundesrat Merz so gut kennt wie Sie. Für eine Biografie über ihn haben Sie mehr als 60 Personen aus seinem Umfeld interviewt und zahlreiche schriftliche Quellen ausgewertet. Was fasziniert Sie an diesem Mann?
Ich habe ihn erstmals 2007 an einem 1.-August-Brunch getroffen. Er sass allein am Tisch, ohne dass sich jemand mit ihm unterhalten hätte. Die meisten starrten ihn nur an. So setzte ich mich zu ihm, und wir kamen ins Gespräch. Dabei beging ich den Fauxpas, ihn als ehemaligen Regierungsrat zu bezeichnen, was er nie war.

Peinlich für einen Redaktor der «Appenzeller Zeitung».
Ja. Dies hat mich bewogen, mich intensiver über den Werdegang des Appenzellers zu informieren. Gleichzeitig las ich das Buch von Ruth Metzler über ihre Jahre im Bundesrat. Da entstand die Idee, eine Biografie über Hans-Rudolf Merz zu schreiben – im Appenzeller Verlag. Gemeinsam beschlossen Bundesrat Merz, der Verlag und ich, kurz vor seinem Präsidialjahr eine autorisierte Biografie zu publizieren.

Es war also nicht die Faszination, die Sie antrieb?
Nein. Aber ich war beeindruckt, als ich entdeckte, was er in seinem Leben alles gemacht hat – in Wirtschaft, Kultur, Sport und Politik.

Wie hat sich Bundesrat Merz im Verlauf der Zeit verändert?
Das Bundesratsamt hat ihn sicher geprägt. Lange vor dem Präsidialjahr hatte er bereits gesagt, er habe das Amt unterschätzt. Vor allem die Intensität, das ständige Gefordertsein vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Zur Zäsur kam es dann mit dem Herzstillstand und dem Präsidialjahr.

Inwiefern?
Nach der Herzoperation war Herr Merz angespannter, emotionaler und gereizter. Das kann auch mit der enormen Belastung nach seiner Rückkehr im November 2008 zu tun haben. Da musste er – nebst der Bewältigung der Bankenkrise – innert weniger Wochen sein Präsidialjahr vorbereiten, was sich normalerweise auf ein halbes Jahr verteilt.

Was hat das Nahtod-Erlebnis mit ihm gemacht?
Er hat gemerkt, dass er nicht alles kontrollieren kann. Sein Herz stieg aus, obwohl er sehr bewusst lebte, Grüntee trank und sich viel bewegte. Ganz anders als in jungen Jahren, als er rauchte, sich in seiner Studentenverbindung austobte und mit 29 Jahren nervöse Herzrhythmusstörungen hatte. Damals musste er ein erstes Mal in die Rehabilitation, was in der Familie einen Schock auslöste. Er änderte seinen Lebenswandel und hörte auf zu rauchen. 40 Jahre später war es schwieriger, die Konsequenzen aus dem Herzanfall zu ziehen. Bundesrat Merz stand kurz vor dem Präsidialjahr, das er unbedingt machen wollte.

Konnten Sie mit ihm über die Herzoperation sprechen?
Nein. Dazu ist es leider nicht gekommen. Nach seiner Rehabilitation rief er mich an und sagte, der Publikationstermin müsse verschoben werden. Sonst leite er juristische Schritte ein.

Wie begründete Hans-Rudolf Merz die Verschiebung?
Er meinte, andernfalls sei das Buch unvollständig. Es müsse auch das Präsidialjahr umfassen. Seine Kommunikationschefin Tanja Kocher teilte dann schriftlich mit, das Buch könne im Frühjahr 2010 publiziert werden.

Wozu es aber nicht gekommen ist?
Nein, leider nicht. Ende 2009 bat ich um ein Treffen, um das Präsidialjahr aufarbeiten zu können. Herr Merzforderte mich auf, Fragen einzureichen. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt für eine Publikation, sagte er. Ich schickte ihm die Fragen und hörte lange nichts mehr. Bis mir Frau Kocher im Februar 2010 mitteilte, das Buch dürfe nicht erscheinen – weder jetzt noch in Zukunft.

