Die Schweiz hat andere Sorgen

Während man sich im Rest der Welt vor Krieg und Staatskollaps fürchtet, ist hierzulande ein Stromausfall das Schreckensszenario Nummer eins.

Auch Wasser gibt es in der Schweiz genug: Der Lac de Derborence im Wallis.

Auch Wasser gibt es in der Schweiz genug: Der Lac de Derborence im Wallis.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Die Schweiz ist eben doch eine Insel. Wie ein neuer Bericht des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs) zeigt, ist hierzulande ein langer Stromausfall die grösste Gefahr für Menschen und Wirtschaft; laut Bundesrat Ueli Mauerer auch aufgrund «der rasant zunehmenden Vernetzung und der enormen Infrastrukturdichte». Das Babs ging bei seiner Analyse den Fragen nach, wie wahrscheinlich ein Ereignis ist und welchen Schaden es anrichten würde. Was in den Top 10 der Schweizer Gefahren fehlt: einige der Themen, die für sehr viele Länder sehr problematisch sind. Das World Economic Forum hat für 2015 folgende globalen Gefahren prognostiziert:

In Bezug auf die Wahrscheinlichkeit

  • 1. Konflikt zwischen zwei Staaten/Krieg
  • 2. Extreme Wetterereignisse
  • 3. Versagen einer Landesregierung
  • 4. Staatskollaps oder Staatskrise
  • 5. Arbeitslosigkeit
  • 6. Naturkatastrophen
  • 7. Auswirkungen des Klimawandels
  • 8. Wasserknappheit
  • 9. Datendiebstahl
  • 10. Cyberattacke

In Bezug auf den Schaden

  • 1. Wasserknappheit
  • 2. Pandemie
  • 3. Massenvernichtungswaffen
  • 4. Konflikt zwischen zwei Staaten/Krieg
  • 5. Auswirkungen des Klimawandels
  • 6. Energiepreisschock
  • 7. Zusammenbruch eines Infrastruktursystems
  • 8. Finanzkrise
  • 9. Arbeitslosigkeit
  • 10. Verlust von Ökosystemen und Biodiversität

Jene Ereignisse, die sowohl sehr häufig als auch sehr schädlich sind – Krieg, Arbeitslosigkeit und Wasserknappheit –, tauchen in der Liste des Babs nicht auf. Dafür ihre Folgeerscheinungen, wie beispielsweise die Flüchtlingswelle während eines Krieges.

Die grössten Gefahren in der Schweiz

  • 1. Lang anhaltender Strommangel
  • 2. Pandemie
  • 3. Hitzewelle
  • 4. Erdbeben
  • 5. Regionaler Stromausfall
  • 6. Sturm
  • 7. Ausfall von Informations- und Kommunikationstechnik
  • 8. Flüchtlingswelle
  • 9. Absturz eines Flugobjekts
  • 10. Tierseuche

Auffällig ist, dass die Gefahr durch terroristische Anschläge auf den ersten Blick weder in der Welt- noch in der Schweiz-Liste vorkommt. Kurt Münger, Kommunikationschef des Babs, weist darauf hin, dass Cyberattacken, und sogenannte A-, B-, und C-Anschläge auch zu den 33 untersuchten Gefahren gehören.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrössern. Quelle: Babs.

A steht dabei für einen Anschlag mit einer radioaktiven Substanz, B für einen mit gefährlichen Krankheitserregern und C für einen Anschlag mit chemischen Substanzen. Die Grafik zeigt nicht an, wie wahrscheinlich ein Terroranschlag in der Schweiz ist - sondern wie plausibel. Das heisst, Experten haben beurteilt, wie einfach es in der Schweiz für Terroristen wäre, an die nötigen Ressourcen, den Zugang und das Know-how für einen solchen Anschlag zu kommen.

Dass Terroranschläge nicht zu den 10 grössten Gefahren in der Schweiz gehören, liegt daran, dass sie so selten vorkommen. Tatsächlich konzentrieren sich Terrorismusanschläge auf wenige Länder – auch wenn dies dem subjektiven Eindruck widerspricht. Laut dem Global Terrorism Index 2014 fordert der Terrorismus 82 Prozent seiner Opfer in den Ländern Irak, Afghanistan, Pakistan, Nigeria und Syrien. Nur etwa 5 Prozent der Todesopfer kommen aus OECD-Ländern. Mord und Totschlag fordern weltweit 40-mal mehr Opfer als der Terrorismus. Die subjektive Wahrnehmung bezüglich der Häufigkeit von Terroranschlägen in unserer Nähe täuscht – auch aufgrund von tragischen Ereignissen wie kürzlich im tunesischen Badeort Sousse.

Teure AKW-Katastrophen

Das Babs hat zusätzlich zur Top-10-Liste auch eine Grafik erstellt, die zeigt, wie wahrscheinlich und wie schädlich die untersuchten Katastrophen sind. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen dazu dienen, den Mitteleinsatz für die verschiedenen Gefahren zu organisieren und den Katastrophenschutz der Schweiz zu verbessern.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrössern. Quelle: Babs.

Manche Gefahren sind offensichtlich (Pandemien), andere sind im Alltag nicht ganz so präsent (Sonnenstürme). Und ein Ereignis wie ein Atomkraftwerkunfall taucht nicht in den Top 10 auf, obwohl es extrenen Schaden anrichten würde. Das Babs schätzt aber die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls «aufgrund der in der Schweiz geltenden gesetzlichen Sicherheitsvorschriften als extrem gering» ein.

Sollte es trotzdem dazu kommen, wäre nicht nur der gesundheitliche, sondern auch der finanzielle Schaden einer Atomkatastrophe verheerend, wie diese Beispiele zeigen:

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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