Die Ausbauspirale durchbrechen

Die Autovertreter wollen mit dem Bau neuer Strassen das Stauproblem lösen. Damit erreichen sie genau das Gegenteil.

20'000 Stunden standen die Autofahrer 2013 in der Schweiz im Stau – was tun, damit es weniger werden? Foto: Urs Flüeler (Keystone)

20'000 Stunden standen die Autofahrer 2013 in der Schweiz im Stau – was tun, damit es weniger werden? Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Stau schadet der Umwelt. Zu diesem Schluss gelangt eine Studie, welche ein Student der Berner Fachhochschule im Auftrag der Importeurs-Vereinigung Auto-Schweiz verfasst hat. Wer im Stau steckt, muss häufiger anfahren und benötigt deshalb mehr Treibstoff. Auch eine sinkende durchschnittliche Geschwindigkeit erhöht den Verbrauch. Die Studie beziffert die Zunahme auf durchschnittlich 25 bis 30 Prozent. Zwar sind die Resultate im Detail interessant; so verbrauchen etwa Last­wagen bei sinkender Geschwindigkeit bis zu 45 Prozent mehr Treibstoff, sind also im besonderen Mass für den Schadstoffausstoss in einem Stau verantwortlich. Der Hauptbefund der Arbeit aber ist weder neu noch über­raschend. Warum also die Studie?

Der Grund ist politischer Natur. Die Autovertreter wollen Druck aufbauen. Die langfristige Finanzierung des öffentlichen Verkehrs ist mit dem Ja zur neuen Bahninfrastruktur-Finanzierung (Fabi) eben geregelt worden; nun beginnt das Ringen um das Pendant beim Strassenverkehr. Die Vernehm­lassung zum Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds ist jüngst abgelaufen. Den Autovertretern liefert die Studie das Fundament für ihre Argumentation: Weil flüssiger Verkehr weniger C02 produziere als stockender, müsse der Stau weg. Und dies gelinge am besten mit dem Bau neuer Strassen. Daran müssten auch Linke und Grüne interessiert sein, sagte Auto-Schweiz-Chef Andreas Burgener sinngemäss in der gestrigen Ausgabe des «Blicks». Denn wer den Verbrauch von Ressourcen verringern wolle, müsse bereit sein, in die Strasseninfrastruktur zu investieren.

Verkehr intelligenter lenken

Diese Argumentation greift ins Leere. Allein schon der Bau neuer Strassen belastet eine nicht vermehrbare und daher kostbare Ressource: den Boden. ETH-Professor Anton Gunzinger hat berechnet, dass in der Schweiz die Fläche aller Strassen und ihrer angrenzenden, nicht nutzbaren Flächen sowie sämtliche Parkplätze 1200 Quadratkilometer Land beanspruchen – dreimal mehr als alle Gebäude. Zudem lösen neue Strassen Staus nicht auf, sondern verlagern sie bloss bis zum nächsten Engpass, was Begehrlichkeiten für einen weiteren Ausbau weckt. Die Wachstumsspirale dreht sich. Die vergangenen 50 Jahre Verkehrsplanung zeigen überdies: Neue Strassen erzeugen Mehrverkehr, weil ein besseres Angebot die Nachfrage erhöht.

Der Ausbau der Strassen löst das Stauproblem somit nicht, er verschärft es. Intelligenter wäre es, den Verkehr in der bestehenden Infrastruktur besser zu lenken – mit marktwirtschaftlichen Preismechanismen. Nur wenn der Nutzer die Kosten seiner Mobilitätsentscheide spürt, hat er einen Anreiz, diese auch zu berücksichtigen. Mobility-Pricing verfolgt diesen Ansatz, der auch in bürgerlichen Kreisen Zuspruch findet, etwa von der Denkfabrik Avenir Suisse. In diesem System berappen die Nutzer die vollen Kosten oder zumindest einen grösseren Anteil davon als bisher. Je nach Strecke und Zeit kostet die Fahrt mehr oder weniger. Der Bundesrat hat einen Bericht dazu in Aussicht gestellt.

Doch das genügt noch nicht. Es müssen rasch Versuche mit Mobility-Pricing folgen. Ansonsten wachsen die Staustunden weiter an. Letztes Jahr waren es allein auf den Autobahnen mehr als 20 000 Stunden. So viele wie noch nie.

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