Eine wichtige Chance für die NZZ

Die Entlassung eines Chefredaktors ist eine Premiere in der 234-jährigen Geschichte der NZZ. Christian Lüscher, Medienjournalist beim «Tages-Anzeiger», zum Rücktritt von Markus Spillmann.

Abruptes Ende bei der «Neuen Zürcher Zeitung»: Chefredaktor Markus Spillmann. Foto: TA

Abruptes Ende bei der «Neuen Zürcher Zeitung»: Chefredaktor Markus Spillmann. Foto: TA

Christian Lüscher@luschair

Es gibt bei der «Neuen Zürcher Zeitung» keine Tabus mehr. Erst verkündete das Traditionsblatt die Schliessung der Druckerei. Nun trennt sich der Verwaltungsrat abrupt von Chefredaktor Markus Spillmann. Das ist eine Premiere in der 234-jährigen Geschichte der Zeitung. Bis dato bestimmte ein NZZ-Chef selbst, wann er in Rente geht. Dass Spillmann gehen muss, überrascht nicht. In den letzten zwölf Monaten bekundete er Mühe mit der Führung der Zeitung, traf ungeschickte Personalentscheide und fiel in der Öffentlichkeit mit überheblichen Auftritten auf. Es gab Uneinigkeiten im Umgang mit den digitalen Herausforderungen, und die schlechte Stimmung auf der Redaktion brachte Spillmann in die Kritik. Auch publizistisch fiel der NZZ-Chef kaum durch inspirierende Analysen auf.

Die Trennung zeigt, dass der Verwaltungsrat einen personellen Wechsel will, weil viel auf dem Spiel steht: die Neuausrichtung einer Marke, die sich im Zeitalter des Internets schwertut. Man muss Spillmann zugute halten, dass er sich in seinen neun Jahren als NZZ-Chefredaktor stets für Qualität und Tradition einsetzte. Dass er sich für Substanz und Relevanz starkmachte. Dass er eine Redaktion verantwortete, die international einen hervorragenden Ruf geniesst. Aber für das digitale Geschäft ist Spillmann der Falsche. Seine NZZ entsprach im Netz nicht dem Renommee der Marke.

Deshalb ist der Entscheid für einen Wechsel richtig. Das Unternehmen hat nun die Chance, eine Person an die Spitze der NZZ zu setzen, die den Wandel besser versteht und die Redaktion inspiriert. Und der welsche Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod und der österreichische CEO und Ex-McKinsey-Mann Veit Dengler müssen beweisen, dass sie die Richtigen sind, um diese Person zu bestimmen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt