Die erste Schweizer Botschafterin im Iran

Als Botschafterin in Teheran hatte sie die Interessen sowohl der Schweiz wie auch der USA zu vertreten. Die heikle Aufgabe erledigte Livia Leu Agosti mit viel Hartnäckigkeit, diplomatischem Geschick und angeborener Gastfreundschaft.

Livia Leu Agosti vor dem Amtssitz des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten: Sie startete ihre Karriere als Diplomatin mit 28 Jahren.

Livia Leu Agosti vor dem Amtssitz des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten: Sie startete ihre Karriere als Diplomatin mit 28 Jahren. Bild: Stefan Anderegg

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Ein leichter Händedruck hier, ein kurzes Gespräch da, ein Zuwinken dort: Wenn Livia Leu Agosti das Bundeshaus West betritt, den Amtssitz des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), wird sie von allen Seiten herzlich begrüsst. Die Daheimgebliebenen kennen die Heimkehrerin offenbar bestens: Ihre erfrischend zugängliche Art scheint die vergangenen viereinhalb Jahre ihrer Abwesenheit überdauert zu haben. Im Januar 2009 wurde die zierliche Diplomatin von der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey nach Teheran geschickt. Nicht zuletzt um im Iran, wo die Frauen nach wie vor rechtlich nicht gleichgestellt sind, ein Zeichen zu setzen.

Erst die zweite Botschafterin im Iran

Tatsächlich: Als die 52-jährige Bündnerin die Nachfolge von Philipp Welti im mit hohen Säulen bestückten Gebäude der Schweizer Botschaft an der Ave. Sharifimanesh in Teheran antrat, wusste sie auch um die Symbolkraft dieser Mission. Livia Leu sollte weltweit erst die zweite Frau sein, die als Botschafterin im Iran wirkte. Und nachdem bei ihrer Ankunft ihre Kollegin aus Sierra Leone zurückberufen wurde, blieb sie gar die einzige Frau im fast ausschliesslich Männern vorbehaltenen Netzwerk der iranischen Aussenpolitik.

Nur zu Beginn, gleich am ersten Neujahrsempfang des Aussenministeriums, kam es deswegen zu einer amüsanten Szene: Zum Abendessen wurden, wie es die iranische Tradition will, die Männer und Frauen getrennt an die Tische platziert. Es brauchte die Richtigstellung der Schweizerin, damit sie nicht neben den Gattinnen der Herren Diplomaten, sondern zusammen mit ihrem Mann am offiziellen Tisch der Botschafter sitzen durfte.

Trotz gesetzlicher Vorschrift für ausnahmslos alle Frauen, in der iranischen Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen, kommt Livia Leu rückblickend zum Schluss für ihre Tätigkeit: «Die Vorteile, eine Frau zu sein, überwiegen. Ich kann eher ein Zeichen für die gelebte Gleichberechtigung setzen, wenn ich trotz Kopftuchpflicht in den Iran gehe, als wenn ich dieses Land meide», widerspricht die blonde Diplomatin den kritischen Stimmen einiger Feministinnen, «dieser Überzeugung bin ich heute noch mehr.»

Und diese Einsicht überzeugte sie dann auch, bei einem Buchprojekt* der langjährigen Journalistin und engagierten Autorin Esther Girsberger mitzumachen: «Für junge Frauen ist es doch motivierend, zu sehen, dass man auch ungewöhnliche Dinge tun kann.»

Aber nicht nur die Situation der Frauen in diesem mehrheitlich schiitischen Land und die Verletzung der Menschenrechte sollten Botschafterin Leu beschäftigen. Der Iran steht im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit. Wegen seines Atomprogramms bestehen nach wie vor Wirtschaftssanktionen auch seitens der Schweiz gegenüber diesem an sich interessanten Markt mit 75 Millionen Einwohnern. Die Sanktionen trugen zu hoher Inflation und Währungszerfall bei, musste Leu erkennen, was vor allem die iranische Mittelschicht stark trifft. Was sie bedauert: «Die Iraner sind erstaunlich offen und interessiert. Es gibt keine Kontaktscheu.»

Zum anspruchsvollsten Dossier wurde während ihrer Zeit in Teheran das Schutzmachtmandat der Schweizer Botschaft für die USA. Weil die beiden Staaten seit 1980 nicht mehr miteinander reden – der Iran wurde von der US-Administration zur «Achse des Bösen» gezählt –, hat die Schweiz im Einvernehmen mit den beiden Seiten den Part der Interessenvertreterin übernommen.

