«Eine Narbe bleibt»

25 Jahre nach ihrem erzwungenen Abgang blickt die erste Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp zurück auf den fatalen Anruf an ihren Mann.

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Frau Kopp, zum Verhängnis wurde Ihnen vor 25 Jahren, dass Sie erst über den Anruf bei Ihrem Mann informierten, als es schon zu spät war (siehe zweiter Teil des Interviews) – ein Lehrbeispiel misslungener Krisenkommunikation. Gab es niemanden, der Ihnen frühzeitig zu voller Transparenz riet?
Elisabeth Kopp: Nein. Wir alle gingen ja immer von einer externen Quelle aus. Als dann «Le Matin» den Verdacht äusserte, mein Mann könnte aus dem Departement heraus informiert worden sein, habe ich noch am selben Tag den Bundesrat in einer ausserordentlichen Sitzung über meinen Anruf informiert.

Wie haben Ihre sechs männlichen Kollegen darauf reagiert?
Mein Stab und ich gingen davon aus, dass sich der Gesamtbundesrat hinter mich stellen und mir sein Vertrauen aussprechen würde. Doch auf Antrag des damaligen Bundespräsidenten Otto Stich kam es zu keiner Solidarerklärung. Das hat mich sehr überrascht, zumal sich der Gesamtbundesrat zuvor selbst in nachgewiesenen Fällen von Amtsgeheimnisverletzung hinter die Kollegen stellte.

Wie erklären Sie sich, dass er das in ihrem Fall nicht tat?
Das ist schwer zu sagen. Eine Rolle spielte sicher der öffentliche Druck...

...und die Tatsache, dass Sie die erste und einzige Frau waren?
Das kann ich nicht beantworten. Es war ja auch das erste Mal, dass im Bundesrat jemand sass, dessen Ehepartner selber eine prominente Figur war. Das war ungewohnt. Hinzu kam sicher auch ein gewisser Neidfaktor, weil ich als erste Frau mehr mediale Aufmerksamkeit erhielt. Die Schweizer Illustrierte etwa zeigte mich einmal auf der Titelseite mit der Schlagzeile: «Die neue Nummer 1 im Bundesrat.» Daran hatten die Herren zu knabbern. In der darauffolgenden Bundesratssitzung jedenfalls fühlte ich mich wie in einer Tiefkühltruhe.

Als Sie das Gremium über Ihr Telefonat informierten: Gab es da auch Druck, um Sie zum Rücktritt zu bewegen?
Nein, das eigentlich nicht. Aber für mich war der fehlende Rückhalt im Gremium ein Rücktrittsgrund. Zu meinem Pech war Otto Stich Bundespräsident. Wäre zum Beispiel Kurt Furgler Bundespräsident gewesen, hätte meine Geschichte eine andere Wendung genommen.

Apropos Telefonat: Ihr privates Telefon wurde nach der Affäre überwacht.
Als Leiter der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) liess Moritz Leuenberger unsere Telefone abhören. Selbst das unserer Tochter!

Die Telefonanschlüsse aller Familienmitglieder?
Ja – und auch jene im Anwaltsbüro meines Mannes. Für ihn hatte das einschneidende Konsequenzen. Als das publik wurde, kamen seine Klienten zu ihm. Sie lobten zwar seine Arbeit, machten aber gleichzeitig klar: «Einen Anwalt, dessen Telefon abgehört wird, können wir nicht brauchen.» Darauf folgte unser finanzieller Ruin.

Ihr Ruf nahm vor allem mit dem Auftritt von Hans Hungerbühler von der Bundesanwaltschaft Schaden, der den Fall untersucht hatte.
Das war ein ganz, ganz schlimmer Moment für mich. Zwei Tage nach meiner Rücktrittserklärung hatte ich vom damaligen Nestlé-Chef Helmut Maucher ein Angebot erhalten, in die Geschäftsleitung oder den Verwaltungsrat einzutreten. Ich prüfte das und sagte zu. Nachdem Hans Hungerbühler – initiiert vom damaligen Bundesrat – eine Strafuntersuchung eingeleitet hatte, fiel das ins Wasser.

In einem öffentlichen Auftritt erwähnte Hungerbühler ein Strafmass zwischen drei Tagen und drei Jahren Gefängnis. Am Ende gab es einen Freispruch.
Das war wie eine klare Vorverurteilung. Auch bei den Einvernahmen hatte ich den Eindruck, Hans Hungerbühler sei voreingenommen.

In seinem Bericht warf Hans Hungerbühler Ihnen aber letztlich keine schweren Verfehlungen vor.
Zum Schluss schreibt er in seinem Bericht, von einem grossen Verschulden könne nicht gesprochen werden. An seiner Medienkonferenz entstand aber der Eindruck, ich hätte ein Kapitalverbrechen begangen. Das war der Beginn der Vernichtung unserer materiellen Existenz.

