Die Nationalbank warnt vor Risiken im Immobiliengeschäft

Die Schweizerische Nationalbank sieht sich in ihrem Kurs bestätigt und zieht nach der Einführung von Negativzinsen eine positive Bilanz. Sie warnt vor Risiken im Immobilienmarkt.

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(Bild: Grafik: nid / Bild Keystone / Quelle finanzen.ch)

1. Profitiert die Schweizerische Nationalbank (SNB) von den Negativzinsen, die sie durchgesetzt hat?
Ja. Jeden Monat verdient sie allein aus Negativzinsen 100 Millionen Franken, wie SNB-Präsident Thomas Jordan gestern mitteilte. Rund 155 Milliarden Franken der Guthaben bei der SNB unterliegen einem Minuszins von 0,75 Prozent. Diese Erträge sind vergleichbar mit einem Hausbesitzer, dem für eine Hypothek noch ein Zinsertrag ausbezahlt wird.

2. Senkt die SNB die Leitzinsen weiter, um den Franken zu schwächen?
Vorläufig nicht. Der Negativzins auf Guthaben bleibt unverändert bei -0,75 Prozent. Auch das Zielband für den 3-Monat-Libor belässt die SNB bei -0,25 bis -1,25 Prozent. Eine Rückkehr zum Euromindestkurs ist kein Thema. Die SNB behält sich aber weiterhin vor, mit Devisenkäufen zu intervenieren, wenn der Euro gegenüber dem Franken zu viel Wert einbüsst.

3. Warum hat die SNB die Leitzinsen ins Minus gesenkt?
Auch die Zentralbanken vieler anderer Länder senkten ihre Leitzinsen auf 0 oder tiefer. Mit höheren Zinsen wäre der Franken attraktiver und das Problem mit der starken Währung würde sich verschärfen.

4. Wie beurteilt die SNB den Negativzins?
Ein halbes Jahr nach der Abschaffung des Mindestkurses zog die SNB gestern eine positive Bilanz. Laut Präsident Thomas Jordan tragen die Negativzinsen dazu bei, den Franken abzuschwächen. Dieses Ziel strebt sie an, um die Exportindustrie zu schützen. Denn wird der Franken stärker, zahlen ausländische Kunden mehr für Schweizer Produkte. Auch in Bezug auf den Geldmarkt bleibt die SNB optimistisch: Dieser funktioniere weiterhin gut, sagte Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg.

5. Was bemängeln Kritiker an der Einführung des Negativzinses?
Vor allem Linke und Gewerkschaften lehnen die Strategie der SNB ab. Sie kritisieren die Aufhebung des Mindestkurses und befürchten einen «enormen volkswirtschaftlichen Schaden». Sie weisen darauf hin, dass das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal dieses Jahres um 0,2 Prozent gesunken und die Exporte eingebrochen seien.

Die SP glaubt, dass der Verzicht auf einen Mindestkurs in die Rezession führt. 30'000 bis 40'000 Stellen sollen auf dem Spiel stehen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hält den Verzicht auf einen Mindestkurs für «inakzeptabel». Die SNB hoffe, dass sich der Franken abwerte. Doch dafür gebe es keine Anzeichen.

6. Warum hat die SNB den Euromindestkurs aufgegeben? Die Nationalbank hat sehr viele Devisen dazu gekauft, den Mindestkurs zu stützen. Mit dem Umfang dieser Reserven steigt das Risiko von Wechselkursverlusten. Und je höher der Anteil der Devisen in der Bilanz, desto geringer ist der Handlungsspielraum in Krisensituationen. Derzeit besitzt die SNB für 500 Milliarden Franken Devisen.

7. Welche Aussichten für die Wirtschaft prognostiziert die SNB?
Die SNB erwartet keinen schweren Einbruch. Sie räumt ein, dass die Gewinnmargen in einigen Bereichen wie der Exportindustrie gelitten haben. Auch einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit schliesst sie nicht aus. Dennoch bleibt die SNB zuversichtlich. Dies vor allem aufgrund einer steigenden Nachfrage im Ausland in der zweiten Jahreshälfte.

Sie erwartet Wirtschaftswachstum und eine Abschwächung des Schweizer Frankens. Die Inflationsprognosen hat die SNB leicht korrigiert, sie verharren aber immer noch klar im Minus. Schliesslich schwingt in den Prognosen der SNB auch Vorsicht mit. Denn die Unwägbarkeiten sind gross, so zum Beispiel wegen des drohenden Austritts von Griechenland aus dem Euroraum.

