«Es ist, als wolle die Periode der Schweiz im Krieg nie vergehen»

Der Berner Historiker Sacha Zala rät zum gelassenen Umgang mit der Schweizer Geschichte 1939 bis 1945. Für die jüngste Aufregung über die Flüchtlingspolitik und Alt-Bundesrat Eduard von Steiger gebe es keinen Anlass und keine neuen Belege.

Historiker Sacha Zala umstellt von Akten über die Schweizer Aussenpolitik. Ausgewählte Dokumente daraus publizieren er und sein Team in der Buchreihe «Diplomatische Dokumente der Schweiz».

Historiker Sacha Zala umstellt von Akten über die Schweizer Aussenpolitik. Ausgewählte Dokumente daraus publizieren er und sein Team in der Buchreihe «Diplomatische Dokumente der Schweiz».

(Bild: Stefan Anderegg)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Herr Zala, Sie kamen letzte Woche kaum mehr dazu, Ihrer Arbeit als Historiker nachzugehen. Was war da los? Sacha Zala: Ich wurde dauernd von Medienvertretern angerufen wegen dieser Scheindebatte über angeblich neue Bilder des Holocausts, und ich war gleichzeitig auch noch am Zügeln. Es gehört zwar zu meinem Pflichtenheft, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, aber der Ansturm der letzten Tage sprengte jedes Mass. Das ist umso absurder, als meine aktuellen Forschungen die 1970er-Jahre betreffen, nicht die Kriegszeit.

Sie kamen am Holocaust-Gedenktag am 27.Januar zu Wort in einem SRF-Fernsehbeitrag, der Wellen schlug, weil er nahelegte, dass neu gefundene Bilder und Dokumente die bisherige Deutung der Schweizer Flüchtlingspolitik korrigieren. Ich will die Posse um die Bilder nicht mehr kommentieren. Sie zeigt höchstens, dass die Medien dem Diktat des «Neuen» unterliegen. Für einen Historiker aber ist es absurd, 70-jährige Bilder als neu zu bezeichnen. Neu können nur Fragestellungen zu Quellen sein.

Warum also die ganze Aufregung? Die Aufregung über die Bilder kann man nur als Spätfolge einer Debatte interpretieren, die vor zehn Jahren – nach der Publikation des Bergier-Berichts über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg – nicht stattgefunden hat.

Warum wird jetzt von neuem über diese Periode debattiert? Offensichtlich werden die Resultate der historischen Forschung mit Verspätung wahrgenommen. Die Forschungsgruppe Diplomatische Dokumente der Schweiz, deren Direktor ich bin, hat ihre Arbeit über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg 1997 abgeschlossen. Wir erforschen systematisch die Aussenpolitik des Schweizer Bundesstaates seit 1848. Wichtige diplomatische Dokumente publizieren wir in einer Buchreihe. Die Dokumente über die Kriegsjahre 1941–1943 befinden sich in Band 14, der im Jahr 1997 erschienen ist. Darin ist auch schon die Existenz der fraglichen Bilder erwähnt.

Warum befragte man Sie dann überhaupt zur Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg? Seit 2004 begeht man am 27.Januar aufgrund eines Entscheids der europäischen Bildungsminister auch in den Schweizer Schulen einen Holocaust-Gedenktag. Zu diesem Anlass stellten wir in einem E-Dossier relevante Dokumente aus unserer Buchreihe ins Internet. Sie waren als didaktische Anregung für die Schulen gedacht. Darin befinden sich seit 2011 auch die diskutierten Bilder. Sie sind überhaupt nicht «neu», sondern im Bundesarchiv seit 1973 frei zugänglich und meiner Forschungsgruppe seit 1985 bekannt. Einige wurden 1997 in einem Bildband veröffentlicht. Überhaupt gibt es viel aussagekräftigere Dokumente als diese Opferbilder, von denen wir nicht genau wissen, wer sie wann machte. Ich denke an frühe Berichte über die Massenermordung von Juden.

Bilder sind stärker als Worte. Offenbar. Das ändert nichts daran, dass diese Bilder damals den Schweizer Behörden nicht plötzlich die Augen geöffnet haben. Sie sind nur eine von zahlreichen Quellen, die zeigen, wie sich das Bild der Behörden über den laufenden Massenmord an den Juden ab Spätherbst 1941 zunehmend verdichtete und sich bis spätestens zum Frühjahr 1942 zur Gewissheit erhärtete. Diese Verdichtung war ein mit Skepsis gepaarter Prozess, denn im Krieg gibt es immer auch viele Gerüchte und Falschmeldungen.

