Eine Reise durch die Geschichte des Aargaus

Claude Longchamp führt als historischer Guide durch den Kanton, den er für «unterschätzt» hält. 600 Jahre nach dem Einmarsch der Berner erklärt er, wie sich der Aargau nach deren Abzug ab 1800 neu erfand.

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Claude Longchamp kommt im Zug. Er nimmt den Interregio ab Bern und erreicht schon nach dreissig Minuten Aargauer Boden. Da hatten die Berner, als sie vor 600 Jahren den Aargau eroberten, noch länger. Das Mittelland sei unpassierbar gewesen, weil die unverbaute Aare oft über die Ufer trat, erklärt Longchamp. Die Berner Soldaten näherten sich deshalb auf der Landstrasse über die Hügel. Zu Fuss.

Unfreundliche Übernahme

In den verbleibenden Zugminuten fasst Longchamp den Feldzug zusammen: Am 14.April 1415 erreichten die Berner Zofingen, am 24.April ergaben sich ihnen Aarau, Lenzburg und Brugg. Die Luzerner eroberten das Freiamt, die Zürcher die Grafschaft Baden. Am 18.Mai kapitulierte die Festung Stein bei Baden unter dem Druck der vereinigten Berner, Zürcher und Luzerner.

Die damals schon uneinigen Eidgenossen rissen darauf den vorher habsburgischen Aargau in Stücke (siehe Karte). Die mächtigen Berner behielten das Gebiet, das sie bis nach Brugg besetzt hatten, für sich. Das Freiamt und die Grafschaft Baden wurden zu gesamteidgenössischen Untertanengebieten. Den Habsburgern blieb nur noch das Fricktal. Selbst ihr Stammschloss bei Brugg fiel in Berner Hände.

Auf dessen Mauern sitzt nun Claude Longchamp. Ja, der Wahlanalytiker aus dem Fernsehen. Er lässt den Blick zum Jura und über den flachen Autobahnaargau schweifen. In der Landschaft erkennt er überall historische Spuren. Referierend durchmisst er die Geschichte des «chronisch unterschätzten Kantons» von der Habsburg bis zur Hero-Konservenfabrik, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Man erfährt von ihm auch, wie wenig von der Arroganz der Berner Eroberer im Aargau übrig geblieben ist.

Am Morgen hat Longchamp im Zug seine Befähigung zum historischen Aargau-Guide dargelegt: Er sei studierter Historiker und leite als Stadtwanderer leidenschaftlich gern geschichtliche Führungen. Mit 6 Jahren sei er mit den Eltern von Freiburg nach Buchs bei Aarau gezogen. Das Gymnasium hat er in Aarau absolviert. 1982 habe er an der Uni Bern eine Arbeit über die politische Kultur des Aargaus abgeliefert, wofür er alle Aargauer Gemeinden mit dem Fahrrad angesteuert und deren Wahlstatistiken analysiert habe. «Mein Erstling als Wahlanalytiker», sagt Longchamp.

Sperriges Jubiläumsjahr

1415 ist im eidgenössischen Jubiläumsjahr ein schräges Datum. Denn der Aargau feiert keine Befreiungsschlacht wie die am Morgarten 1315, sondern seinen erzwungenen Beitritt zur alten Schweiz. Die Habsburger gelten als fremde Vögte und Erzfeinde der Eidgenossen. Ist ihr Stammsitz nicht der falsche Ort für nationale Jubiläumsfeiern? Longchamp schüttelt den Kopf. Den ersten vereinigten Uraargau hätten im 13.Jahrhundert die Habsburger geformt. Und nach der Eroberung 1415 sei der Aargau zum Versuchslabor der Eidgenossen geworden. Die zur Verwaltung des Aargaus gegründete Tagsatzung sei die älteste gesamteidgenössische Institution. 1415 sei also «auch ein gesamtschweizerisches Gründungsjahr».

