Frauenquote: Pro und Kontra

Wirtschaftsredaktorin Mirjam Comtesse und Wirtschaftsredaktor Jon Mettler kreuzen die Klingen. Was spricht für eine Frauenquote, was dagegen?

Frauenquote: Was spricht dagegen, was dafür?

Frauenquote: Was spricht dagegen, was dafür?

(Bild: Fotolia)

Mirjam Comtesse
Jon Mettler@jonmettler

Pro: «Freiwillig geben die Männer ihre Macht nicht ab»

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der Performance einer Firma und dem Frauenanteil in Führungspositionen. Das haben mehrere McKinsey-Studien bewiesen. Der einzige Weg, damit die Unternehmen endlich auf diese Erkenntnis reagieren, ist eine vorgeschriebene Frauenquote. Denn freiwillig geben die heutigen Männer an der Spitze ihre Macht nicht ab.

Die Gegner erklären, es könne nicht sein, dass plötzlich Frauen ungeachtet ihrer Qualifikation bevorzugt werden. Mal ehrlich: Sind Männer, die Karriere machen, tatsächlich immer die Besten? Oder nicht oft die Lautesten? In der Schule und in der Berufsausbildung schneiden Frauen in der Regel besser ab. Dass sie im Geschäftsleben weniger wahrgenommen werden, dürfte also nicht in erster Linie an ihrer fachlichen Begabung liegen. Frauen netzwerken schlechter –und sie verkaufen ihre Leistungen weniger selbstbewusst. Ein weiteres Argument gegen die Quote lautet, viele Frauen wollten gar nicht auf der Karriereleiter hochklettern. Vielleicht wollen sie dies einfach nicht unter den heute geltenden Bedingungen, wo lange Präsenzzeiten mit Engagement und Ehrgeiz verwechselt werden.

Wenn es mehr Frauen in leitenden Positionen gäbe, dann könnten sie einen Mentalitätswandel herbeiführen. Sie hätten wohl mehr Verständnis für Frauen und Männer, die versuchen, einen anspruchsvollen Job und ein erfülltes Familienleben aneinander vorbei zu jonglieren. Davon würden auch die Männer und Väter profitieren. Niemand wolle eine Quotenfrau sein, finden sogar viele Frauen. Natürlich könnte in Einzelfällen dieser Vorwurf aufkommen. Doch andererseits ist erwiesen, dass gemischtgeschlechtliche Teams besser arbeiten, weil Frauen und Männer ihre unterschiedlichen Stärken einbringen. Spricht man mit männlichen Verwaltungsräten und Geschäftsleitungsmitgliedern, erzählen sie auch immer wieder von ihren positiven Erfahrungen mit weiblichen Kolleginnen. Sie seien viel kritischer, winkten Entscheide nicht einfach durch. Das sei zwar manchmal anstrengend und verzögere Projekte, doch es dämme auch Risiken ein.

Stimmt zwar alles, aber der Markt richtet das längerfristig von alleine? Spätestens seit der weltweiten Finanzkrise dürfte allen klar sein, dass der Markt nicht immer rational funktioniert. Gesellschaft und Wirtschaft können es sich nicht leisten, auf das Potenzial vieler gut ausgebildeter Frauen zu verzichten. Eine befristete Quote ist das notwendige Übel, um dieses Ziel zu erreichen. Mirjam Comtesse:mirjam.comtesse@bernerzeitung.ch

Kontra: «Es braucht Spitzenfrauen, keine Quotenfrauen»

Die Frauen sind in den Spitzengremien der Berner Firmen längstens angekommen. Das zeigt eine Umfrage dieser Zeitung bei 19 bedeutenden Unternehmen: In 13 sassen per Ende 2011 Frauen im Verwaltungsrat. Dazu beigetragen hat öffentlicher Druck und keine staatlichen Vorgaben. Firmen können es sich heute schlicht nicht mehr leisten, als frauenfeindlich wahrgenommen zu werden.

Trotzdem ist der Ruf nach der Frauenquote wieder populär. EU-Kommissarin Viviane Reding fordert einen Frauenanteil von 40 Prozent in den Verwaltungsräten von börsenkotierten europäischen Unternehmen. Die Zeitschrift «annabelle» macht sich für eine befristete Frauenquote von 30 Prozent im obersten Kader von Schweizer Firmen stark. Die Stadt Bern hat sich für ihre Kaderstellen eine Frauenquote von 35 Prozent verordnet.

Nehmen wir einmal an, solche staatlichen Vorgaben würden in der Schweiz tatsächlich erfüllt. Was kommt dann als nächstes? Eine Quote für Rothaarige in den Geschäftsleitungen? Ein fester Anteil für Personen mit Sprachfehler im mittleren Management? Ein Kontingent für Menschen mit Herzschrittmacher in den Aufsichtsgremien? Es wäre doch nur fair und konsequent, diese Gemeinschaften ebenfalls zu berücksichtigen.

Nicht nur machen die Befürworter der Frauenquote die Frauen zu etwas, das sie längst nicht mehr sind – eine benachteiligte Minderheit, die es zu fördern gilt. Zur Erinnerung: Der Frauenanteil in der Schweiz beträgt knapp 51 Prozent. An den Schweizer Hochschulen sind von 100 Doktoranden 48 Frauen. Sechs von zehn über 15-jährigen Frauen in der Schweiz gehen einer Arbeit nach. Das ist EU-weit der höchste Anteil. Die Frauenquote ist auch mit den Errungenschaften der demokratischen Ordnung in der Schweiz nicht vereinbar. Unsere Verfassung verbietet es, Menschen aufgrund unveränderlicher Merkmale zu begünstigen. Gemeint sind etwa Herkunft, Religion, Alter – und auch das Geschlecht. Das ist ein Grundpfeiler unseres Verständnisses von Freiheit.

Im Umkehrschluss heisst das: Die Frauenquote diskriminiert pauschal die Männer, nur weil sie als Mann geboren worden sind. Man nennt das auch Sexismus. Die Frauenquote ist zudem ein Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit, die ebenfalls durch die Verfassung garantiert ist. Der Staat würde den Unternehmern vorschreiben, wen sie zu beschäftigen haben. Es funktioniert schlicht nicht: Eine aktuelle Studie zur Frauenquote in Norwegen zeigt, dass die Verwaltungsräte der börsenkotierten Firmen durch den gesetzlich vorgeschriebenen Anteil von 40 Prozent Frauen zwar verjüngt wurden. Die Aufsichtsgremien wurden aber auch unerfahrener.

Damit entlarvt sich das Wesen der Frauenquote selbst: Sie ordnet die Freiheit des Einzelnen einem kollektiven Merkmal wie der Geschlechtszugehörigkeit unter. Die einzigen Kriterien für die Besetzung einer Managementposition können deshalb nur Können, Führungstalent, Leistung und Qualifikation sein. Es braucht Spitzenfrauen an den Schalthebeln der Unternehmen, keine Quotenfrauen. Jon Mettler: jon.mettler@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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