Die öffentliche Stimmung hatten Sie danach gegen sich.
Ich beschrieb in einem Interview den genauen Ablauf und verbat mir einen Kommentar der Zeitung. Die «Weltwoche» gab das Interview korrekt wieder mit dem fetten Titel: «Immer noch schönfärberisch und einsichtslos.»

Selbst in der eigenen Partei hatten Sie keinen Rückhalt mehr.
Auf die Frage nach dem Verhältnis zu meiner Partei antwortete ich einmal einer Journalistin: «Es ist wunderbar, ich erhalte jeden Oktober einen Einzahlungsschein, aber keine Einladung für Fraktionsessen oder -ausflüge.» Schliesslich trat ich aus der Partei aus. Auch da kam null Reaktion von der FDP.

Warum sind Sie später wieder FDP-Mitglied geworden?
Nationalrat Ruedi Noser brachte mir Rosen und entschuldigte sich für das damalige Verhalten der Partei.

Sie waren von der Dynamik überrascht. Mit Verlaub: War das nicht doch auch ein bisschen naiv?
Sie dürfen eines nicht vergessen: In dieser Zeit musste ich Tag für Tag lesen, was mein Mann verbrochen haben soll. Das war einerseits verletzend. Andererseits fühlte ich mich unglaublich wehrlos. Ich konnte ja nicht als Bundesrätin eine Medienkonferenz ansetzen, um Vorwürfe gegen meinen Mann richtigzustellen.

Ihre Tochter war damals Mitte 20. Wie ist sie mit der Situation umgegangen?
Das ist das, was mich am meisten verletzt hat. Sie wollte nach Jurastudium und Anwaltspatent Jugendanwältin werden. Sie bewarb sich für mehrere Stellen. In einem Fall wurde eine jüngere Frau mit Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen gesucht. Obwohl sie als Pfadiführerin ein ideales Profil hatte, gab man schliesslich einem 55-jährigen Baujuristen den Vorzug. Bei einer anderen Bewerbung erhielt sie die unmissverständliche Antwort, dass sie die Stelle ohne den Namen Kopp erhalten würde. Später gründete sie ein eigenes Büro für Stiftungs- und Verbandsberatung. Sie selber gründete eine Stiftung für Familien mit kranken und gebrechlichen Kindern und organisierte für diese unter anderem Lager, die auf grosse Resonanz stiessen.

Nach Ihrem Rücktritt aus dem Bundesrat kämpften Sie zuerst um Ihren Ruf – und scheiterten. Was folgte dann?
Das war eine schlimme Zeit. Die Ungerechtigkeit und die soziale Ächtung haben mir sehr zu schaffen gemacht. Ich bin in eine tiefe Depression gefallen. Mein Mann und meine Tochter liessen mich in dieser Zeit nicht mehr aus den Augen.

Wie kamen Sie wieder auf die Beine?
Mithilfe meiner Familie – und ich habe mich in die Arbeit gestürzt. Ich habe in Florenz ein Nachdiplomstudium in Menschen-, Europa- und Verfassungsrecht absolviert und bin als Ressortleiterin in die Kanzlei meines Mannes eingestiegen. Ja – und dann begann ein Märchen.

Ein Märchen?
Ich kann es nicht anders sagen. Um es kurz zu machen: Für ein Mandat arbeitete ich mit dem serbischen Politologen Vojislav Stanovcic zusammen. Dessen Frau rief mich eines Tages an und fragte, ob ich ihrem Sohn helfen könne, ein Zimmer zu finden, da er an der ETH studieren möchte. Da bot ich ihr spontan das ehemalige Zimmer unserer Tochter an. Zwei Tage später zog ihr Sohn bei uns ein. Wir haben uns so gut verstanden, dass er quasi zu unserem «Adoptivsohn» wurde. Das war das Märchenhafte daran. Später haben wir auch noch eine junge Mazedonierin bei uns aufgenommen.

Die «Adoptivkinder» halfen Ihnen, das Geschehene zu überwinden?
Ich hatte alle Hände voll zu tun. Auch mein 90-jähriger Vater wohnte damals bei uns. Wir hatten trotz finanzieller Schwierigkeiten eine richtig fröhliche Generationen-WG – es passte einfach alles.

Trotz dieser Wende zum Guten melden Sie sich seit einiger Zeit wieder vermehrt öffentlich zu Wort – und werden mit Ihrer Vergangenheit konfrontiert. Warum tun Sie sich das an?
Ich habe das ja nicht gesucht. Ich bin einfach wieder angefragt worden und sah keinen Grund, abzulehnen.

Geht es Ihnen auch um späte Gerechtigkeit?
Sicher auch. Was meinem Mann und mir widerfahren ist, ist unvorstellbar. Wir wurden nur noch durch den Dreck gezogen – obwohl sich alle Vorwürfe mit einer Ausnahme als haltlos erwiesen. Der Rufmord damals war das Schlimmste an der ganzen Geschichte. Das nimmt niemand einfach so hin.

