Dürfen Kinder töten?

Fischen soll erst ab 16 Jahren erlaubt sein: Das fordert der Tierschutz.

Lernen Kinder beim Fischen den Umgang mit der Vergänglichkeit oder lernen sie das Töten?

Lernen Kinder beim Fischen den Umgang mit der Vergänglichkeit oder lernen sie das Töten?

(Bild: Keystone)

Ja

Wir leben im Zeitalter der gesteigerten Empfindsamkeit, die sich immer neue Wirkfelder erwählt. Gemäss dem Tierschutz sowie Gerichtspsychiater Frank Urbaniok drohen Kinder, die Fische töten, innerlich abzustumpfen; daher brauche es landesweit ein Angelverbot bis zum Alter von 16 oder gar 18 Jahren. Nun habe ich einige Freunde, die schon im Jugendalter fischten. Keiner ist ein Tierquäler oder Triebtäter geworden; alle sind sie seelisch unauffällig. Völlig unverroht.

Fischen ist etwas Langsames. Ein Ritual über Stunden. Der allerbeste Ritalinersatz. Es weist den Menschen ein ins Spiel der Natur. Die Forelle jagt und frisst und wird nun selber gejagt und gefressen. Sie hat dabei eine faire Chance, sich zu entziehen. Zappelt sie doch am Haken, bleibt sie immerhin ein Einzelwesen. Das Töten (Betäubungsschlag mit dem metallenen Fischtöter, dann ein Schnitt) geschieht gewiss nicht leichtfertig. Das Kind hat gesehen, wie und wo der Fisch lebte. Schön ist er auch. Das erzwingt Respekt.

Sollte das Kind den Fisch nicht töten wollen, übernimmt das sicherlich ein Erwachsener. Oder der Fisch landet wieder im Wasser. Garantiert aber begreift das Kind am Ufer des Sees oder Baches etwas vom Sein. Vom Werden und Vergehen. Natürlich kann man es stattdessen auch zu Hause an der Gamekonsole platzieren. Und ihm zum Zmittag Fischstäbli servieren. Es wird sie vertilgen, ohne zu realisieren, dass das zum Viereck geformte und genormte, knusprig panierte Abstraktding einmal gelebt hat – bis es getötet wurde, inmitten seinesgleichen, als Teil einer Masse, in liebloser Umgebung, industriell.

Vermutlich ist die Verrohungsgefahr für den Menschen in einer Fischfabrik wesentlich grösser als beim Fischen. Auch wenn in der Fischfabrik nur Volljährige arbeiten.

Nein

Fische eignen sich perfekt, um das Töten zu üben. Sie schreien nicht, leiden still. So wecken sie weniger Mitleid als Hühner oder Hasen.

Zugleich haben sie komplexe Körper. Beim Töten gibt es viel zu beobachten, es langweilt nicht so schnell wie das Zerklatschen von Insekten.

Einige meiner Kindheitsfreunde fischten. Manchmal begleitete ich sie. Es waren öde Nachmittage an sumpfigen Ufern. Bis sich endlich ein Silch spannte und Schuppen in der Sonne aufblitzten. Dann begann, worauf alle warteten: das Töten. Wer getraut sich, einer Brachsme den Kopf zu zertrümmern? Wer dreht ihr den Hals um? Wie lange dauert es, bis ein Fisch erstickt? Lebt er länger, wenn man Wasser über den Kopf träufelt?

Angeekelt und fasziniert betrachteten wir die verendenden Tiere, ihre Gedärme, die letzten Zuckungen. Niemanden war es ganz wohl dabei, doch niemand wollte als feige gelten. Wir waren normale Kinder. Nur überstiegen Gruppendruck, Neugier und Freude am Experimentieren das Mitgefühl für die stummen Tiere.

Zum Fischen gehört das Töten. Die meisten Kinder – wenn sie unter sich bleiben – erledigen diese Aufgabe nicht auf die schonendste Weise.

Führen solche Erfahrungen zu Verrohung und Brutalisierung? Oder schärfen sie das Verständnis für die Natur? Vielleicht trifft beides zu. Sicher ist: Den getöteten Fischen brachten diese Nachmittage wenig. In den Kinderhänden starben sie qualvolle, unnötige Tode. Meist waren sie zu klein, um gegessen zu werden. Die Leichen warfen wir ins Gebüsch.

Zwei Dinge lernen Kinder beim Fischetöten: Sterben ist ein zäher Vorgang. Und: Die Fliegen kommen schnell. Beide Erkenntnisse helfen wenig im späteren Leben. Der pädagogische Nutzen vermag das Leid der Tiere nicht ansatzweise zu rechtfertigen. Deshalb sollten Kinder nicht fischen dürfen.

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