Generalvikar: «Der grössere Abgrund wird verschwiegen»

Die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester erschüttern die Gläubigen. Generalvikar Roland-Bernhard Trauffer warnt davor, nur auf die Kirche zu fokussieren: «Die ganze Gesellschaft krankt an einer deregulierten Sexualität.»

Ist die Kirche in sexuellen Fragen noch glaubwürdig? «Es wird nie eine moralische Instanz ohne Fehlleistungen geben», meint Trauffer.

Ist die Kirche in sexuellen Fragen noch glaubwürdig? «Es wird nie eine moralische Instanz ohne Fehlleistungen geben», meint Trauffer.

(Bild: Keystone)

*Pater Trauffer, hat die katholische Kirche ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität? Dies muss annehmen, wer die aktuellen Schlagzeilen rund um das Thema «katholische Kirche und sexuellen Missbrauch» verfolgt. Roland-Bernhard Trauffer: Die Medien blenden den grössten Abgrund aus. Die ganze Gesellschaft krankt an einer deregulierten Sexualität. Übergriffe oder Pädophilie gibt es allein in der Schweiz jedes Jahr tausendfach, zumeist im Familienumfeld. Der Mensch als Sexobjekt ist längst massentauglich geworden. Das kommt nicht aus der Kirche. Die Kirche bleibt nur nicht davon verschont, weil auch sie aus Menschen besteht.

Aber es stellt sich doch die Frage, ob die Kirche nicht auch ein heikles Klima produziert? Stichwort: Enthaltsamkeit. Ein Lustkiller ist unsere Zeit, wenn dauernde Verfügbarkeit propagiert wird und ein mit Viagra hochgepushter Sex. Ausserdem wird ein Mann, der nicht enthaltsam sein kann, auch nie eine Ehe in Liebe und Treue führen können.

Wie steht denn die katholische Kirche zur Körperlichkeit? Sie schützt und achtet den Leib als integralen Bestandteil des Menschen. Wer sich seriös über Kirchengeschichte informiert, kann sehen, dass die Kirche stets jene Strömungen bekämpfte, die leibfeindlich waren. Nach unserem Glauben wird ja Gott selbst in Jesus Christus Mensch. Das heiligt auch den Leib.

Jesu Leib wird aber doch jede Sexualität abgesprochen. Und dies, obwohl Jesus in einigen Überlieferungen mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sein soll... Das ist Unsinn. In den Evangelien findet sich nichts davon. Zudem ist Jesus nach unserem Glauben nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott. Er steht also über rein menschlichen Kategorien, auch über rein sexuellen.

Wie steht denn die Kirche zur menschlichen Sexualität? Die Sexualität ist ein Geschenk Gottes. Aber wie alles Menschliche darf sie nicht ohne Kultivierung und Verantwortung im wilden Raum wuchern, sonst wird sie zerstörerisch. Es braucht eine Schule der Liebe, dann steht diese lustvolle Kraft auch im Dienst des Miteinanders.

Bietet die Kirche denn diese Schule der Liebe, den Umgang mit Sexualität? Die Kirche war in der Geschichte die erste Verteidigerin dieser Schule: Sie stand und steht für die heilige Verbindung zwischen Mann und Frau. Im alten Rom bis ins 19.Jahrhundert war die Ehe ein Deal, oft unter Zwang. Die Kirche sagt bis heute, die Schule des wahren Lebens sei die Liebe. Und eine Schule der Liebe wiederum sei die aus dem Herzen kommende Ehe – mit der Offenheit für die Weitergabe des Lebens.

Trifft die Kirche mit ihrer Position noch den Zeitgeist? Kann sie Antworten geben auf Fragen in einer scheinbar sexuell entfesselten Welt? Die Kirche darf nicht den Zeitgeist erreichen wollen, sondern es geht hier um den Menschen in seiner Tiefe und eigentlichen Sehnsucht. Schon der Volksmund weiss ja, dass, wer den Zeitgeist heiratet, morgen schon wieder Witwer ist.