8. Welche Folgen hat der Negativzins für Immobilienbesitzer?
Tiefe Zinsen versorgen den Markt mit günstigem Geld und treiben wegen der grösseren Nachfrage die Immobilienpreise tendenziell in die Höhe. Weil aber Banken Negativzinsen mit mehr Eigenkapital hinterlegen müssen, kam es in den vergangenen Monaten zu einer leichten Abkühlung des Markts.

Dennoch warnt die SNB vor Risiken. Sie stellt fest, dass Immobilien für Banken, Investoren und Haushalte wieder attraktiver werden. Das rekordtiefe Zinsumfeld biete auch Anreize für Banken, höhere Zins- und Kreditrisiken einzugehen. Damit nehme das Gefahrenpotenzial für Banken zu: Ein Anstieg der Zinsbelastung und Korrekturen auf dem Immobilienmarkt könnte die Institute hart treffen.

Insgesamt haben sich die Gleichgewichte im Immobilienmarkt laut SNB aber nicht stark verändert. So sollen die Preise für selbst bewohntes Wohneigentum nur leicht stärker gestiegen sein als die gesamte Wirtschaft. Die inlandorientierten Banken hätten ihr Engagement im Schweizer Hypothekenmarkt zwar weiter ausgebaut. Bei neuen Hypotheken sei der Anteil der risikoreichen Kredite mit einer hohen Belehnung im Verhältnis zum Immobilienwert aber zurückgegangen.

9. Was tut die Politik?
Ständerat Pirmin Bischof (CVP, SO) hat gestern per Postulat vom Bundesrat verlangt, dass er die Folgen des Negativzinses für Pensionskassen untersucht. Weiter sollen auch die Auswirkungen für Kleinsparer und Kantone geklärt werden. Ein Minuszins für Kleinsparer ist zwar sehr unwahrscheinlich, weil diese ihr Geld sonst bar zu Hause horten würden. Doch nicht ausgeschlossen ist, dass Banken ihre Verluste über höhere Gebühren auch Leuten mit kleinen Vermögen verrechnen. Der Bundesrat erklärte sich bereit, diese Fragen abzuklären. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf sagte in der Ratsdebatte, für den Bundesrat sei es wichtig, die Frankenaufwertung zu limitieren.

10. Sind die Vorsorgegelder gefährdet?
Grundsätzlich nicht. Kürzlich kursierte zwar eine Meldung, wonach eine Bank Pensionskassenvermögen mit -3 Prozent belastet. Doch Widmer-Schlumpf relativierte in der gestrigen Ratsdebatte Ängste: Nur ein kleiner Teil der Anlagen sei von Negativzinsen betroffen. CVP-Ständerat Konrad Graber (LU) präzisierte, dass nur rund 10 Prozent der Pensionskassengelder in Franken angelegt seien. Er meinte, dieses Problem werde etwas hochgespielt.

11. Was tut die Europäische Zentralbank (EZB)?
Die EZB will mit einer sehr lockeren Geldpolitik die Wirtschaft der Eurozone ankurbeln. Im März hatte sie begonnen, in grossem Umfang Staatsanleihen aus Euroländern zu kaufen. Damit verschärft sie die schweizerischen Probleme mit der Frankenstärke. Daran wird sie bis auf Weiteres nichts ändern. Bis September 2016 soll das Kaufvolumen auf 1,14 Billionen Euro steigen. Gestern bestätigte die EZB, dass sie mit ihrer Politik auf Kurs sei: Die Kaufprogramme kämen gut voran und würden die gewünschte Wirkung entfalten.

12.Welche Folgen hätte ein Grexit – also ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?
Das Vertrauen in den Euro würde schwinden, sein Wert sinken. Die Schweiz wäre als sicherer Hafen für Anleger eine attraktive Alternative. Die SNB müsste weitere Schritte dafür einleiten, eine Verschärfung des Problems mit der Frankenstärke abzufedern. Es ist denkbar, dass sich die SNB jetzt mit Zinssenkungen zurückhält, um in einem solchen Krisenfall noch grösseren Handlungsspielraum zu haben. Es liegt bereits ein Dispositiv für einen solchen Krisenfall vor. Die Vertreter der SNB wollten dieses aber nicht näher erläutern. Als Alternative zur Rückkehr zum Mindestkurs werden auch Kapitalverkehrskontrollen genannt.

Berner Zeitung

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