Dabei geht es einerseits um konsularische Dienstleistungen, welche ein zehnköpfiges Team amerikanischen Staatsbürgern anbietet. Anderseits ist aber auch Diplomatie gefragt beim möglichst direkten Überbringen von Informationen und Botschaften. «From the horse’s mouth», so Livia Leu, sei die amerikanische Redewendung für den ungefilterten und unzensurierten Informationsaustausch. «Man muss die Positionen beider Länder gut verstehen, um diese Funktion richtig auszuüben.»

Persönlicher Dank der US-Aussenministerin

Botschafterin Leu meisterte diese Herausforderung, wofür ihr eine freundlich gesinnte US-Aussenministerin Hillary Clinton persönlich dankte. Grund für Clintons Einladung war auch Leus unermüdliches Engagement bei Betreuung und Freilassung von drei US-Bürgern aus iranischer Gefangenschaft. Zwei Jahre lang arbeitete die Schweizer Diplomatin hartnäckig an Besuchserlaubnissen, besseren Haftbedingungen – und schliesslich an der Freilassung der irrtümlich Inhaftierten. «Sie weiss genau, wohin sie will, und bringt das überaus zuvorkommend, umgänglich und einnehmend hinüber», sagt Buchautorin Esther Girsberger.

Der Eindruck einer freundlichen und aufgestellten Persönlichkeit, die auch gern und herzhaft lachen kann, bestätigt sich im direkten Gespräch. Die offene und dienstbereite Art hat Livia Leu schon in ihrer Kindheit verinnerlicht. Wenn sie heute als aufmerksame Gastgeberin selbst auf heiklem diplomatischem Parkett wahrgenommen wird, hat sie das ihren Eltern zu verdanken. Sowohl der Vater wie auch die Mutter leiteten angesehene Hotels, der Vater das legendäre Giardino in Ascona, die Mutter das Vieux Manoir am Murtensee. Livia Leu wuchs im Kulm in Arosa auf, in einem lebhaften Betrieb mit Gästen aus der ganzen Welt. Dabei kam es auch zu einem ersten «diplomatischen Kontakt»: Noch als Primarschülerin lernte sie Faith Whittlesey kennen, die damalige US-Botschafterin in Bern und eine grosse Freundin der Schweiz. Ein Austauschjahr in den USA habe dann ihre Neugierde fürs Ausland endgültig geweckt.

Seit Anfang Juli ist sie mit ihrer Familie zurück in Bern, bezieht eine Wohnung im Länggassquartier und beginnt im August ihren neuen Job beim Seco. Die Zelte in Teheran sind abgebrochen, geblieben sind «Freundschaften, die sicher die Zeit überdauern werden». Und Livia Leu Agosti ist um eine Erfahrung reicher: «Aus dem Iran dringen hauptsächlich problematische Nachrichten zu uns. Diese Sorgen haben durchaus ihre Berechtigung, aber die gelebte Realität ist viel breiter. Das Leben dort besteht nicht primär aus dem Nukleardossier.»

*Esther Girsberger: «Livia Leu. Unsere Botschafterin in Iran». Wörterseh-Verlag, Gockhausen 2013. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.07.2013, 12:44 Uhr

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Zur Person

Livia Leu Agosti ist 1961 geboren und in Arosa aufgewachsen. Sie studierte in Zürich und Lausanne Rechtswissenschaften. 1989 trat sie – als eine von zwei Frauen neben elf Männern – in den diplomatischen Dienst des EDA ein, wurde zuerst in Bern, Paris und Genf eingesetzt, dann bei der Sektion UNO/Internationale Organisationen.
Ab dem Jahr 1994 war sie beim UN-Hauptquartier in New York tätig. Nach diversen Stationen in Kairo, Bern und Amerika leitete sie von 2006 bis 2009 die Politische Abteilung II (Afrika/Naher Osten), bevor sie in die Schweizer Botschaft nach Teheran gesandt wurde.

Seit Anfang Juli ist sie wieder zurück in Bern und arbeitet ab August als Leiterin Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen im Seco. Leu Agosti ist mit einem Ameisenforscher verheiratet und ist Mutter von zwei Söhnen.

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