Der Vernetzer des Volkes

Nicolas Hebting tüftelt an Konzepten für die Welt von morgen. Sein aktuelles Projekt: ein virtueller Dorfplatz für Schweizer Gemeinden.

Plant alles in seinem Le­ben nur drei Monate voraus: Nicolas Hebting, Co-Geschäftsführer des virtuellen Dorfplatzes 2324.ch. Foto: Sophie Stieger

Plant alles in seinem Le­ben nur drei Monate voraus: Nicolas Hebting, Co-Geschäftsführer des virtuellen Dorfplatzes 2324.ch. Foto: Sophie Stieger

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Suchen und versuchen, das ist es, was Nicolas Hebting, 33, antreibt. Und zwar «in allen Belangen, die Dörfern und Städten zu Lebendigkeit und Kontaktfreude verhelfen». Der gesellschaftlich engagierte Zürcher ist Co-Geschäftsführer des Vereins 2324.ch. Dieser wurde eingerichtet, um lokale Projekte und Ideen zu verlinken. «Was wir mit 2324.ch geschaffen haben, ist ein virtueller Dorfplatz, wo man sich über die eigene Gemeinde informieren kann», sagt Hebting. Im Gründungsjahr 2015 hätten in der Schweiz 2324 Gemeinden existiert, darum der Name.

Oft sei es so, dass überall im Land «eine Menge klug Angedachtes schnell wieder versandet, weil die richtigen Leute nicht zueinanderfinden», erklärt Hebting, ein allein schon wegen seiner zwei Meter Körperlänge herausragender Zeitgenosse. Mit seinen Teamgefährten Mauro Bieg, 29, und Amanda Sauter, 27, einem Informatiker und einer Kommunikationsdesignerin, versucht er diesem Fakt über 2324.ch beizukommen. «Es ist doch seltsam, dass man jeden Tweet von US-Präsident Donald Trump kennt, aber keine umfassende Ahnung davon hat, was vor der eigenen Haustür und in der eigenen Wohngemeinde los ist.»

«Die Kommunikation in den Gemeinden ist durchaus noch optimierbar.»Roland Wermelinger, Sarganser Gemeinderat

Fünf Gemeinden hat das Trio bisher überzeugt. Die Gemeinden treten mit der Bevölkerung online in Kontakt, für Einwohner ist 2324.ch kostenlos. Über die Website erfahren sie Wissenswertes über heimische Vereine und Abstimmungen, sie können aber auch auf eigene Veranstaltungen wie Jassturniere, Kleiderbörsen und auf andere Besonderheiten aufmerksam machen: In Untereggen SG etwa sind im Januar Welpen zur Welt gekommen, und in Winterthur ZH tagte der örtliche Aquarienverein. Zudem können die Leute über das Netzwerk mit Politikern in Kontakt treten, aber auch Anregungen und Bedenken kundtun. «Zugelassen ist auf unserer Plattform alles, was relevant ist und über der Gürtellinie liegt.»

Digital die Demokratie stärken

Die Reaktionen in den auf 2324.ch mitmachenden Orten sind durchwegs positiv. «Als politisches Gebilde mit knapp über 1000 Einwohnern sind wir stolz, zu den Pionieren zu zählen», sagt beispielsweise Norbert Rüttimann, Gemeindepräsident von Untereggen. Und Roland Wermelinger, Sarganser Gemeinderat für Kultur und Soziales, sieht die Arbeit der jungen Zürcher, die 2015 mit einem Start-up-Preis geehrt wurden, als «absolut zukunftsweisend». Für Hebting sind das Zeichen dafür, dass Demokratie sich mit digitalen Mitteln stärken lässt – «was wichtig ist, denn unser Staat funktioniert sehr gut, die Kommunikation in den Gemeinden ist aber durchaus noch optimierbar.»

Netzwerke schaffen, Nahtstellen prüfen – das fasziniert den Umtriebigen.

Er selber ist einer, der nichts verwirft oder akzeptiert, ohne es von allen Seiten betrachtet zu haben. Ein Analytiker, einer, der Jus studiert hat, aber nur, um «geordnetes Denken» zu lernen. «Ich habe Geld zu wenig gern, um reich zu werden», sagt der Trockenhumorige, der die vergangenen zwei Jahre ohne fixen Lohn gearbeitet hat. Das Wissen, dass seine Arbeit Sinn ergibt, gilt ihm mehr als ein dickes Konto. Und das perfekte Trimmen seines Bartes ist der einzige Luxus, den er sich leistet, einmal pro Monat, bei einem pensionierten süditalienischen Barbiere an der Zürcher Langstrasse.

Hebting ist ein Gemeinschaftsmensch, vielseitig orientiert und ohne Wunsch, einer Elite anzugehören. Im gemischten Chor Noncert trifft er bei italienischen Canzoni ebenso die richtigen Töne wie bei Kirchenliedern aus dem 16. Jahrhundert. Und in einem Verein für Nachbarschaftshilfe, den er präsidiert, sorgt er dafür, dass Bewohnern seines Quartiers Blumen gegossen, Botengänge gemacht oder Briefkästen geleert werden. Zudem ist Hebting bei der Milizfeuerwehr. «Mein Einsatz für 2324.ch ist aber um einiges heisser», sagt er, dessen bisher brisantestes Ausrücken nötig war, weil irgendwo ein ausrangiertes, an einem Strassenrand abgestelltes Sofa brannte.

Netzwerke schaffen, Nahtstellen prüfen, solche etwa zwischen Geschichte, Philosophie und Recht – das fasziniert den Umtriebigen, der alles in seinem Leben nur drei Monate vorausplant. Mit seinen Partnern tüftelt er im Zürcher Impact Hub, der Teil einer internationalen Community ist, die Konzepte für die Welt von morgen entwickelt. Und wenn Hebting die nötige Musse findet, nimmt er Ballettstunden, «um Rückenschäden vorzubeugen und aus Freude am Tanz». Oder er wandert in den Bergen, wo er die Sicht in die Ferne und in die Zukunft schweifen lässt. «Ich glaube, diese bringt viele Chancen, 2324.ch ist eine davon.»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 26.03.2018, 08:53 Uhr

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