Was heisst das für Sie?
Es ist bitter. Die Lektorin des Appenzeller Verlags und ich haben über ein halbes Jahr mit viel Herzblut an diesem Buch gearbeitet. Und ich hätte meine Erkenntnisse gerne veröffentlicht.

Was steht denn in Ihrem Manuskript, was die Öffentlichkeit noch nicht weiss?
Etliches. Ich hätte Bundesrat Merz zum Beispiel gerne gefragt, ob im Zusammenhang mit den Asbestfall-Ermittlungen der Turiner Staatsanwaltschaft tatsächlich sein Rücktritt erwogen wurde. Das hat mir eine verlässliche Quelle mitgeteilt. Hans-Rudolf Merz befasste sich ja als Verwaltungsrat der Schmidheiny-Firma Anova mit dem Asbestproblem und war wie Stephan und Thomas Schmidheiny im Visier von Staatsanwalt Raffaele Guariniello. Er wurde schliesslich nicht angeklagt, dürfte aber ziemlich beunruhigt gewesen sein.

Offiziell begründete das Departement Merz den Verzicht auf die Biografie mit dem seltsamen Argument, sie fokussiere zu stark auf die Person. Wie hat man Ihnen gegenüber argumentiert?
Frau Kocher sagte, ich hätte zu tagesaktuelle Fragen gestellt. Das war aber wohl eine Schutzbehauptung. Wahrscheinlich wollte man das Präsidialjahr nicht mehr in Erinnerung rufen. Dies, obwohl das Buch für Bundesrat Merz eine Chance gewesen wäre, das Jahr aus seiner Sicht zu analysieren – auch zuhanden künftiger Historiker.

Glauben Sie, dass Merz Unrecht getan wurde? Haben ihn die Medien zu harsch kritisiert?
Seine Leistung als Bundesrat ist sicher sehr einseitig dargestellt worden. Er ist kein Visionär, aber er hat seine Ziele – Sparen und Schulden senken – erreicht. Bei der Finanzkrise hat er wahrscheinlich wegen seiner liberalen Haltung zu lange gezögert.

Wie meinen Sie das?
Bundesrat Merz wurde in Ausserrhoden geprägt – einem Kanton, in dem jahrelang sechs Freisinnige und ein Sozialdemokrat in der Regierung sassen. Der Sozialdemokrat war geduldet, damit auch die Arbeiter vertreten waren, wurde aber ständig überstimmt. Die ausserrhodischen Patrons genossen dadurch viel Freiraum, sorgten aber im Gegenzug freiwillig für das Gemeinwohl ihrer Arbeiter. Sie gewährleisteten zum Beispiel deren Altersvorsorge und gründeten sehr potente Stiftungen, die bis heute alimentiert werden. Diese Selbstverantwortung hat Hans-Rudolf Merz geprägt. Deshalb erwartete er wohl, dass die UBS die Suppe selbst auslöffelt, die sie sich eingebrockt hat. Dadurch ging Zeit verloren, die ihm später fehlte.

Wie erklären Sie sich sein überstürztes Handeln in Tripolis? Er hat sich dort ohne Rücksprache mit dem Bundesrat für die Verhaftung von Hannibal Ghadhafi entschuldigt. Und vor den Medien sagte Merz, er verliere sein Gesicht, wenn die beiden Geiseln nicht bald zurückkehrten.
Herr Merz ist ein pragmatischer Mensch und will in jedem Fall sein Ziel – hier die Befreiung der Geiseln – erreichen. Umso tragischer ist, dass er es damals trotz aller Zugeständnisse nicht geschafft hat. Eigentlich ist er ein guter Menschenkenner. Aber offenbar hat er Ghadhafi falsch eingeschätzt. Bei einem Kaminfeuergespräch in Trogen bezeichnete er ihn einmal als «Maske».

