«Dieses Geld fehlt für Investitionen in die Entwicklung neuer Produkte»

Die Gegner sehen in der nationalen Erbschaftssteuer eine Gefahr für die KMU. Welche Folgen die Initiative haben könnte, erläutert Thomas Isler vom traditionsreichen Textilunternehmen Gessner.

Bekannt wurde Thomas Islers Unternehmen mit Seidenstoffen. Heute produziert die Gessner AG in Wädenswil Hightechstoffe für die Transportindustrie.

Bekannt wurde Thomas Islers Unternehmen mit Seidenstoffen. Heute produziert die Gessner AG in Wädenswil Hightechstoffe für die Transportindustrie. Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

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Bekannt geworden ist die Firma Gessner durch ihre Seidenstoffe und -krawatten. In den 1960er-Jahren zählten Hubert de Givenchy und andere Modezaren zu den Abnehmern. «Die Zeiten, als wir für die Haute Couture produzierten, sind endgültig vorbei», sagt Thomas Isler, Verwaltungsratspräsident der Gessner Holding AG. Einzelne langjährige Kunden würden zwar noch mit Seidenstoffen beliefert. Damit Geld zu verdienen, sei in der Schweiz heute aber unmöglich. «Niemand ist bereit, so viel zu bezahlen.» Isler musste das 1841 in Wädenswil am Zürichsee gegründete Unternehmen in den letzten Jahren neu erfinden, um den Fortbestand zu sichern.

Mit insgesamt rund 280 Mitarbeitern und gegen 40 Millionen Franken Umsatz zählt Islers Firma zur Gruppe der kleinen und mittelgrossen Unternehmen (KMU). Die Gegner der Initiative für eine nationale Erbschaftssteuer sehen in dieser eine Gefahr für die KMU. Die Initianten widersprechen und verweisen darauf, dass für Unternehmen besondere Ermässigungen vorgesehen seien, damit deren Weiterbestand nicht gefährdet werde und die Arbeitsplätze erhalten blieben.

Immer höhere Freibeträge

KMU bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft und geniessen in der Bevölkerung grosse Sympathien. Dem müssen auch die Initianten Rechnung tragen. Sie haben ihre Vorstellung der Ermässigungen für Unternehmen, die vererbt werden, sukzessive erhöht. Zunächst war von einem Freibetrag von 8 Millionen Franken und einem Steuersatz von 10 Prozent die Rede, später von einem Freibetrag von 20 Millionen und einem Steuersatz von 5 Prozent. Zuletzt schlug SP-Präsident Christian Levrat, dessen Partei die EVP-Initiative zusammen mit den Grünen unterstützt, einen Freibetrag von 50 Millionen und einen Steuersatz von 5 Prozent vor. Damit werde kein Unternehmen gefährdet, behauptete Levrat.

Verkaufen oder Verschulden

Isler zweifelt daran, dass die letztgenannten Zahlen ernst gemeint sind. Denn bei einem Freibetrag von 50 Millionen würde die Erbschaftssteuer viel weniger einbringen als von den Initianten erhofft. Der 1944 geborene Gessner-Chef glaubt, dass die Initianten bei einem Ja mit Verweis auf den Volkswillen auf einen tieferen Freibetrag pochen würden.

Ob seine beiden Söhne, die sein Unternehmen eines Tages erben werden, die von der Initiative geforderte Erbschaftssteuer bezahlen könnten, hänge von der Höhe des Freibetrags ab. Vor allem in alten Unternehmen wie Gessner sei fast alles Geld blockiert, so dass sie entweder Unternehmensteile verkaufen oder sich verschulden müssten, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen. «Dieses Geld fehlt dann für Investitionen in die Entwicklung neuer Produkte», sagt Isler. Und eine Vorfinanzierung sei in der Textilbranche mit ihren bescheidenen Margen nicht möglich. «Der rasante Wandel hindert uns daran, Reserven zu bilden.»

Stoffe für Transportindustrie

Den Wert von Gessner kenne er nicht, sagt Isler. Für ihn und die anderen Aktionäre zähle nur, dass das Unternehmen genug verdiene, um überleben zu können. Und dass es für die Bezahlung der jährlichen Steuern reiche. Wegen Abschreibungen konnte er 2015 zum dritten Mal in Folge keine Dividende ausschütten. Und mit einem Exportanteil von 65 Prozent leidet der Gewebehersteller unter dem starken Franken, weshalb ein Teil der Produktion vermutlich in den Euroraum verlagert werden muss.

Dank patentgeschützten Innovationen sieht Isler sein Unternehmen auf dem richtigen Weg. Heute dienen die Webmaschinen auf dem Fabrikgelände im Zentrum von Wädenswil der Herstellung von klimatisierenden und wiederverwertbaren Stoffen für die Möbel- und Transportindustrie. Zu den Kunden zählen Automarken wie Volkswagen, Audi und Mercedes. Für die Langenthaler Firma Lantal stellt die Gessner AG Bezüge für Eisenbahnen, Flugzeuge und Schiffe her. Isler hat das Unternehmen auch entflechtet. Die umgenutzten Produktionsgebäude werden von der Gessner Immobilien AG verwaltet. Die Créasphère AG kümmert sich um die vierzehn Fachmärkte für Heimtextilien.

Gegen Dreifachbesteuerung

Auch wenn der Freibetrag so hoch wäre, dass seine Erben nichts bezahlen müssten, lehne er die Initiative ab, sagt Isler. Zum einen sehe er nicht ein, weshalb Werte, für die bereits Einkommens- und Vermögenssteuer bezahlt worden seien, mit der Erbschaftssteuer noch ein drittes Mal versteuert werden sollten. Zum anderen warnt er davor, dass Unternehmer und Leute mit grossen Vermögen einfach abwandern würden. Die Initianten hätten die verheerenden Konsequenzen für die Volkswirtschaft nicht bedacht.

Isler selber hat übrigens Erbschaftssteuern bezahlt. Als er das Unternehmen von seinen Vater erbte, mussten auch direkte Nachkommen im Kanton Zürich noch Erbschaftssteuern bezahlen. Zur Anwendung kam ein Steuersatz von 6 Prozent auf dem Steuerwert des Erbes und nicht wie jetzt vorgesehen auf dem deutlich höheren Verkehrswert. Dem Unternehmen sei es damals besser gegangen, sodass zusammen mit kleineren Verkäufen die Erbschaftssteuer habe bezahlt werden können, sagt Isler. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.05.2015, 18:08 Uhr

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