Dichtestress gibt es nicht auf Französisch

Analyse

Vier Thesen, die erklären, wieso die Romandie anders stimmt als die Deutschschweiz.

Ist das Dichtestress? Passanten auf der Zürcher Bahnhofstrasse. (22. Dezember 2013)

Ist das Dichtestress? Passanten auf der Zürcher Bahnhofstrasse. (22. Dezember 2013)

(Bild: Reto Oeschger)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

In der Romandie wächst die Skepsis gegenüber der EU, die Personenfreizügigkeit wird aber nicht infrage gestellt. Das zeigte die Abstimmung zur SVP-Einwanderungsinitiative vom 9. Februar. Sämtliche Westschweizer Kantone, selbst ländliche wie der Jura, Freiburg oder das Wallis, lehnten eine Einschränkung der Zuwanderung ab. Ein Erklärungsversuch in vier Thesen:

1. These. Die Zuwanderung beschleunigte in der Romandie den Aufschwung. Deshalb sieht man sie trotz aller Probleme als Erfolgsgeschichte.

In keinem Landesteil war die Zuwanderung in den letzten zehn Jahren grösser und leben heute mehr Ausländer als in der Romandie. Zwischen 2002 und 2012 war die Netto-Zuwanderung in der Romandie höher als im Tessin und in der Deutschschweiz. Im Jahrzehnt zuvor hatte sich ein anderes Bild geboten. Die Romandie litt am meisten unter der Wirtschaftskrise, ihre Bevölkerung nahm weniger zu als diejenige der Deutschschweiz und des Tessins. Aus dieser Krise vermochte sich die Romandie aus eigener Kraft zu befreien. Von 2001 bis 2011 wuchs ihr Bruttoinlandprodukt mit 2,4 Prozent deutlich stärker als das gesamtschweizerische (1,9 Prozent). In der Uhrenindustrie, bei den Banken, im Rohstoffhandel und in der Biotech-Forschung wurden Tausende Stellen geschaffen. Vor allem die Waadtländer und die Genfer anerkennen, dass sie den wirtschaftlichen Erfolg zum Grossteil der Zuwanderung verdanken was ihnen mitunter erlaubte, den Deutschschweizer Einfluss zu verringern.

Zwar entwickeln sich als Folge der Zuwanderung Aversionen gegen Grenzgänger und Irritationen über volle Züge, Staus auf Autobahnen und in Städten, Lohndumping und hohe Mieten, aber die Probleme will man in den Kantonen lösen und nicht an den Bund delegieren.

2. These.Westschweizer Kantone weisen flächendeckend hohe Maturitätsquoten auf. Eine breite Schicht Gutgebildeter pflegt eine Intellektuellenkultur und einen anderen Umgang mit Modernität.

Die statistisch hohe Maturitätsquote wird in der Deutschschweiz gern belächelt. 2012 betrug sie im Kanton Genf 28,4 Prozent, gefolgt vom Kanton Neuenburg (23,2 Prozent) und der Waadt (23,1 Prozent). Die Kantone Thurgau (14,3 Prozent) und St. Gallen (13,4 Prozent) lagen am anderen Ende der Statistik. Dies bedeutet zunächst, dass Romands später in den Berufsalltag einsteigen und weniger Leute eine Berufslehre absolvieren. Stattdessen bleiben sie finanziell länger von den Eltern abhängig, während Deutschschweizer Jugendliche im Berufsalltag früher Konkurrenzsituationen erfahren und sich verstärkt gegen die ausländische Konkurrenz behaupten müssen, was sich auch langfristig auf ihr Abstimmungsverhalten auswirkt. Diese These taucht immer wieder auf, auch jetzt, um die unterschiedlichen Haltungen der Zuwanderung gegenüber zu erklären. Die These ist in der Forschung jedoch umstritten und wissenschaftlich bislang nicht belegt.

Unbestritten ist, dass es nirgendwo in der Schweiz eine breitere Schicht Gutgebildeter gibt als in der Westschweiz. Vom Nachbarland Frankreich inspiriert, pflegt man eine Intellektuellenkultur, in der die politische Debatte einen hohen Stellenwert hat. Gerade im Radio und am Fernsehen wird gern disputiert.

3. These. Die Westschweizer haben wenig Angst vor der EU. Sie wollen in Europa mitreden, weil sie gelernt haben, dass sie nur in der Zusammenarbeit mit anderen Erfolg haben.

Im eigenen Land stets in der Minderheit zu sein und seine Ideen beschränkt verwirklichen zu können, prägt. Besonders empfindlich reagieren Romands, wenn ein Abbau staatlicher Leistungen droht. Doch haben sie eines gelernt: Die Kompromissbereitschaft ist die einzige Lösung, man muss über Sprach- und Landesgrenzen zusammenarbeiten, um selbst Erfolg zu haben. Statt sich über «Dichtestress» zu beklagen – das Wort gibt es im Französischen nicht – sieht sich die Westschweiz als Teil Europas und will den Dialog mit der EU, um die eigene Zukunft zu planen.

4. These.Die Romandie ist von machtbewussten Politikern geprägt, die als Intellektuelle auftreten, sich betont weltoffen geben und auch auf die Volksmeinung viel Einfluss haben.

Ein Westschweizer Staatsrat hat im Durchschnitt mehr Macht als ein Deutschschweizer Regierungsrat. Er verfügt meist über grössere finanzielle Spielräume, hat eine stärkere Verwaltung im Rücken, und die Hürden für Referenden sind höher. Das Wort eines Politikers hat noch mehr Gewicht, wenn er eine schöngeistig-literarische Seite hat. Zur Politikkultur gehört, seine Konzepte in staatspolitischen Essays oder Büchern zu präsentieren. Die früheren Bundesräte Micheline Calmy-Rey und Pascal Couchepin geben in Büchern Einblick in ihr Denken. Von den amtierenden Regierungsräten haben die Waadtländer Pierre-Yves Maillard (SP) und Pascal Broulis (FDP) Bücher veröffentlicht, der Genfer Grüne Antonio Hodgers befeuerte seinen Staatsratswahlkampf mit einer Autobiografie. Wie viel Einfluss Staatsräte auf die Volksmeinung haben, zeigte sich in der Abstimmung zur SVP-Einwanderungsinitiative in der Waadt. Die Regierung hatte das Volk wortreich und in corpore auf ein Nein eingeschworen. Kein Kanton sagte so deutlich Nein wie die Waadt.

Tages-Anzeiger

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