Longchamp fügt an, dass die Sache mit dem Erzfeind Habsburg wohl eher eine jüngere nationalkonservative Legende sei. Es sei nicht einmal sicher, ob die Habsburger in der Innerschweiz jemals so viel Einfluss gehabt hätten, um dort einen in den Quellen nie erwähnten Vogt namens Gessler zu installieren. Überdies sei die Feindschaft mit der «Ewigen Richtung», dem Friedensvertrag von Eidgenossen und Habsburgern, 1474 beendet worden.

Die Karriere der Habsburger

Über dem Burgtor prangt ein Löwenwappen. Es ist das alte Emblem des später weltberühmten Geschlechts, das deutsche Kaiser, spanische Könige und bis 1918 den Kaiser von Österreich-Ungarn stellte. Befinden wir uns auf der Habsburg am Ursprung des spanisch-habsburgischen Weltreichs, in dem von Wien über Südamerika bis zu den Philippinen die Sonne nie unterging? Longchamp relativiert: Der grosse Karrieresprung der Habsburger sei erst nach ihrem Wegzug aus dem Aargau erfolgt.

Man müsse sich den Aargau um 1200 als unsichere Gegend vorstellen, erklärt er. Der Papst und der deutsche König lagen im Dauerstreit. Das habe in Europa zu einem Machtvakuum und im Mittelland zur Konkurrenz kleiner Regionalfürsten wie der Habsburger geführt. Zwar sei es Rudolf von Habsburg gelungen, den Aargau zu vereinen und 1273 deutscher König zu werden. Der Aufstieg auf die Weltbühne sei den Habsburgern aber erst gelungen, als sie nach Wien umgezogen seien und 1278 ihren Konkurrenten, König Ottokar von Böhmen, besiegt hätten.

Claude Longchamp referiert auf der Habsburg über den Ursprung des Weltreichs:

Um Grosses zu erreichen, musste man offenbar schon die kleine Frühschweiz des Mittelalters verlassen. Die Habsburger spielten ab 1500 dann in einer Politliga, die den Eidgenossen nach der Niederlage gegen Frankreich 1515 in Marignano verschlossen blieb. Die alten Schweizer zerfleischten sich nun zu Hause in Reformationskriegen, die im 1415 zerstückelten Aargau auch noch konfessionelle Gräben aufwarfen.

Am Tisch mit Vogt Bubenberg

Vom einzigen Schweizer Königshaus fahren wir zur Lenzburg. Auf ihrem Schlosshügel dominiert sie auch den modernen Aargau. Von der Lenzburg aus kann man weit in die Vergangenheit und die Gegenwart blicken. Um das Jahr 1000 waren die Lenzburger die ersten Schlossherren, dann beerbten sie die Kyburger, von denen die Lenzburg an die Habsburger überging, wie Longchamp im Zeitraffer erzählt, während wir zu Fuss hinaufpilgern. 1415 übernahmen die Berner. Am Schloss prangt noch 200 Jahre nach dem Abzug deren Bär.

Dem erhabenen Herrschaftssitz seien die Berner mit Respekt begegnet und hätten erst 1444 einen Landvogt auf der Lenzburg installiert, erklärt im Schlosshof Martina Huggel, Historikerin und Ausstellungsmacherin. In der Ausstellung «Federkiel und Richtschwert» im Schlossmuseum zeigt sie die lange Namensliste aller Berner Landvögte, die bis 1798 auf der Lenzburg residierten. Der berühmteste war Adrian von Bubenberg, der Sieger der Burgunderkriege. In den alten Vogtgemächern kann man ihm beim Schlafen und Essen zusehen – dank Videoanimation.

Die Lenzburg gehört heute zu einem Verbund von Schlössern, der seit 2009 Museum Aargau heisst. Ein Museumsgebäude, in dem die Objekte der Vergangenheit hinter Glas eingelagert werden, besitzt das Museum Aargau nicht. Man kann das als Glück betrachten: Nach 383 Jahren zogen die Berner Besetzer mitsamt der Last der Geschichte ab. Der Aargau hatte die Freiheit, sich nun unbeschwert neu zu erfinden.