Aber kann die Kirche Antworten geben auf die heiklen Fragen in einer scheinbar sexuell entfesselten Welt? Schon in der Antike befreite eine entgrenzte Sexualität den Menschen nicht, sondern machte ihn zum Sklaven der eigenen Gelüste. Oft sogar zum Sklaven der Gelüste anderer. Die Kirche lehrt bis heute, dass der Ort einer wirklich liebenden und respektvollen Sexualität die Ehe ist. Dass diese Verbindung auch der Beginn einer gesunden Erotik ist.

Aber ausgerechnet katholische Priester vergehen sich an jungen Menschen sexuell. Wie will da die Kirche noch glaubwürdig argumentieren und agieren? Man muss zur Schuld stehen und neue möglichst verhindern. Aber es wird nie, auch ausserhalb der Kirche, eine moralische Instanz ohne Fehlleistungen geben. Weil der Mensch nie ohne Sünde ist. Trotzdem braucht es moralische Instanzen. Das Ziel kann also nur sein, dass man mit Fehlleistung oder Sünde glaubwürdig umgeht.

Wie erklären Sie sich diese Übergriffe von katholischen Priestern? So wie die anderen auch, die jährlich zu Tausenden im Familienumfeld, in Schulen, im Sportverein oder anderswo stattfinden: durch die Pathologie der Täter, ganz unabhängig von Beruf, Lebensform oder Milieu.

Wie soll damit umgegangen werden? Mehr Aufklärung und Prävention. Es ist wichtig, dass man endlich Tabus abbaut. Dass wir offen über die Folgen einer deregulierten, kommerzialisierten Sexualität sprechen, die wir täglich spüren. Was einem nur schon im Internet alles als Lustobjekt entgegenspringt! Das findet man offenbar normal und will keinen Zusammenhang zu krankhaftem sexuellem Verhalten sehen.

Aber können diese Ausprägungen nicht auch die Folge einer unterdrückten Sexualität (Enthaltsamkeit) sein? Nein, denn sie kommen ja zu mehr als 95 Prozent in der übrigen Gesellschaft vor, unter Menschen, die nicht enthaltsam leben und nichts mit dem Zölibat zu tun haben.

Stichwort: Zölibat oder die Verpflichtung zur Ehelosigkeit. Ist das überhaupt noch zeitgemäss? Der Zölibat ist immer zeitgemäss. Wenn er gelingt, ist er ein grosses Zeugnis. Wie Jesus verzichtet der Priester auf Familie im bürgerlichen Sinn und widmet sich allen Menschen, während ihm Gott reale Nahrung und Erfüllung gibt. Ich lebe das seit Jahrzehnten in Freude. Alle, die meinen Beistand brauchen, sind meine Familie. Und Gott ist meine Kraftquelle.

Das könnte ein Familienvater doch auch leben. Warum braucht es dazu den Zölibat? Eine ernsthaft gelebte Sexualität führt meist zur eigenen Familie. Ein Familienvater muss primär für seine Familie sorgen und für sie da sein. Der Priester ist frei davon für den Dienst an allen. Das ist sein Wert auch als Zeugnis, ohne das ich mir eine glaubwürdige Kirche eigentlich nicht vorstellen kann.

Kann der Zölibat nicht auch «gefährliche Situationen», wie Missbrauch, heraufbeschwören? Gefährlich sind Pathologien, Fehlentwicklungen im Menschen. Das gibt es viel häufiger bei nicht zölibatär Lebenden, kann damit also nichts zu tun haben. Die Ursachen sind anderswo, und gerade das muss bekannter werden, wenn wir eine bessere Prävention haben wollen.

Es kommt zu Kirchenaustritten. Die Kirchgemeinden rechnen mit einer wahren Flut von Abgängen. Ist das nicht ein Weckruf an die Kirche, aber auch Rom, etwas grundlegend zu ändern? Menschen, die wegen der Medienberichte wütend sind, verstehe ich. Aber ich bitte zu bedenken, dass man uns ja den noch grösseren Abgrund ausserhalb der Kirche verschweigt. Bedenkt man den mit, müsste man eigentlich aus der Gesellschaft austreten! Das hilft aber keinem Opfer. Da helfe ich lieber mit, mache Prävention und gebe nicht auf.

*Das Interview wurde schriftlich geführt

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt