«Die Bauern bekommen pro Liter Milch 5 Rappen zu wenig»

Es waren nicht Preisdiskussionen mit dem Detailhandel, die Albert Rösti als Direktor der Schweizer Milchproduzenten zermürbt haben. Es waren Milchbauern aus den eigenen Reihen, die seinen Zielen zuwiderliefen.

«Entkrampfung»: Mit seinem Rücktritt will  Albert Rösti dazu beitragen, dass sich das Verhältnis unter den Akteuren in der Milchbranche entspannt.

«Entkrampfung»: Mit seinem Rücktritt will Albert Rösti dazu beitragen, dass sich das Verhältnis unter den Akteuren in der Milchbranche entspannt. Bild: Susanne Keller

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Herr Rösti, wie viel bekam der Bauer für den Liter Milch, als Sie 2007 als Direktor der Organisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) anfingen?
Albert Rösti: Etwa 65 Rappen.

Und heute?
Im Durchschnitt 56 Rappen.

Was haben Sie falsch gemacht?
Nichts (lacht). Nein im ernst, aufgrund der vielen unabhängig agierenden Milchhandelsorganisationen ist es mir nicht gelungen, mit Massnahmen des Verbandes das Angebotswachstum einzudämmen. Grundsätzlich ist klar, dass Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen – kombiniert mit den Rahmenbedingungen, die von der Politik vorgegeben werden.

Die da wären?
Zölle, Verkäsungszulage und Siloverbotsentschädigung. Diese hat die Politik den Milchbauern mit sehr grossem Mehr gewährt. Das sind die wesentlichen Elemente, die dazu führen, dass die Bauern in der Schweiz einen um 15 bis 20 Rappen höheren Milchpreis realisieren können als ihre Kollegen im benachbarten Ausland.

Wie rechtfertigen Sie den höheren Preis?
Mit dem teureren Kostenumfeld: Gebäude, Löhne, Traktoren, alles kostet hier mehr.

Sie wollten eigentlich erklären, warum der Milchpreis in Ihrer Zeit als Direktor gesunken ist.
Als ich anfing, präsentierte sich eine gute Situation: Es konnten viele Milchprodukte exportiert werden, und im Inland wurde nicht zu viel produziert. Weltweit stiegen die Preise, was es auch in der Schweiz möglich machte, sie anzuheben. Dazu haben wir unseren Beitrag geleistet, denn das muss man immer auch erst aushandeln, dass die Preise steigen.

Wie handelt man das aus?
Der Preis steigt erst, wenn der Detailhandel bereit ist, die Produktpreise anzuheben. Coop und Migros waren verhandlungsbereit, wir verhandelten auch mit Emmi, Cremo, Elsa und Hochdorf, die 80 Prozent der Schweizer Milch verarbeiten, und präsentierten ihnen die Marktlage. Darauf basierend konnten die regionalen Organisationen eine Preiserhöhung durchsetzen. Der Markt entwickelte sich noch einmal positiver, wir forderten eine zweite Erhöhung. Diesen Schritt setzten wir aber nicht mehr in Verhandlungen durch, es kam zu Streikbewegungen, und im Nachgang dazu wurde der Preis noch einmal erhöht. 2008 lag er bei 78 Rappen.

Aber dann...
...dann verschlechterte sich die Marktlage, in der EU kam es zu einem absoluten Preiszerfall. Die Schweiz, die stark abhängig ist vom Export, konnte diesen nicht auffangen. Doch ich finde, die Bauern bekommen heute etwa 5 Rappen weniger, als es der Markt zulassen würde.

Und trotzdem produzieren Sie zu viel Milch?
Das kann man der Branche vor-werfen, dass sie zwischen 2007 und letztem Jahr – jetzt geht es leicht rückwärts – die Milchmenge um 7 Prozent ausgedehnt hat. Deshalb steht der Preis unter riesigem Druck. Mit verschiedensten Modellen haben wir versucht, das Angebot der Nachfrage anzupassen.

Warum ist das nicht gelungen?
Das Grundproblem ist, dass den vier erwähnten Unternehmen, die rund 80 Prozent der Molkereimilch verarbeiten, und den Käsereien rund 40 regionale Milchhandelsorganisationen und 25000 Schweizer Bauern gegenüberstehen.

