Die Finnen sind pragmatisch und vertrauen ihren Fachleuten

Wohin mit dem Atommüll? Seit 42 Jahren wird in der Schweiz über diese Frage gestritten. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Finnland. Dort entsteht das weltweit erste Endlager für hoch radioaktive Abfälle.

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Der Lastwagen mit den gelben Warnschildern stoppt im Wald. Vor ihm ein Gebäude, gesichert mit Natozaun, Eisentor und Kameras. Es ist still. Das Tor geht auf und dahinter gleich ein zweites. Der Lastwagen verschwindet durch einen Tunnel ins Erdinnere. Nach kurzer Fahrt, in 60 Metern Tiefe, ist er am Ziel: eine weiss getünchte, 65 Meter lange, 11 Meter hohe Halle. Grelles Neonlicht beleuchtet zwei riesige Silos, einen Industriekran. Und wieder gelbe Warnschilder. Der Chauffeur verlässt den Ort eilig. Wie von Geisterhand gesteuert, entlädt der Kran zwei Betonklötze, jeder über 12 Tonnen schwer – und gefüllt mit Atommüll.

Die Szenerie wirkt wie der Vorspann eines James-Bond-Filmes, hat aber in Realität nichts mit Spionage zu tun: Wir befinden uns in einem Endlager für radioaktive Abfälle. Die Hightechanlage steht auf Olkiluoto, einer Halbinsel vor der finnischen Westküste. Im Fels unter dem idyllischen Wald entsorgen die Finnen seit 1992 die schwach und mittelstark strahlenden Abfälle aus ihren Kernkraftwerken. Die Deponie ist eines der weltweit ersten Atommüllendlager. Betreiberin ist die Entsorgungsgesellschaft Posiva, das finnische Pendant zur Schweizer Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Posiva gehört den finnischen Energiekonzernen und ist um Transparenz bemüht: «Jährlich besuchen 20'000 Personen die Führungen durch die Anlage», sagt Vizepräsidentin Tiina Jalonen.

«Wir kennen den Lagerort jedes Stücks Abfall»

Der Lastwagen in der Silohalle ist nun entladen. Es stinkt nach Verrottetem. Der Geruch komme aus den Silos, in denen zum Teil jahrzehntealte Abfälle lägen, sagt ein Posiva-Mitarbeiter. Es handelt sich meist um kontaminierte Schutzkleidung, Werkzeuge, Filter und Abdeckungen. Sie werden in Stahltonnen gepackt, die dann gepresst werden, um ihr Volumen zu verkleinern. So finden jeweils 16 in einem der Betonelemente Platz, die schliesslich in den Silos versenkt werden. Jedes Stück sei inventarisiert, sagt der Posiva-Mann. «Wir wissen jederzeit, wo was liegt und wie stark es strahlt.» Trotz Geruch – Radioaktivität werde keine freigesetzt, versichert er. Tatsächlich: Das mitgeführte Dosimeter schweigt beharrlich.

«Sogar die Grünen stimmten dafür»

Andere Länder tun sich mit ihrem Atommüll schwer. So auch die Schweiz. Zwar wurde die Nagra bereits 1972 und damit 13 Jahre früher gegründet als Posiva. Dennoch hinkt die Schweiz Finnland bei der Endlagerung des Atommülls weit hinterher. Denn unweit des Endlagers für schwach und mittelstark strahlende Abfälle planen die Finnen das weltweit erste geologische Tiefenlager für hoch radioaktive ausgediente Brennelemente.

Den Grundsatzentscheid dafür fällte das Parlament 2001 – mit nur drei Gegenstimmen. Ein Resultat, das Nagra-Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritschi nach eigenem Bekunden jedes Mal fast die Tränen in die Augen treibt, wenn er jemandem davon erzählt. «In Finnland waren sogar die Grünen für das Projekt.» Der Physiker lächelt wehmütig unter dem gelben Bauhelm.

In der Schweiz dagegen löst jeder Standortvorschlag der Nagra heftige Proteste aus (siehe Box). Ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle wird wohl frühestens 2060 in Betrieb gehen. Bis dahin lagert der Atommüll an der Oberfläche im Zwischenlager im aargauischen Würenlingen. «Was die schwach und mittel radioaktiven Abfälle angeht, könnten wir aber ebenso weit sein wie die Finnen», sagt Fritschi.

Akzeptanz der Bevölkerung ist gross – trotz Fukushima

Voraussichtlich 2022 soll das finnische Endlager in Betrieb gehen. Dessen Dimensionen lassen sich derzeit nur auf einer Powerpoint-Präsentation erahnen. Zwar gebe es noch offene Fragen, sagt Posiva-Vizepräsidentin Jalonen. Etwa zum Korrosionsverhalten der Kupfercontainer, in welche die Brennelemente für die Endlagerung verpackt werden. «Es besteht jedoch der Konsens, dass wir die Forschung bis zur Inbetriebnahme des Tiefenlagers abschliessen», so Jalonen.

