Fleisch fürs Kind – vom Richter angeordnet

Ein Italiener klagte, weil seine Ex-Frau das gemeinsame Kind vegan ernährte. Der Richter gab dem Mann recht. Auch in der Schweiz führt das Thema zu Konflikten zwischen Eltern.

Der Richter hat der vegan lebenden Mutter angeordnet, für ihren Sohn einmal pro Woche Fleisch zu kochen.

Der Richter hat der vegan lebenden Mutter angeordnet, für ihren Sohn einmal pro Woche Fleisch zu kochen.

(Bild: Keystone)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Schadet es einem Kind, vegan aufzuwachsen? Ja, entschied Ezio Siniscalchi, Zivilrichter im italienischen Bergamo. Er berief sich dabei auf die Aussage eines Ernährungsmediziners, dem zufolge vegane Kost nicht ausgeglichen sei. Laut der «Aargauer Zeitung» befürchtet der Richter beim Kind eine «Unterversorgung bestimmter Nährstoffe und Vitamine, die für das Wachstum wichtig sind».

Der Fall war vor Gericht gekommen, weil der Vater des 12-jährigen Knaben geklagt hatte. Die geschiedenen Eltern hatten zuvor offenbar keine Probleme bei der gemeinsamen Betreuung des Kindes gehabt. Als die Mutter auf vegane Ernährung umstellte, änderte sich das: Der Sohn ass bei ihr fortan keinerlei Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte oder Honig mehr. Der Vater gab an den Wochenenden jeweils Gegensteuer, indem er seinem Sohn Gulasch, Schnitzel oder Braten servierte. Nun hat Richter Siniscalchi der Mutter verordnet, einmal pro Woche Fleisch zu kochen – sodass das Kind insgesamt zwei- bis dreimal pro Woche Fleisch isst.

Renato Pichler von Swissveg wundert sich über das Urteil: «Der Richter hatte wohl eine schlechte Beratung.» Swissveg berate seit über 20 Jahren vegane Mütter: «Wir sehen jeden Tag, dass die vegane Ernährung einem Kind nicht schadet.» In der Deutschschweiz seien in den letzten Jahren viele Vorurteile gegenüber der veganen Ernährung abgebaut worden, im Welschland hätten aber immer noch viele vegane Mütter Probleme. «Das ist heikel. Wenn eine Mutter aus Angst vor der Reaktion des Arztes gar nicht mehr zu ihm geht, ist ihrem Kind auch nicht geholfen», sagt Pichler.

«Auf der sicheren Seite»

Auch Stephanie Froggy von Känel aus Muri kann dieses Urteil nicht nachvollziehen. Sie hat selbst zwei Söhne, 4- und 7-jährig. Von Känel ist seit 13 Jahren Vegetarierin, im letzten Herbst wurde sie Veganerin und hat auch die Ernährung ihrer Kinder umgestellt. «Viele Freunde und Verwandte haben die Hände verworfen», sagt sie. Kinderarzt und Lehrerin hätten aber keine Bedenken gehabt. «Der Arzt sieht ja, dass die Kinder wachsen und gesund sind.» Zwei- bis dreimal pro Woche gibt sie ihren Söhnen B12-Tabletten, «um auf der sicheren Seite zu sein».

In ihrer Familie hat der Entscheid zum Veganismus aber zu Konflikten geführt. Der Vater der Kinder ist ein «Allesesser» und bietet den Kindern auch Fleisch an. Von Känel wäre es lieber, wenn er dies nicht täte, «aber ich muss es akzeptieren». Der 4-jährige Sohn sei derzeit mit seiner Neugierde «im Konflikt» und probiere auch Fleisch. Der 7-Jährige esse kein Fleisch und habe vor kurzem den angebotenen Speck an den Hund verfüttert.

Auch Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick (AG) kocht für ihre Kinder seit Jahren vegan. Und auch sie hatte deswegen Auseinandersetzungen mit ihrem Ex-Mann. «Bei unserer Scheidung vor fünf Jahren hat er versucht, das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen - und hat damit argumentiert, dass ein Kind Fleisch und Milch brauche», sagt Holten. In der Folge habe sie beweisen müssen, dass ihre Kinder gesund sind. «Bei der Ältesten wurden sogar einmal die Blutwerte gemessen, die waren aber top.» Heute ernähren sich die drei Kinder unterschiedlich. Die 15-jährige Tochter isst nach vier Jahren als Vegetarierin wieder Fleisch. Die 11-jährigen Zwillinge essen «praktisch vegan». Mit dem Taschengeld dürften die Kinder kaufen, was sie wollen, sagt Holten. Der Vater biete weiterhin tierische Produkte an, doch sie wolle den Kindern zeigen, welche Alternativen es gibt; veganen Käse zum Beispiel.

Streiten sich getrennte Eltern über die Ernährung ihrer Kinder, kommt am ehesten die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ins Spiel. Ruedi Winet, Präsident der Kesb-Vereinigung des Kantons Zürich, kennt die Problematik. Einen Fall, bei dem es ausschliesslich um Veganismus gegangen sei, habe es aber seines Wissens noch nicht gegeben. «Meist kommt die Ernährung des Kindes gemeinsam mit anderen Streitpunkten zur Sprache», sagt Winet. Erfahre die Kesb von einem Verdacht auf Mangelernährung, müsse dies mithilfe eines Arztes abgeklärt werden. «Ein Grundsatzentscheid macht bei diesem Thema keinen Sinn», sagt Winet. «Man muss von Kind zu Kind neu abwägen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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