Zu Beginn Ihrer Tätigkeit bei der SMP sind Sie durchs Land getingelt in der Absicht, die Milchkontingentierung mit einem Milchpool abzulösen.
Genau. Wir wollten eine Struktur schaffen, mit der wir auf Augenhöhe mit den vier Verarbeitern hätten verhandeln können. Heute können die Verarbeiter wählen, welchen Organisationen sie wie viel Milch abkaufen. Wenn ihm der Preis in der einen zu hoch ist, reduziert er dort die Einkaufsmenge. Der Milchpool wäre aus meiner Sicht immer noch die beste Lösung.

Woran ist er gescheitert?
Wir hatten einen klaren Beschluss im Vorstand, arbeiteten Statuten aus und waren bereit. Aber dann ist der grosse ZMP (Zentralschweizer Milchproduzenten, Anm.Red.) als Mehrheitsbesitzer der Emmi ausgestiegen. Damals begann sich das Problem abzuzeichnen, das SMP-Präsident Peter Gfeller und ich nun mit unserem Rücktritt bewusst machen wollten: dass jene, die in unserem Vorstand Beschlüsse fassen, zu stark verbunden sind mit den kommerziellen Unternehmen und zwangsläufig in einen Interessenkonflikt kommen.

Das müssen Sie erklären.
Als nationaler Verband sieht die SMP, dass die Bauern die Milchmenge der Nachfrage anpassen müssen. Das ist marktwirtschaftlich für jeden einleuchtend. Auch fast jeder in unserem Vorstand streckte die Hand hoch, als wir zum Beispiel beschlossen, dass Bauern, die ihre Milchmenge ausgedehnt haben, auf der zusätzlichen Menge eine Abgabe leisten müssen, damit wir die Überschüsse abbauen können. Aber dann gehen sie zurück in ihre Handelsorganisationen im Land draussen und setzen das nicht um.

Warum nicht?
Weil sie merken, dass andere Organisationen das auch nicht tun und sie Angst haben, die Bauern könnten zu diesen überlaufen. Deshalb wollten wir, dass der Bund für die beschlossenen Massnahmen die Allgemeinverbindlichkeit erteilt, damit sie für alle gegolten hätten.

Aber die Organisationen nehmen den Bauern ja wohl kaum mehr Milch ab, als sie zu gutem Preis absetzen können.
Das ist eben die Komplexität dieses Marktes (lacht). Es gibt zu viele regionale Organisationen, die untereinander im Wettbewerb stehen. Sie können sich gegenüber ihrer Konkurrenz nicht mit einem deutlich besseren Milchpreis abheben, sonst gehen sie sofort Konkurs, weil sie nicht mehr verkaufen können. Eine Organisation ist dann attraktiv, wenn sie dem Landwirt möglichst viel Milch abkauft. So kauft jede etwas zu viel ein, das zieht den Milchpreis hinunter.

Kaufen sie mehr ein, als die Verarbeiter bestellen?
Nein, nicht mehr, als diese bestellt haben. Auch die Verarbeiter wollen möglichst viel Milch, damit sie ihre Anlagen auslasten können, aber natürlich zu einem tiefen Preis.

Wie ist Ihr Rücktritt nun zu interpretieren: Als Protest gegen die interne Organisation Ihres Verbandes oder weil Sie erkannt haben, dass die SMP im Milchmarkt nichts mehr zu sagen hat?
(überlegt lange) Es ist beides. Die Situation, in der die Bauern stecken, hat mich echt und persönlich belastet. So konnte ich das Ziel, das ich mir in meiner Funktion gestellt hatte, nicht erreichen. Ich bin ausgeschossen mit Ideen, wie die Situation für die Bauern verbessert werden könnte, wenn die regionalen Organisationen nicht mitziehen. Zudem war es peinlich gegenüber der Öffentlichkeit, als sich die Produzenten selber im Vorstand der Branchenorganisation Milch nicht stärken lassen wollten. Solches Verhalten konnte ich einfach nicht mehr mittragen.

Wie äusserte sich die persönliche Belastung?
Ich habe dauernd über Lösungen nachgedacht. Und plötzlich fand ich mich in der Rolle, den Bauern stets erklären zu müssen, warum was nicht geht.

Überlassen Sie die Schweizer Milchbauern mit ihrem angekündigten Rücktritt auf Ende August also dem Markt?
Im Nationalrat werde ich mich weiterhin um das Agrardossier kümmern. Zudem erwarten wir mit unserem Rücktritt schon eine Entkrampfung im Verband und damit wieder eine Erstarkung der Interessenvertretung der SMP. Ist dies nicht der Fall, erfolgt ein harter Prozess, bei dem so viele Bauern die Milchproduktion einstellen werden, bis sich das Angebot normalisiert.

Aber ein «normales» Angebot wäre doch wünschenswert. Bauern, die nicht kostendeckend Milch produzieren können, hören halt auf und machen etwas anderes.
Ich habe eine ganz andere politische Haltung. Ich bin der Meinung, dass wir mit der Milchproduktion eine Wertschöpfung haben, die wir gerade in unserem Grasland und mit unserer Berglandwirtschaft erhalten sollten, daran hängen auch Arbeitsplätze und eine ganze Industrie.

Wenn weniger gemolken würde, würde der Milchpreis wie von Ihnen gefordert doch steigen.
Das ist dann nicht der Fall, wenn auf einmal viele Betriebe aufgrund der tiefen Preise zur Aufgabe gezwungen sind – man nennt das Strukturbruch – und die Inlandversorgung nicht sichergestellt werden kann. Dann wird Druck auf eine weitere Grenzöffnung gemacht, und die fehlende Milch wird importiert. Auf der Welt werden 700 Millionen Tonnen Milch produziert, die Schweiz produziert 3 Millionen.

Den Markt wollen Sie nicht spielen lassen. Wer soll denn die geforderten 5 Rappen bezahlen?
Wenn die Milchproduzenten alle zusammenhalten würden, wäre es kein Problem, mit Coop, Migros und den Verarbeitern eine Erhöhung auszuhandeln.

Die SMP scheint ihre Rolle im liberalisierten Milchmarkt noch nicht gefunden zu haben.
Es war mein Dilemma, dass ich zwischen der starren Regelung von einst und der reinen Marktwirtschaft eine Zwischenlösung suchen musste. Für mich hat das Pendel jetzt zu weit Richtung Markt ausgeschlagen. Aber es tut mir weh, den gut aufgestellten Betrieb der SMP zu verlassen.

Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Das ist noch offen. Ich habe eine Anfrage für das Gemeindepräsidium in Uetendorf.

Werden Sie kandidieren?
Das kläre ich noch ab.

Das wäre aber kein Vollamt.
Nein. Neben dem Nationalratsmandat suche ich schon noch ein berufliches Standbein. Wo das sein wird, ist offen. Es sind einige Anfragen hereingekommen für interessante Projekte.

Kommt eine erneute Kandidatur für den Regierungsrat des Kantons Bern nicht infrage?
Nein. Ich bin jetzt im Nationalrat und will dort eine gute Arbeit leisten. Es wäre zu früh, um wieder für den Regierungsrat zu kandidieren.

Ist es also bloss eine Frage der Zeit?
Sag niemals Nie. Aber im Herbst 2015 will ich wieder für den Nationalrat kandidieren. Es ist mir auch wichtig, den Milchbauern jetzt nicht den Rücken zuzudrehen. Ich bin ja Nationalrat gewor-den mit der Unterstützung des Verbands, deshalb bleibt die Milchlandwirtschaft für mich ein wichtiges Thema. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2013, 14:15 Uhr

Die SMP war e inst Versorger der Nation

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Schweizer Milchproduzenten den Milchpreis zusammen mit dem Bundesrat festlegen konnten.