Der Aufstieg des Aargaus

Wie weit es der Kanton nach 1800 gebracht hat, sieht man von der Lenzburg aus besonders gut. Zu ihren Füssen boomt der Aargau. Der Schienenstrang und die Autobahn sind die Schlagadern, an die sich Fabrikhallen, Einkaufszentren, Wohnblocks drängen. Hier vibriert die Logistikdrehscheibe der Schweiz. In den ökonomischen Ratings hat der Aargau den Kanton seiner alten Besetzer längst überflügelt.

Wir fahren weiter in den Kantonshauptort Aarau, wo Longchamp zeigen will, woher diese Dynamik kommt – und wie der 1415 zerstückelte Aargau zusammengeflickt werden musste, bevor sein Aufstieg beginnen konnte. Vor dem Rathaus in der Aarauer Altstadt verkündet Longchamp feierlich: «Wir stehen hier am Ursprung der helvetischen Revolution.»

Geburtsort der Moderne

Im Januar 1798, blendet er zurück, hätten sich die Eidgenossen zur allerletzten Tagsatzung in Aarau getroffen. Die Truppen aus dem revolutionären Frankreich waren schon im Anmarsch. Kaum waren die Delegierten der Tagsatzung abgereist, richteten die aufmüpfigen Aarauer vor dem Rathaus einen Freiheitsbaum auf und sagten sich von den Bernern los. Diese schickten zwar noch einmal Truppen, im März 1798 aber kapitulierte auch Bern vor den Franzosen, die die Alte Eidgenossenschaft auflösten. «Am 12.April 1798 hat dann der Basler Politiker Peter Ochs hier vom Balkon des Rathauses aus die helvetische Republik ausgerufen», weiss Longchamp.

Die in Aarau geborene Schweizer Demokratie von Frankreichs Gnaden sei noch eine unvollkommene Sache gewesen, räumt Longchamp ein. Es gab zwar zwei Parlamentskammern und das Direktorium, eine fünfköpfige Regierung, aber kein Wahlrecht für das Volk. Der neue Einheitsstaat war in den entmachteten alten Kantonen und bei der Landbevölkerung unbeliebt. Die neuen Regierenden aber hatten laut Longchamp ein dringlicheres Problem: Sie beklagten die Platznot im Aarauer Rathaus.

Erfindung des Kulturkantons

Das Direktorium zog bald um in die Villa am Schlosspark. Dort erzählt Longchamp von einem Direktor, der feurig, aber nur kurz im Haus wirkte und den neuen liberalen Geist der Republik verkörperte: Philipp Albert Stapfer, Bildungsminister. In einer nationalen Umfrage über die Lage der Volksschule habe der Aargauer Theologe desolate Zustände zutage gefördert und deshalb eine Bildungsrevolution vorgeschlagen. Im Parlament der helvetischen Republik wurde diese schnöd abgeschmettert, Stapfer trat frustriert zurück und emigrierte nach Paris, wo er Napoleons Privatsekretär wurde.

Gleich um die Ecke schreiten wir die Laurenzenvorstadt ab. Aaraus erste Neubauzeile war für die beengt amtenden Behörden der helvetischen Republik gedacht. Als die Häuser um 1820 vollendet waren, war die helvetische Republik nach Staatsstreichen untergegangen und Aaraus kurze Ära als Schweizer Hauptstadt beendet. Dafür erhielt der Aargau in der Mediationsverfassung von 1803 seine alte historische Einheit aus dem Mittelalter zurück und wurde als eigener Kanton anerkannt.