Es gibt also überhaupt keinen Anlass für eine neue Debatte über die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. Danke, dass Sie das sagen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es null Anlass. Statt über das angeblich Neue sollten die Medien über die bekannten Forschungsresultate debattieren. Es gibt vermutlich kein Thema der Schweizer Geschichte, das besser erforscht ist als die Flüchtlingspolitik von 1939 bis 1945. Der Basler Jurist Carl Ludwig arbeitete sie im Auftrag des Bundes auf. Schon in seinem Bericht von 1957 steht praktisch alles drin, worüber wir immer noch diskutieren.

Wissen wir wirklich alles? Der französische Nazijäger Serge Klarsfeld hat eben behauptet, die Schweiz habe weit weniger Juden abgewiesen als bisher angenommen. Schon Carl Ludwig hat 1957 auf die widersprüchlichen Zahlen verwiesen. Erst seit Ende 1942 führten die Behörden Statistiken und Listen über die abgewiesenen Flüchtlinge, jüdische sowohl wie nicht jüdische. Weil so viele kamen, wurden diese nur teilweise erfasst. Zudem gab es die abgelehnten Einreisevisa. All diese Kategorien differieren erheblich. Weil ich im Puschlav zwei Kilometer von der Grenze zu Italien aufgewachsen bin, weiss ich überdies, dass die Grenzposten jenseits der Weisungen ganz unterschiedlich mit Flüchtlingen umgingen. Wir müssen damit leben, dass es Fragen gibt, die sich nie genau klären lassen.

Vielleicht könnten neue Forschungen neue Erkenntnisse zur Flüchtlingspolitik erbringen. Meines Wissens laufen in der Schweiz keine neuen, grösseren Forschungen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Auch deshalb, weil darüber schon so viel geforscht wurde. Das hat auch dazu geführt, dass andere Perioden sträflich vernachlässigt wurden.

So wichtige wie die Zeit im Zweiten Weltkrieg? Ja, eigentlich noch wichtigere. Etwa die Zeit des Ersten Weltkriegs. Damals war der Zusammenhalt der Schweiz weit stärker bedroht als im Zweiten Weltkrieg, entlang der Sprachgrenzen brach das Land bis 1918 fast auseinander, danach im Landesstreik auch entlang sozialer Grenzen. Grosse Forschungslücken gibt es zudem in der Nachkriegszeit nach 1945. Was umso eigenartiger ist, weil der eigentliche Auslöser der Debatte in den 1990er-Jahren über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ja nicht die Kriegszeit selber war, sondern vielmehr die Frage der Rückgabe von Vermögen durch die Schweizer Banken nach 1945.

Wenn so weit alles klar ist, warum flammt die Debatte um die Schweiz im Zweiten Weltkrieg doch immer wieder auf? Es kommt mir vor, als wolle diese Periode der Schweizer Geschichte nicht vergehen. Ich glaube, dass es dabei immer noch um die Neutralität geht. Sie wurde nach 1945 zur rettenden Ideologie erklärt, mit der man die wundersame Unversehrtheit der Schweiz im Krieg erklären konnte. Diese war natürlich nicht ein Wunder, sondern das Resultat einer komplexen internationalen Konstellation. Ländern wie Schweden oder Österreich gelang eine pragmatische Auslegung der Neutralität. In der Schweiz aber wurde die Neutralität derart verabsolutiert, dass sie nicht mehr kritisiert werden durfte. Sie erhielt eine fast religiöse, ja transzendente Dimension.

Gibt es für diese These Belege? Der Bundesrat versuchte in den 1950er-Jahren die Publikation von Akten der Alliierten zu verhindern, welche die Kooperation mit der französischen Armee betrafen. Obwohl die Schweiz dadurch sogar nachträglich auf der Siegerseite gestanden wäre. Und in der bipolaren Welt des Kalten Kriegs eröffnete die Neutralität der Schweiz politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume.

Geht es in der neu aufgeflammten Debatte der letzten Wochen gar nicht um die Schweiz von 1939 bis 1945? Davon bin ich überzeugt. Die Schweiz hat sich trotz problematischer Aktionen in dieser dunklen Periode vergleichsweise wenig zuschulden kommen lassen. Daher sollte man Kritik, wo sie denn angebracht ist, etwas gelassener entgegennehmen. Die heutige Debatte hat aber nichts mehr mit einer sachlichen wissenschaftlichen Analyse zu tun. Sie ist eher eine Stellvertreterdebatte über die aktuelle schwierige Integration der Schweiz in Europa und in der Welt.