Dieses liegt 400 bis 500 Meter im felsigen Grund der Halbinsel Olkiluoto und soll den hoch radioaktiven Müll fassen, der in der gesamten Betriebszeit der finnischen Kernreaktoren anfällt. Laut Posiva sind das 5500 Tonnen Uranabfall. Bereits gebaut sind insgesamt neun Kilometer Erschliessungstunnel und -stollen sowie das Felslabor Onkalo – was in Finnisch Versteck bedeutet–, in dem Gestein und Endlagerung 1:1 getestet werden. Die Bewilligung für den Endausbau erwartet Posiva 2015. Ebenso die Baubewilligung für die zum Endlager gehörende oberirdische Anlage, in der die Abfälle für die Ewigkeit verpackt werden. Immerhin müssen sie während 100'000 Jahren sicher verwahrt sein. So lange dauert es, bis die Brennelemente nur noch so stark strahlen wie die natürliche Umgebung. Die Bewilligungen seien nur noch Formsache, sagt Jalonen.

Zwar hat auch Finnland Jahrzehnte gebraucht, bis klar war, wo die Endlager gebaut werden sollen. Erste Standortuntersuchungen seien bereits 1980 durchgeführt worden, sagt Jalonen. «Die Standortgemeinde hätte sich per Referendum dagegen wehren können.» Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei jedoch gross. Das liege daran, dass auf Olkiluoto bereits zwei Reaktorblöcke stehen. Ein dritter befinde sich seit 2005 im Bau, und ein vierter Reaktor sei in Planung. Daran hat auch die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 nichts geändert.

Pragmatische Finnen mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit

Zurück an der Erdoberfläche, im Plenarsaal des Besucherzentrums, liefern die PR-Leute des Kraftwerkbetreibers Teollisuuden Voima Oyj (TVO) Erklärungen, weshalb ihr Land so sehr auf Atomkraft setzt. Zum einen verlangen die starke Metall- und die Papierindustrie viel und günstigen Strom, zum andern der hohe Lebensstandard der Bevölkerung. Zwar gibt es ausgedehnte Wälder. Das Holz sei jedoch so nass, dass es nur unter der Zugabe von Kohle gut brenne, sagt TVO-Sprecherin Käthe Sarparanta. Ausserdem würden die Finnen mit dem Holz lieber Häuser bauen, als es zu verbrennen, ergänzt ihr Kollege Pasi Tuonimaa. «Das wäre die russische Art, damit umzugehen.»

Der Seitenhieb gegen den Nachbarn liefert den weiteren Grund, weshalb die Finnen Atomkraftwerke bauen: die Unabhängigkeit von Russland. Kurz nach Fukushima seien die Umfragewerte zwar eingebrochen, sagt Tuonimaa. Aber bereits ein Jahr später hätten sich 68 Prozent der Finnen für die Atomkraft ausgesprochen. Aktuell deckt das Land 60 Prozent seines Energiebedarfs mit Importen aus dem Ausland – 70 Prozent davon liefert Russland. Laut Tuonimaa ist die Atomakzeptanz auch im Naturell seiner Landsleute begründet: «Wir sind pragmatisch, sehr gut ausgebildet und vertrauen unseren Fachleuten.» Zudem seien die Finnen politisch interessiert. «Die Wahlbeteiligung liegt jeweils bei 80 Prozent.»

Offenbar ist den Finnen bewusst: Wer Atomkraft sagt, muss auch Endlagerung sagen. Oder wie es Tiina Jalonen von Posiva sagt: «Selbst wenn wir morgen alle unsere Reaktoren abschalten –der Atommüll ist da und muss sicher entsorgt werden.»

Wie sagen wir es unseren Nachkommen?

Ob es in 10'000 oder in 50'000 Jahren die Halbinsel Olkiluoto, den idyllischen Wald und die Lastwagen mit Atommüll noch gibt, ist ungewiss. Sicher ist aus heutiger Sicht aber, dass die Menschen der Zukunft über die Endlager und die Gefährlichkeit der dort liegenden Stoffe Bescheid wissen müssen. Wie aber und in welcher Sprache übermitteln wir späteren Generationen diese Botschaft? Das wissen auch die Finnen noch nicht. Jalonen: «Diese Antwort muss unsere Nuklearsicherheitsbehörde finden.» Andrea Sommer

Diese Reportage entstand auf einer von der Nagra und vom Schweizer Nuklearforum organisierten Inforeise nach Finnland.

Berner Zeitung

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