Die Schweizer Armee sucht Seelsorger

Der Schweizer Armee gehen langsam die Seelsorger aus. Das liegt auch an den Pfarrern, die sich von der Armee wenig angezogen fühlen. Dabei kämen sie hier mit Menschen in Kontakt, die sie im Alltag kaum anzutreffen.

Wenn die Sorgen allzu stark drücken, können die Armeeangehörigen einen Armeeseelsorger herbeirufen.

Wenn die Sorgen allzu stark drücken, können die Armeeangehörigen einen Armeeseelsorger herbeirufen.

(Bild: Keystone)

Dem jungen Mann ging es gut, als er in die Rekrutenschule ein-rückte. Als er aber ein Gewehr in Händen hielt und schiessen sollte, war er auf einmal völlig blockiert. Nachts quälten ihn Schweissausbrüche und Angst-träume. Ein anderer Rekrut verzweifelte schier, als er erfuhr, dass seine Mutter an Krebs er-krankt sei und zu Hause alles drunter und drüber gehe. Beide wandten sich in ihrer Not an Matthias Inniger, den Armeeseelsorger. Der Pfarrer rückte aus und klärte im Gespräch, welche Hilfe angebracht ist. Den ersten Rekruten wies er dem psychologisch-pädagogischen Dienst der Armee zu. Mit dem zweiten besprach er «eine Strategie, um ihn zu stützen und zu begleiten». Der Seelsorger verschaffte ihm etwa zusätzliche Urlaubstage und begleitete ihn per SMS.

Erste Adresse in der Not

«Armeeseelsorger sind keine Therapeuten», betont Inniger. Aber in Notsituationen sind sie für viele Armeeangehörige die erste Adresse, an die sie sich wenden können. Denn Armeeseelsorger können jederzeit und ohne Berücksichtigung eines Dienstweges herbeigerufen wer-den. Zu Beginn jeder Rekruten-schule und jedes Kaderkurses stelle sich der zuständige Seelsorger vor, «damit jeder weiss, dass er sich direkt bei ihm melden kann», sagt Urs Aebi, Chef Armeeseelsorge. Nach den Theo-logen werde denn auch in jeder Rekrutenschule gerufen. «Der Bedarf nach unserem Dienst ist da», sagt Aebi.

Es fehlt an Pfarrern

Aber: «Rein rechnerisch stirbt der Dienstzweig Armeeseelsorger im Jahr 2029 aus», schrieb Aebi letzten September in einem Newsletter. Eigentlich bräuchte die Schweizer Armee weit über 300 Armeeseelsorger, effektiv einsetzbar seien gegenwärtig aber deren 248. Die Armeereformen hätten den sich abzeichnenden Mangel noch beschleunigt, sagt Aebi und erklärt: In der Armee 61 hätten die damaligen «Feldprediger» 900 Diensttage leisten müssen, heute seien noch 300 Diensttage vorgeschrieben. Weil die aktuell im Einsatz stehenden Armeeseelsorger zahlreiche Vakanzen abdecken müssten, hätten sie ihre Dienstpflicht jeweils rasch erfüllt. So könne der Sollbestand gar nicht mehr erreicht werden, schrieb Aebi weiter.

Es geht auch ohne RS

Keine Pfarrerin und kein Pfarrer kann zu dem Amt gezwungen werden. Gegenwärtig suchen die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn auf ihrer Homepage wieder junge Pfarrer für den Dienst in der Armee. Zusammen mit den römisch-katholischen Landeskirchen schlagen sie die Kandidaten vor. Bis Ende 2009 kam dafür nur infrage, wer die Rekrutenschule absolviert hatte. Das ist seit letztem Jahr keine Bedingung mehr. Ein siebenwöchiger Einführungskurs mit der Swisscoy genüge, sagt Aebi. Diese Lockerung soll einerseits den Frauen den Zutritt erleichtern. Heute sind gerade mal drei Theologinnen als Armeeseelsorgerinnen im Einsatz. Andererseits ermöglicht sie eingebürgerten Theologen aus dem Ausland, in der Schweizer Armee als Seelsorger tätig zu sein.

«Im Swisscoy-Einführungskurs lernen sie, wie man sich in Uniform im militärischen Umfeld und in einem Stab bewegt», sagt Aebi. Im dreiwöchigen «technischen Lehrgang A für Armeeseelsorger» werden die Pfarrerinnen und Pfarrer für die Spezialseelsorge ausgebildet und direkt zum Hauptmann Armeeseelsorger befördert.

Vorurteile stehen im Weg

Trotzdem hält sich das Interesse der Theologen, in der Armee tätig zu werden, in Grenzen. Inniger erklärt: Die Pfarrschaft sei stark ausgelastet und scheue den Zusatzaufwand. Denn Armeeseelsorger behalten ihr Pfarramt und rücken ein, wenn sie gerufen werden. Zudem hätten viele Pfarrer ein Vorurteil gegenüber der Armee. Doch den Skeptikern gibt Urs Aebi zu bedenken: «In der Armee treffen Pfarrerinnen und Pfarrer auf junge Leute, mit denen sie zu Hause kaum mehr in Kontakt kommen.» Zudem seien sie in dem ungewohnten Umfeld seelsorgerlichen Themen zugänglicher als im zivilen Leben.

Berner Zeitung

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