«Eine fast stalinistische Geheimhaltung»

An der Rive-Reine-Konferenz treffen sich heute Topmanager mit den hiesigen Spitzen der Politik. Eine Einladung gilt als höchste Weihe – kann Top-Shots jedoch auch das Genick brechen, wie Marcel Ospel erfahren musste.

Hinter diesen dicken Mauern bleiben die Geheimnisse geheim: In der Nestlé-Zentrale in Vevey findet das exklusive Treffen der Mächtigen statt.

Hinter diesen dicken Mauern bleiben die Geheimnisse geheim: In der Nestlé-Zentrale in Vevey findet das exklusive Treffen der Mächtigen statt. Bild: Keystone

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Heute Montag, gegen 14 Uhr, verlassen die drei Dutzend wichtigsten Schweizer Topmanager ihre Konzernzentralen. Sie steigen in eine Limousine oder einen Helikopter und begeben sich auf eine Reise, die so regelmässig stattfindet wie die Wanderung der Lachse.

Ihr gemeinsames Ziel ist der Genfersee. Dort beginnt, Punkt 16.30 Uhr, im sechsten Stock der Nestlé-Zentrale in Vevey das exklusivste Treffen der Schweiz: die Rive-Reine-Konferenz. Neben den handverlesenen Konzernchefs kommen zwei Bundesräte, zwei Priester (als Stammgast Abt Martin Werlen) und die Spitzen der Bundesratsparteien. Viel mehr weiss man nicht: Teilnehmerliste und Traktanden gelten als geheim.

Spass muss nicht sein

Die Einladung gilt selbst für gestandene Industrielle als Ehre. «Es ist der Beweis, dass man dazugehört. Und dass man bei den Grossbanken in Gnade steht», sagt ein Topberater, der drei Konzernchefs bei der Vorbereitung beriet. «Leute wie der verstorbene Hayek wurden nie eingeladen – er galt als zu rebellisch.» So sei auch nicht der Gastgeber, Nestlé-Chef Peter Brabeck, für die Teilnehmerliste zuständig, sondern der Ex-Bundesrat, Ex-Nestlé-Verwaltungsrat und jetzige UBS-Präsident Kaspar Villiger.

Dabei sei die Einladung keine nur erfreuliche Sache: «Es ist ein Klassentreffen, sicher. Aber bei meinen Klienten habe ich nicht den geringsten Spassfaktor festgestellt. Es dominiert der Stress, einen guten Eindruck zu hinterlassen.» Das Problem sei, sich nicht zu blamieren. Man müsse zum Tagungsthema «mindestens eine kluge Bemerkung» machen und dann abends an der Bar bei den «lockeren Gesprächen» punkten.

Politisch brisantes Thema «Demografie»

Und so studieren die Konzernchefs auf dem Rücksitz von Limousine oder Helikopter sorgfältig erarbeitete Dossiers. Darin stehen die klugen Bemerkungen zum offiziellen Thema. Und eine Liste der Dinge, die man in der Bar von den anderen Topshots geschäftlich erreichen will. Im letzten Jahr interessierte vor allem die Abwehr von Abzockerinitiative und Boni-Steuern. Ein Jahr zuvor, mitten in der Finanzkrise, hiess das offizielle Thema harmlos «Identität der Schweiz». Doch die Sensation des Nachmittags war ein Angriff von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand auf UBS-Chef Marcel Ospel. Hildebrand nannte erstmals eine tödliche Zahl: dass die UBS mit nur 1,5 Prozent Eigenkapital spekuliert hatte. Ospel wehrte sich bleich, müde, aufgedunsen und erschien nicht mehr zum Abendessen. Kurz darauf trat er zurück.

Dieses Jahr studieren die anreisenden Chefs Dossiers zum Thema «Demografie»: Statistiken zu Migration und Alterung. Als Experte ist der Hamburger Professor Rainer Münz eingeladen. Moderator ist wie immer Gerhard Schwarz, früher Wirtschaftschef der NZZ, heute Chef von Avenir Suisse. Das Thema ist politisch brisant. Da die Grosskonzerne an tiefen Steuern und günstigen Arbeitskräften interessiert sind, sind ihre Ziele klar: Minimierung der Sozialwerke und Maximierung der Einwanderung. Das sorgt links wie rechts für Ärger.

«Stalinistische Geheimhaltung»

Wie viel Macht hat die Rive-Reine-Konferenz in Sachen Politik? Beteiligte sprechen von «lockerem Gedankenaustausch ohne direkte Folgen». Überprüfbar ist das nicht. Denn es gibt kein Protokoll, keine Presse, dafür «eine fast stalinistische Geheimhaltung» (so der Berater). Die Rive-Reine-Konferenz gibt es seit 1975. Bis 2007 erschien in der Presse nicht eine Zeile darüber. Erst im letzten Jahr protestierte das Anti-WEF-Forum Public Eye gegen den «intransparenten Filz». Ihr Sprecher Oliver Classen sagt heute: «Rive-Reine ist das nationale WEF: ein Zeichen der Dominanz der Wirtschaft über die Politik. Auf Geheiss von Nestlé kommen selbst Bundesräte. Und legen weder Volk, Parlament noch Medien Rechenschaft ab.»

Die wenigen eingeladenen Politiker sehen das anders. CVP-Präsident Christophe Darbellay etwa sagt: «Die Chefs von Konzernen und Parteien an einem Tisch: Das ist sehr schweizerisch! Kein Land hat so direkte Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft.» Die Geheimhaltung sei dabei kein Problem, sagt SVP-Fraktionschef Caspar Baader: «Man muss nicht alles breitschlagen. Mit der Frau diskutiert man auch nicht in der Öffentlichkeit.»

Zögernde Kritik äusserte nur die Fraktionschefin der SP, Ursula Wyss: Die Geheimhaltung halte sie für etwas «Undemokratisches und Anrüchiges». Ob jemand von der SP an der Konferenz erscheine, sei noch unklar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2011, 23:05 Uhr

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