Er war das erste Opfer, als am Schweizer Himmel der Krieg ausbrach

Er brach aus dem Oberaargauer Dorf Gutenburg auf, studierte an der ETH, wurde Offizier und Militärpilot. Vor 75 Jahren schossen deutsche Piloten bei Luftkämpfen Rudolf Rickenbacher über dem Jura ab.

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Der Befehl zum Einsatz erfolgt um 15.30Uhr. Rudolf Rickenbacher, Leutnant bei der Fliegerkompagnie 15, rennt in Olten übers Flugfeld zu seiner Maschine. Der 25-Jährige klettert ins Cockpit, startet den Motor und schliesst das Kabinendach. Wie in den Tagen zuvor überfliegen deutsche Flugzeuge den Schweizer Luftraum.

Seit einer Stunde sind Schweizer Jagdflugzeuge in der Luft. Rickenbacher rollt zur Graspiste, beschleunigt und zieht seine Messerschmitt ME109 hoch. Als Erster der Zweierpatrouille steigt er am 4. Juni 1940 in den leicht bewölkten Himmel auf – bereit zum Kampf gegen die stärkste Luftwaffe Europas.

Flugversuche hinterm Haus

Fliegen gelernt hat Rudolf Rickenbacher hinterm Haus in Gutenburg, einem Dörfchen im Oberaargau, zwischen Langenthal und Huttwil. Vom nahen Hügel schwebt er schon als Jugendlicher mit einem Segler die paar Höhenmeter hinunter ins Tal der Langete. Rickenbacher und sein älterer Bruder Hans sind die Stars im Dorf. Wenn sie mit einer Glocke läuten, kommen die Buben dahergerannt, um den beiden beim Start zu helfen.

Vater Rickenbacher ist Dorfarzt in Gutenburg und im nahen Lotzwil. Die Welt ist klein, dort, wo die Söhne Hans und Rudolf und die Tochter Susi aufwachsen. Nur im Gasthof Gutenburg Bad verkehren gehobene Kreise. Rudolf bricht nach der Sekundarschule zu neuen Horizonten auf: In Burgdorf besucht er das Gymnasium, nach der Matur beginnt er ein Ingenieurstudium an der ETH Zürich.

Veraltete Luftwaffe

Im Militär schlägt er, wie sein Bruder, die Pilotenlaufbahn ein. 1939 muss er das Studium unterbrechen: Am 28. August, drei Tage vor Kriegsbeginn, rücken die Flieger- und Flabtruppen der Schweizer Armee in den Aktivdienst ein.

Die Luftwaffe, die den Schweizer Luftraum verteidigen soll, ist veraltet und unterdotiert. Drei Fliegerkompagnien werden nach Hause geschickt, weil es für sie keine Flugzeuge gibt. Kurz darauf treffen die in Deutschland bestellten Messerschmitt ME109 ein. Zum Glück bleibt es in der Schweiz vorerst ruhig.

Luftkrieg in der Schweiz

Am 10. Mai 1940 aber überrennt die deutsche Wehrmacht Belgien und Holland – mit Bombern, Panzern und mechanisierter Infanterie. Allen ist klar: Nun würde auch Frankreich angegriffen. Auch hierzulande hat man Angst. Davor, dass die Deutschen das französische Verteidigungswerk im Elsass, die Maginot-Linie, südlich umgehen könnten – durch die Schweiz.

Ende Mai ist auch in der Schweiz Krieg – jedenfalls am Himmel. Einzelne deutsche Bomber und Jäger dringen in den Schweizer Luftraum ein. Die Devise von General Guisan ist klar: Der Schweizer Luftraum wird kompromisslos verteidigt. Die Schweizer Piloten versuchen die Eindringlinge zur Landung zu zwingen – und werden dabei oft selbst beschossen. Sie erwidern das Feuer, einige deutsche Maschinen müssen notlanden oder stürzen ab. Es sind die ersten militärischen Kampfhandlungen in der Schweiz im 2. Weltkrieg.

Anfangs Juni verstärken sich die deutschen Einflüge. Der Angriff der Wehrmacht auf Frankreich hat begonnen, nördlich des Schweizer Juras bekämpfen sich französische und deutsche Flieger. Immer wieder überqueren deutsche Maschinen die Grenze und werden von hiesigen Piloten angegriffen.

Sturz in den Tod

Am 4. Juni um 15.40 Uhr sind alle Maschinen der Fliegerkompagnie 15 in der Luft. Rickenbacher wird vom Patrouillenführer Oberleutnant Rudolf Suter eingeholt. Die beiden fliegen mit 100 Metern Abstand Richtung französische Grenze. Verständigen können sie sich nur per Handzeichen, denn ihre Flugzeuge sind nicht mit Funk ausgerüstet.

Auf 3500 Metern Höhe über dem jurassischen Dorf Saignelégier erkennt Suter drei deutsche Flugzeuge, die bedrohliche Aufwärtskurven fliegen. Sofort habe er Kurs auf den Kampfraum genommen, wird er später im Einsatzbericht schreiben. Als sich Suter nach Rickenbacher umsieht, findet er ihn nicht mehr. Aber kurz darauf entdeckt er die drei Deutschen wieder, sie verfolgen ein Flugzeug, das er nicht identifizieren kann. «Unvermittelt drehte es sich auf den Rücken und stach im Sturzflug in die Wolken hinunter», heisst es in seinem Bericht. War das Rickenbachers Maschine?

Patrouillenführer Suter dreht ab, nachdem sich die Deutschen auf die französische Seite der Grenze verzogen haben. Er landet kurze Zeit später in Olten, ohne direkten Feindkontakt gehabt zu haben. Sein Kollege kehrt nicht mehr zurück. Rickenbachers Maschine ist abgestürzt, hat sich bei Boécourt in der Nähe von Delsberg in die Erde gebohrt. Die Leiche des Piloten liegt mit abgerissenem Fallschirm 400 Meter vom Flugzeugwrack entfernt.

Absturz mit offenen Fragen

Was in der Luft tatsächlich geschehen ist, kann nie ganz geklärt werden. Warum haben sich die zwei Piloten aus den Augen verloren? Hat sich Rickenbacher bewusst von seinem Patrouillenführer getrennt, um in jugendlichem Übermut die deutschen Gegner anzugreifen? Oder hat sich Suter angesichts der deutschen Übermacht abgesetzt und seinen Kameraden ins offene Messer laufen lassen?

Die Untersuchung des Absturzes ergibt: Rickenbacher hatte Feindkontakt. Der Munitionsverbrauch beweist, dass er geschossen hatte. Doch auch seine Messerschmitt bekam Treffer ab: Der Öltank ist ausgebrannt. Das Feuer könnte die Maschine unlenkbar gemacht und in eine extreme Fluglage gebracht haben. Die grossen Kräfte bewirkten wohl, dass der Pilot hinausgeschleudert wurde und dabei die Schultergurte rissen.

Rudolf Rickenbacher ist das erste Opfer von Kämpfen in der Schweiz. Seinen Tod vermelden die Zeitungen zwei Tage später – aufgrund eines Communiqués der Armee – mit ein paar wenigen, unterkühlten Worten. «Im Luftkampf stürzte ein schweizerisches Flugzeug bei Boécourt ab. Der Pilot, Leutnant Rudolf Rickenbacher, geboren 1915, ist dabei im Dienst des Vaterlandes ums Leben gekommen», steht im «Bund».

Bern beugt sich Berlin

Vier Tage nach dem Absturz kommt es wieder zu Luftkämpfen. Am Morgen wird ein Schweizer Beobachtungsflugzeug abgeschossen. Pilot und Beobachter verlieren dabei das Leben. Später fliegen ganze Pulks deutscher Maschinen über den Jura. Nach dem Krieg stellt sich heraus: Mit der Aktion will Feldmarschall Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, die Angriffe der Schweizer bestrafen. Doch auch an diesem Tag schiessen Schweizer Piloten drei deutsche Maschinen ab.

Tags darauf protestiert die Reichsregierung gegen die Angriffe der Schweiz und fordert vom Bundesrat eine Entschuldigung. Hitler schickt gar Saboteure in die Schweiz. Doch die Aktion gegen Flugplätze verläuft dilettantisch und fliegt auf. Erst nachdem die Nazis mit militärischer Vergeltung gedroht haben, gibt die Schweiz klein bei: Am 20. Juni verordnet General Guisan einen Angriffsstopp gegen deutsche Flugzeuge. Die Schweizer Luftwaffe bleibt fortan am Boden. Weil die Wehrmacht nun den grössten Teil Frankreichs besetzt hält, entspannt sich die Situation.

Görings Trauerkranz

In Gutenburg und Lotzwil ist die Trauer über Rickenbachers Tod gross. Für die Beerdigung findet sich die nationale Elite aus Armee und Politik ein. Das hat Lotzwil noch nie gesehen: Hunderte Personen strömen zur Dorfkirche – Bewohner der Dörfer, Fliegerkameraden, hohe Offiziere, der Stellvertreter des Generals. Eine dreifache Gewehrsalve wird abgegeben, über dem Dorf kreist eine Fliegerstaffel. Einen der Trauerkränze hat Reichsmarschall Göring gestiftet – eine übliche Geste in Fliegerkreisen. Nach der Feier, wird später erzählt, hätten Lotzwiler den Kranz in Stücke gerissen.

Am 8. Mai 1945, am Tag des Weltkriegsendes, muss die Familie Rickenbacher noch einmal den schweren Gang zum Friedhof antreten. Der ältere Sohn Hans ist wenige Tage vor dem Ende des Weltkriegs auf einem militärischen Übungsflug abgestürzt und gestorben. An Rudolf Rickenbacher erinnert heute nur noch wenig. In Boécourt, am Rand des Feldes, wo er zu Tode kam, steht unter einer Trauerweide ein Gedenkstein, gestiftet von der Fliegerkompagnie 15. Im Jahr 2010 enthüllt die Schweizer Luftwaffe auf dem Chasseral eine Tafel mit den Namen der drei Piloten, die 1940 ums Leben kamen.

Abgestürzt wie Ikarus

Auf dem Friedhof von Lotzwil streckt auf dem Grabstein der Brüder Rudolf und Hans Rickenbacher Ikarus seine geflügelten Arme in den Himmel. Nach der antiken Sage soll er beim Ausbruch aus der Enge des Gefängnisses der Sonne zu nahe geflogen und zu Tode gestürzt sein.