Wie ist es heute?
Sagen wir es so: Es ist keine offene Wunde mehr. Aber eine Narbe bleibt. Zugleich sehe ich auch, was dadurch in meinem Leben Neues entstehen konnte. Das ist mir im Rückblick mehr wert als ein paar zusätzliche Jahre im Bundesrat. Und es gab ja auch nicht nur diese «Affäre». Ich konnte auch vieles bewirken. Deshalb hadere ich nicht.

Womit beschäftigen Sie sich heute?
Ich arbeite etwa in einem politischen Bildungsprojekt mit. Es heisst «Schulen nach Bern», initiiert von Dora Andres. Mit neun Schulklassen aus der ganzen Schweiz spielen wir den Gesetzgebungsprozess eins zu eins durch. Ich übernehme die Rolle des Bundesrates. Zudem schreibe ich Artikel und Referate.

Fühlen Sie sich heute rehabilitiert?
In persönlichen Begegnungen äussern die Leute heute jedenfalls durchwegs Bedauern über meinen damaligen Rücktritt – und Unverständnis, dass so etwas geschehen konnte.

Hat ein Umdenken stattgefunden?
Ich empfinde es so, ja.

Ende 1988 schlugen die Wellen in Bundesbern so hoch wie selten zuvor. Es gab nur noch ein Politthema: Das Telefonat zwischen Bundesrätin Elisabeth Kopp und ihrem Ehemann, dem Zürcher Wirtschaftsanwalt Hans W. Kopp. Hier lesen Sie, was Elisabeth Kopp 25 Jahre später dazu sagt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.12.2013, 12:10 Uhr

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Elisabeth Kopp im Gespräch

Sie kann ihre Wurzeln nicht verleugnen: Wer die in Muri aufgewachsene Elisabeth Kopp auf Berndeutsch befragt, erhält auch eine Antwort in reinstem Berner Dialekt. Ohne dass sie selbst es bemerkt, wechselt sie vom Züri- ins Bärndütsch und zurück. Dabei ist der Kanton Zürich seit mehr als einem halben Jahrhundert die Heimat der 76-jährigen Alt-Bundesrätin.

Heute lebt sie in einem unauffälligen Mehrfamilienhaus in Zumikon, wo sie 1970 als Gemeinderätin in die Politik einstieg. Die gelernte Juristin empfängt die Besucher im hellen, stilvoll eingerichteten Wohnzimmer. Räume zu gestalten, sei eine ihrer Leidenschaften, erklärt sie lachend. Ein breites Loungesofa dominiert die gute Stube. Davor ein grosser Couchtisch, auf dem sich allerlei stapelt: Bücher, Klassik-CDs, Zeitschriften, Manuskripte. Darunter das Buch «Löwenzahn» von SVP-Staatsrat Oskar Freysinger, zu dem sie das Vorwort geschrieben hat, und Gedichtbände ihres 2009 verstorbenen Ehegatten Hans W. Kopp. Dieser schaut von einer Fotografie auf dem Buffet gegenüber in den Raum. Bilder der Tochter und der drei Enkelkinder stehen auf dem Kaminsims.

Nichts im Raum erinnert an ihre steile politische Karriere, die sie 1984 als erste Frau überhaupt in den Bundesrat führte. Kopp wirkt im Gespräch entspannt, ausgeglichen, aufmerksam. Ein offener, neugieriger Blick, den sie auch bei unangenehmen Fragen nicht abwendet. Dazwischen immer wieder ein gewinnendes Lächeln, aufblitzende Lebensfreude. Sie spricht überlegt, präzis, ohne auszuweichen. Körperlich bewahrt sie dabei stets jene stolze Haltung, die sie in jungen Jahren als Eiskunstläuferin verinnerlicht hat.

Geht es indes um die Narben, die das Erlebte hinterlassen hat, zeigt Kopp ihre empfindsame, verletzliche Seite. Unverkennbar tritt im Gespräch die grosse Liebe zu ihrem verstorbenen Ehemann hervor. Stets hat sie zu ihm gehalten. Auch, als sie nach ihrem Rücktritt aus dem Bundesrat ein lukratives Jobangebot ausschlug, das mit der Bedingung verknüpft war, sich vom vielgescholtenen Hans W. Kopp zu trennen.

Am 12.Dezember erscheint das Buch «Elisabeth Kopp. Zwei Leben – ein Schicksal. Aufstieg und Fall der ersten Bundesrätin der Schweiz» des Journalisten René Lüchinger. Die Kopp-Biografie wird zuerst im «Kaufleuten» in Zürich vorgestellt. Am 21.Dezember signiert Elisabeth Kopp von 14.30 bis 15.30 Uhr in der Buchhandlung Stauffacher in Bern Bücher. Das Buch erscheint im Stämpfli-Verlag Bern und kostet 39.90 Franken.

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