«Es könnte am Ende eng werden für FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann»

Schaffe die CVP in Bern eine Fraktion mit der GLP und der BDP, könne sich Eveline Widmer-Schlumpf eventuell im Bundesrat halten, sagt Politologe Michael Hermann.

«Die CVP arbeitet daran, eine Fraktion mit BDP und den Grünliberalen zu gründen. Das ergäbe den Anspruch dieser bürgerlichen Mitte auf einen zweiten Sitz»: Der FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann müsste sein Amt niederlegen.

«Die CVP arbeitet daran, eine Fraktion mit BDP und den Grünliberalen zu gründen. Das ergäbe den Anspruch dieser bürgerlichen Mitte auf einen zweiten Sitz»: Der FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann müsste sein Amt niederlegen.

(Bild: Keystone)

>Haben Sie in Zürich einen so grossen Sieg der Grünliberalen erwartet? Sagen wir es so: Der grosse Zuwachs der Grünliberalen ist nicht das, was mich am meisten überrascht hat.
Sondern? Dass die Grünliberalen zulegen, war zu erwarten, wenn auch nicht in dem Ausmass. Ich hätte es auch der SVP zugetraut, sich nochmals leicht zu steigern. Überrascht war ich von den Regierungsratswahlen: dass der CVP-Mann Hans Hollenstein abgewählt worden ist.
Im Vorfeld der Zürcher Wahlen haben Sie gesagt, die Grünliberalen könnten ihr Potenzial nicht ausschöpfen, da sie keinen Sympathieträger als Präsidenten hätten. Haben Sie sich getäuscht? Nein. In vielen Kantonen sind sie weiterhin nicht sehr stark. Es bleibt noch sehr stark ein Zürcher Phänomen.
Sie denken also nicht, dass die Grünliberalen im Herbst bei den eidgenössischen Wahlen in diesem Mass gewinnen könnten? In diesem Mass bestimmt nicht. Neben Zürich sind sie zwar auch andernorts gewachsen, aber immer in einem überschaubaren Rahmen. Was in Zürich interessant ist: Vor vier Jahren haben die Grünliberalen im rot-grünen Lager Stimmen geholt, nun sind sie als bürgerliche Alternative akzeptiert.
Sie graben den bürgerlichen Parteien in der Mitte Stimmen ab. Genau. Die Grünliberalen haben sich in Zürich als bürgerliche Kraft etabliert und bedrängen erfolgreich CVP, EVP sowie die Freisinnigen.
Welches Signal senden die Zürcher Wahlen für den eidgenössischen Wahlherbst aus? Es zeigt sich eine gewisse Stabilisierung der drei Blöcke. Die Sozialdemokraten konnten sich nach dem grossen Einbruch vor vier Jahren halten. Sie können eine gewisse Hoffnung schöpfen. Wenn Fukushima im Herbst etwas weniger ein Thema sein wird, können sie möglicherweise auch den Grünen noch etwas Stimmen abluchsen.
Auch die Grünen bleiben in Zürich stabil. Sie haben von Fukushima offenbar nicht profitieren können. Warum nicht? Vor vier Jahren hatten die Grünen einen massiven Wahlsieg in Zürich errungen. In einem gewissen Sinn ist das jetzige Resultat eine Bestätigung dieses Wahlerfolgs von 2007. Ohne Fukushima hätten sie möglicherweise Stimmen verloren, denn in letzter Zeit waren sie da und dort unter Druck. Es ist schwierig zu sagen, ob es einen Fukushima-Effekt gab oder nicht. Auf jeden Fall spielt er in der Schweiz keine so dramatische Rolle wie etwa in Deutschland.
Der Sieg der BDP ist in Zürichein Phänomen. Deren Kandidaten sind weitgehend unbekannt. Etablierte Parteien stehen unter Druck, und es gibt ein Bedürfnis nach neuen Kräften, obwohl diese in der Mitte notabene dieselbe Politik machen.
Kann sich Eveline Widmer-Schlumpf im Dezember eventuell doch im Bundesrat halten? Es könnte am Ende eng werden für FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Die CVP arbeitet stark daran, eine Fraktion mit BDP und den Grünliberalen zu gründen. Das ergäbe den Anspruch dieser bürgerlichen Mitte auf einen zweiten Sitz.
Wie lange wird es dauern, bis die Wähler sich wieder enttäuscht von den Grünliberalen und der BDP abwenden? Das kann relativ rasch gehen. Das zeigt sich gerade bei der CVP, die noch vor kurzem vom Leuthard-Effekt und ihrer Einordnung als liberal-soziale Kraft profitieren konnte –und jetzt zu den grössten Verlierern gehört.
Die FDP ist in Zürich eingebrochen. Kann sie das Ruder noch herumreissen bis im September? Das wird sehr schwierig. An der FDP haftet nun das Verliereretikett. Das gilt auch für die CVP. Beide Parteien stehen massiv unter Druck.
Schafft die SVP die angestrebten historischen 30 Prozent im Herbst? Ich traue es ihr zu, aber der Zuwachs wird nicht mehr markant sein. Die SVP hat Mühe in den grossen Städten. In den ländlichen Regionen des Kantons Zürich hat sie hingegen nochmals zugelegt.
Wen haben Sie eigentlich gewählt? (lacht) Ich habe gewählt.

Tages-Anzeiger

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