Entführungen scheinen Merz umzutreiben: 1968 hat er einen Freund aus der Tschechoslowakei geschmuggelt. Und in einem Interview sagte er einmal, er trage stets eine Bibel in seiner Mappe. Dies, seit er in Kolumbien erlebt habe, wie Unternehmer entführt und in ein Kellerloch gesteckt werden. Da habe er sich überlegt: «Was würdest du zum Lesen mitnehmen, wenn du irgendwo verlocht wärst?» Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?
Ja. Nebst der Bibel trägt er auch Goethes Faust ständig in seiner Mappe. Er findet darin immer wieder neue Antworten auf die grundlegendsten Fragen des Menschseins. Was die Befreiung aus der Tschechoslowakei betrifft, wunderte ich mich, dass diese längst bekannte Geschichte wenige Tage vor Merz’ Reise nach Libyen aufgewärmt wurde. Wer wollte damit was bezwecken? Sollte Bundesrat Merz als grosser Befreier inszeniert werden? Nach dem Misserfolg in Tripolis geriet das Ganze jedenfalls zu einem kommunikativen Rohrkrepierer.

Nicht nur in der Libyen-Affäre,auch bei der Bewältigung derBankenkrise fühlten sich die Bundesratskollegen zu wenig einbezogen. Ist Hans-Rudolf Merz einEinzelkämpfer?
Er war schon als Kind gerne für sich allein. Als Schüler schrieb er nächtelang auf seiner Schreibmaschine Geschichten. Ich weiss aber nicht, ob man ihn als Einzelkämpfer bezeichnen kann. Herr Merz sass ja vor seiner Wahl in den Bundesrat in verschiedenen Verwaltungsräten und arbeitete dort mit andern zusammen.

Auch privat geht er aber gerne allein wandern. Warum? Fehlen ihm die Kollegen?
Er kennt zwar sehr viele Leute, wirkliche Freunde aber hat Bundesrat Merz nicht. Er ist gerne allein.

Gemäss seinen Söhnen hat er diese oft mit dem Satz «Gouverner, c’est prévoir» (Regieren heisst vorausschauen) geärgert. Das sei sein Lieblingsspruch gewesen. In der Bankenkrise blickte Merz aber selbst zu wenig voraus und schlug frühzeitige Warnungen in den Wind. Leidet er darunter?
Wahrscheinlich schon. Herr Merz hat unglaublich hohe Ansprüche an sich selbst. Einst schrieb er einen Essay über die «elative Persönlichkeit». Elativ ist laut Duden der absolute Superlativ – ohne jeden Vergleich. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob dies sein Selbstbild widerspiegelt. Vielleicht ging es damals – Herr Merz arbeitete am UBS-Ausbildungszentrum auf dem Wolfsberg – auch nur darum, Eindruck zu schinden. Man findet in diesem Essay so seltsame Sätze wie: «Beim Elativen ist die Intuition als Via Regia der entscheidende Erkenntnisvorgang.»

«Das Magazin» berichtete, nach dem Herzstillstand habe man im Appenzellischen bei Merz schwere emotionale Absacker beobachtet. Hat ihn die ständige Kritik getroffen?
Bestimmt hat Herr Merz unter der Kritik gelitten. Er befasste sich ja ein Leben lang mit seinem Aufstieg und tat alles dafür. Nun muss er aufhören, ohne erreicht zu haben, was er sich als Höhepunkt herbeisehnte.

Ein gelungenes Präsidialjahr?
Ja. Das war sein grosses Ziel. Darauf hat er hingearbeitet. Doch statt sich im erhofften Glanz eines Bundespräsidenten sonnen zu können, reihte sich in diesem Jahr Misserfolg an Misserfolg. Das ist bitter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2010, 20:22 Uhr

«Nach der Herzoperation war er angespannter, emotionaler und gereizter»: Philippe Reichen über Bundesrat Hans-Rudolf Merz. (Doris Fanconi)

Philippe Reichen

Der 33-jährige Philippe Reichen ist Kulturredaktor beim «St. Galler Tagblatt». Zuvor arbeitete er als Lokalredaktor bei der «Appenzeller Zeitung» und bei der Schweizerischen Depeschenagentur. Mit Hans-Rudolf Merz vereinbarte er, eine autorisierte Biografie zu schreiben, die nun aber nicht erscheinen darf. (is)

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