Darüber herrschte nicht nur Freude. «Der in Regionen und konfessionelle Zonen unterteilte Kanton musste erst neu gegründet werden», sagt Longchamp. Und er zeigt, mit welchem Bindemittel der neue Kanton zusammengekittet wurde. Er habe sich in dem von Stapfer geweckten Geist als Bildungs- und Kulturkanton definiert. Unweit der Laurenzenvorstadt erheben sich historische Aargauer Bildungsleuchttürme: die Kantonsschule mit dem Bau der 1803 gegründeten Gewerbeschule. Hier habe nicht nur Albert Einstein, sondern auch er selber die Matura naturwissenschaftlicher Ausrichtung gemacht, fügt Longchamp augenzwinkernd an.

Am Aargauerplatz führt er dann vor, «wie der Aargau sein neues Selbstbild als Kulturkanton in Stein gemeisselt hat». Dort bilden seit dem 19.Jahrhundert das Regierungs- und das Parlamentsgebäude zusammen mit der Kantonsbibliothek und dem Kunsthaus ein repräsentatives Ensemble und kantonales Headquarter.

Demokratie im Museum

Wir sind in der Gegenwart angekommen. Wie steht es heute um den demokratischen Aufbruchsgeist des Kulturkantons? Im neuen Anbau des Stadtmuseums Aarau lebt er gerade auf. Projektleiter Marc Griesshammer führt uns durch die Eröffnungsausstellung zum Thema Demokratie. Im ersten Raum sieht man die Verfassung der helvetischen Republik, die 1798 in Aarau ausgerufen wurde. Die Ausstellung zeigt mit originellen Objekten, wie in der Demokratie Freiheit entsteht.

Wie genau? Nicht allein durch politische Rechte, sagt Griesshammer. Diese hätten den Frauen und den Juden bis 1971 gefehlt und würden Ausländern in der Schweiz noch heute vorenthalten. Zentral für die Demokratie seien die öffentliche Auseinandersetzung und die Konsensfindung. Diese aber könne erlahmen, warnt die Ausstellung zum Schluss, wenn sie sich im Internet auf ein simples Daumen rauf und Daumen runter beschränke.

Wir müssen auf den Zug zurück nach Bern zum gläsernen Aarauer Bahnhof. «Er verkörpert das moderne Aarau. Auf der Abfahrtstafel der Züge sehen Sie, in welchem Sog sich der Aargau befindet», sagt Longchamp. Jeder zweite Zug ist eine S-Bahn nach Zürich. Die Schneise der Geleise, die Aarau zerschneidet, sendet eine Botschaft aus: Freie Fahrt nach Zürich. «Aarau ist das wahre Züri West», sagt Longchamp.

Im Zug bilanziert er, der Aargau, habe sich «als dynamischer und ökonomisch starker Raum zwischen den Städten Bern, Basel und Zürich etabliert». Vor dem Zugfenster sehen wir den Beleg: Fabrikhallen, Wohnblocks, Logistik flitzen dicht an dicht vorbei. Wir kreuzen das Betonband der A1. Sie hat den Kanton in wenigen Jahrzehnten weit heftiger verändert als knapp 400 Jahre Berner Herrschaft.

Der Autobahnblick täuscht

Auswärtige kennen den Aargau nur als Autobahnland. Ihr monotones Bild eines hässlichen Ballungsraums sei unvollständig, sagt Longchamp. Es gebe einen vielfältigen, im Jura oder im Freiamt auch ländlichen Aargau. Überdies habe er schon in seiner Studie von 1982 nachgewiesen, dass der Kulturkanton konservativ geworden sei. Die SVP hat einen hohen Wähleranteil von 35 Prozent. «Vor allem in den ländlichen Südtälern spürt man einen behäbigen, eher bernischen Geist.» Die Berner haben im Aargau also doch Spuren hinterlassen.

1415-Jubiläumsanlässe im Aargau: www.ag.ch/gedenken1415 und www.ag.ch/museumaargau.

Ausstellung: «Demokratie! Von der Guillotine zum Like-Button», Stadtmuseum Aarau, (www.stadtmuseum.ch), bis 31.1.2016. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.05.2015, 09:08 Uhr

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