Was sagen Sie dazu, dass der Gemeinderat von Langnau diese Woche Bundesrat Eduard von Steiger, damals als Justizminister für die Flüchtlingspolitik verantwortlich, die Ehrenbürgerschaft nicht entzogen hat? Als Historiker will ich laufende politische Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht kommentieren. Ich plädiere aber für mehr Sachlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit historischen Fragen. Und mir wären keine Forschungen bekannt, die von Steiger in ein völlig neues Licht stellen würden.

Hat er eigentlich wirklich den Satz «Das Boot ist voll» gesagt? In einer Rede nach der Grenzsperre vom Sommer 1942 sprach er vom «schon stark besetzten Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen». Die griffige Kurzformel prägte Ende der 1960er-Jahre der Journalist und Buchautor Alfred A.Häsler. Wichtiger als dieser Satz scheint mir: Trotz vereinzelter Kritik wurde die damalige Flüchtlingspolitik von einem breiten Konsens und einer Mehrheit im Parlament getragen. Von Steiger war ein legalistisch denkender Konservativer und gehörte nicht zu den stärksten Bundesräten. Die mir in den letzten Tagen gestellte Frage, ob er ein Nazi war, ist absurd. Von Steiger konnte auch pragmatisch denken, so befürwortete er eine Integration der SP in den Berner Regierungsrat und in den Bundesrat.

Warum gibt es dennoch Angriffe auf seine Person? Weil die Debatte über den Zweiten Weltkrieg immer noch in einem unerträglich simplifizierenden Schwarz-Weiss-Schema abläuft, das nach dem Krieg unter dem Motto «Anpassung oder Widerstand» lief. Man hat sich in der Nachkriegszeit leicht auf einige Sündenböcke geeinigt. Etwa die Bundesräte Pilet-Golaz und von Steiger mit Polizeichef Heinrich Rothmund in Zusammenhang mit der Einführung des Judenstempels in den Pässen. Das hatte die bequeme Folge, dass sich alle anderen als Widerständler in der Aura der Lichtgestalt von General Guisan sonnen konnten. Darüber hinaus: Es wurden nachträglich ethische Massstäbe an diese Figuren angelegt, die ausserhalb ihrer Zeit liegen. So läuft man Gefahr, die Vergangenheit nicht mehr richtig zu verstehen.

Auch wenn es eine Scheindebatte ist, immerhin beschäftigen sich die Schweizer mit ihrer Geschichte. Das ist doch erfreulich für einen Historiker. Der «Bund» schrieb: History sells. Die Forschungssituation in der Schweizer Geschichte ist aber eher trostlos. Ein paar Doktoranden beschäftigen sich unter persönlichen und finanziellen Opfern damit. Sonst sehe ich kaum grössere Bestrebungen. Für die Erforschung des Higgs-Teilchens erhält das Cern Milliarden, während unsere Geschichte am liebsten ehrenamtlich erforscht werden soll. Und ich würde dem «Bund» widersprechen. Nicht «history sells», sondern «scandals sell». Die Aufregung um ein paar Bilder zeigt: Die Skandalisierung einzelner historischer Ereignisse verkauft sich.

Ärgert es Sie, dass sich das breite Publikum nicht für die wissenschaftliche Geschichtsschreibung interessiert? Die Geschichte ist nicht – wie etwa die Atomphysik – der exklusive Gegenstand der Forschung. Wir Historiker haben nicht die alleinige Deutungshoheit, sondern stehen in Konkurrenz mit anderen. Das ist grundsätzlich gut so. Auch Schule, Familie, Medien oder Politik beschäftigen sich mit der Vergangenheit, je mit eigenen Interessen und Prioritäten. Aber Sie haben recht: Die kritische Geschichtswissenschaft hat es schwer, gegen das Geschichtsbusiness der anderen anzukommen.

Geschichtsbusiness? Geschichte ist insofern ein Business geworden, als es bei ihrer Deutung seit den 1990er-Jahren nicht mehr nur um ein rein wissenschaftlich motiviertes Verständnis der Vergangenheit geht, sondern auch um wirtschaftliche, rechtliche und moralische Ansprüche: in Form von historischen Romanen und Filmen, Wiedergutmachungszahlungen oder politischen Bussritualen. Diese Verrechtlichung und das finanzielle Aufrechnen der Geschichte behindern aber eine offene und unaufgeregte Debatte über die Vergangenheit.

Berner Zeitung

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