Die Organisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) wurde 1907 gegründet unter dem Namen Zentralverband Schweizer Milchproduzenten (ZVSM). Das war in einer Zeit, als noch der Erlös aus dem exportierten Käse den Milchpreis in der Schweiz bestimmte. Doch die Bauern wehrten sich zunehmend dagegen, die Risiken der Milchproduktion alleine tragen zu müssen. Sie forderten einen Milchpreis, der die durchschnittlichen Produktionskosten decken sollte und beharrten auf dem Standpunkt, dass Bauern ebenso ein Anrecht hätten auf ein angemessenes Einkommen wie die Arbeiter. Dieser Forderung gaben sie in den Milchkriegen zwischen 1908 und 1913 Ausdruck. In dieser Zeit entstand eine Milchordnung, die während und nach dem 1.Weltkrieg flächendeckend umgesetzt wurde und die Schweizer Milchwirtschaft bis in die 1990er-Jahre prägte. So wurde dem ZVSM im 1.Weltkrieg eine öffentlich-rechtliche Aufgabe übertragen: Er hatte die Bevölkerung zu einem behördlich festgelegten Preis mit Trinkmilch zu versorgen. Nach dem Krieg wollten weder die Milchproduzenten noch die Behörden zurück zur alten Ordnung. In der Zwischenkriegszeit lösten sie gemeinsam Probleme zur Verwertung von Überschussmilch, wobei die Käseunion half. Im 2. Weltkrieg prägte wieder Milchmangel die Diskussionen, danach aber stiegen die Bundesbeiträge an die Verwertung überschüssiger Milch massiv an. Als sie Anfang der 1990er-Jahre mehr als eine Milliarde Franken erreichten, wurde diese Milchmarktordnung infrage gestellt. Seit 1998 die Käseunion aufgelöst wurde, galten im Prinzip wieder die Mechanismen, die vor dem 1.Weltkrieg gegolten hatten. «Die Preise werden theoretisch durch Angebot und Nachfrage bestimmt», schrieben Peter Moser und Beat Brodbeck vom Archiv für Agrargeschichte in ihrem Buch «Milch für alle», das 2007 erschienen ist. Anders als zur Zeit vor dem 1.Weltkrieg übernehmen jetzt die Direktzahlungen einen Teil der sozialpolitischen Komponenten, die in der alten Milchmarktordnung schrittweise aufgebaut worden sind.

Die Organisation SMP hat keine öffentlich-rechtliche Aufgabe mehr. Sie vertritt die Interessen von 25'000 Milchproduzenten gegenüber Behörden, Politik und Gesellschaft, betreibt Basismarketing für Schweizer Milch und Milchprodukte und bietet ihren Mitgliedern Dienstleistungen an wie etwa ein Berechnungstool, das zeigt, wie sie ihre Produktionskosten senken könnten.

Pro Liter Milch, die ein Bauern abliefert, entrichtet er der SMP 0,14 Rappen für die Interessenvertretung und 0,525 Rappen an das Marketing. Damit stehen der SMP von den Mitgliedern jährlich rund 20 Millionen Franken zur Verfügung. sgs

Albert Rösti im Gespräch

Zum Interview mit dieser Zeitung empfängt Albert Rösti in einem nüchternen Konferenzzimmer des Verbands Schweizer Milchproduzenten an der Weststrasse 10 in Bern. Er erscheint gut gelaunt, wie immer. Äusserlich konnten dem 45-Jährigen die vielen unfruchtbaren Versuche, für die Milchbauern in der Schweiz einen höheren Milchpreis zu erkämpfen, nichts anhaben. Aber wie sehr es ihn zerrissen haben muss, in einem Umfeld zu kämpfen, in dem verschiedenste Interessen aufeinander prallen und in dem die einzelnen Akteure ihre Rollen noch nicht recht gefunden haben, zeigt sich im Gespräch. Rösti beantwortet höchstens die ersten zwei Fragen kurz und bündig, ohne detaillierte Erklärungen nachzuschicken. Im Laufe des Gesprächs reichert er seine Antworten mit immer vielschichtigeren Anmerkungen an – so sehr ist er bemüht, Verständnis zu wecken für die besondere Stellung der Schweizer Milchbauern.

Rösti lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Uetendorf, wo er für die SVP im Gemeinderat politisiert. Er ist Doktor der technischen Wissenschaften, Ingenieur Agronom und hat den Master of Business Administration. Bevor er 2007 Direktor der Schweizer Milchproduzenten wurde, war er Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern. Seit 2012 sitzt er im Nationalrat. 2010 kandidierte er für den Regierungsrat des Kantons Bern. sgs

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