Der Teufel und das Weihwasser

Hintergrund

BDP und CVP wollen nicht fusionieren. Die Gründe sind nicht nur wahltaktischer Natur.

«Fusion ausgeschlossen»: Parteipräsidenten Hans Grunder (links) und Christophe Darbellay am 23. Oktober 2011 im TV-Studio.

«Fusion ausgeschlossen»: Parteipräsidenten Hans Grunder (links) und Christophe Darbellay am 23. Oktober 2011 im TV-Studio.

(Bild: Keystone)

Claudia Blumer@claudia_blumer

Kaum sind die Wahlen vorüber, werden CVP und BDP fusionieren, hiess es im Wahlkampf. Der Unkenruf hat sich nicht bewahrheitet, die beiden Parteien wollen auch nach reiflicher Überlegung nicht eins werden, wie die Präsidenten gestern vor den Medien sagten. Alle Formen der Zusammenarbeit würden im nächsten Halbjahr geprüft, «ausgenommen eine Fusion».

BDP-Präsident Hans Grunder scheut eine Fusion mit der CVP wie der Teufel das Weihwasser, was als logisch angesehen worden war. Die BDP würde als kleinere Partei von der CVP verschluckt, sie könnte nicht mehr wachsen, die Pionierarbeit wäre für die Katz gewesen. Doch mittlerweile ist auch die CVP skeptisch gegenüber einer Fusion. Es sei klar, dass man Parteien mit so unterschiedlichem historischen Hintergrund nicht einfach fusionieren könne, sagte Fraktionschef Urs Schwaller.

BDP ist in den protestantischen Kantonen stark

Zum historischen Hintergrund gehört auch die religiöse Komponente. Und diese spielt offenbar immer noch eine wichtige Rolle, selbst in Zeiten, da das C im Namen der katholischen CVP regelmässig zur Debatte steht.

Die BDP ist vor allem in den mehrheitlich protestantischen Kantonen erfolgreich, in Graubünden, Zürich, Glarus, Aargau, Bern und Baselland. Dort hat sie zahlreiche Mitglieder in den kantonalen Parlamenten und mittlerweile zehn Vertreter im eidgenössischen Parlament. Fünf davon aus dem Kanton Bern, zwei aus Zürich, je einer aus den Kantonen Graubünden, Glarus und Aargau. In den katholisch dominierten Kantonen wie Freiburg, Wallis, Jura, Tessin und in der Innerschweiz wurden zwar vereinzelt BDP-Sektionen gegründet, sie haben aber wenig Zulauf.

Religiöse Wähler würden vergrault

Der religiöse Graben spiele eine Rolle bei der Fusionsangst, sagt Historiker Hans-Ulrich Jost. Zwar stützten Politiker ihre Argumente nicht darauf ab, aber die Vorbehalte gründeten klar auf dem unterschiedlichen historischen Blickwinkel, sagt der emeritierte Professor der Universität Lausanne. Historisch bedingte Vorbehalte und wahltaktische Überlegungen hängen offenbar zusammen: Im Bernbiet, wo evangelische Freikirchen verbreitet sind, würde die BDP Wähler vergraulen. «Dagegen sind CVP-Mitglieder teilweise sehr vatikantreu, bis hin zu Extremformen wie der Walliser Fraternité S. Pie X.» Nicht zu vergessen sei der Autoritarismus im Machtapparat der CVP, der eine Eingliederung der BDP zusätzlich erschweren würde.

BDP und CVP würden sich durch eine Fusion also gegenseitig die religiösen Wähler vertreiben. Hinzu komme die alte Feindschaft zwischen CVP und SVP, sagt Jost. Die SVP als konservative Partei war für die Christdemokraten die erste ernstzunehmende Konkurrenz. Die BDP ist als konservative Partei ebenfalls eine Konkurrenz.

Als die SVP der CVP das Wasser abzugraben begann

Iwan Rickenbacher, Kommunikationsberater und ehemaliger CVP-Mitarbeiter, beobachtet beim Abstimmungsverhalten auf eidgenössischer Ebene keinen Unterschied mehr zwischen Katholiken und Protestanten – beim Wahlverhalten hingegen schon. «Die CVP hatte in protestantischen Gebieten bisher wenig Erfolg, die SVP wiederum gräbt ihr in katholischen Gebieten seit Jahren das Wasser ab.» Die Wende habe 1992 mit der EWR-Abstimmung stattgefunden, sagt Rickenbacher: «Ab dann ist die SVP in den katholischen Gebieten stark geworden, weil ein Teil der konservativen CVP-Wähler zur SVP gewechselt hat Im Kanton Schwyz haben sich seither die Mehrheitsverhältnisse radikal geändert.»

Zu den interparteilichen Schwierigkeiten zwischen CVP und BDP sagt Rickenbacher: «Es ist klar, die BDP ist die frühere SVP, also primär protestantisch. Die CVP ist katholisch.»

«Geschichte und Herkunft Rechnung tragen»

Die Rolle des Protestantismus und Katholizismus sei in den Gesprächen zwischen BDP und CVP nebensächlich, sagen befragte Parlamentarier beider Parteien. Doch die Frage nach Wählerverlusten in den religiös geprägten Stammlanden beschäftigt offenbar BDP-Präsident Hans Grunder: «Es muss doch ein Modell der Zusammenarbeit geben, das der unterschiedlichen Geschichte und Herkunft beider Parteien Rechnung trägt», sagt er auf Anfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnetz. Wichtig sei für ihn, dass man bei einer Zusammenarbeit zwischen BDP und CVP auf die kantonalen Besonderheiten achtet. «Ich sage immer, die eidgenössischen Wahlen finden eigentlich in den Kantonen statt, dort sind die Parteien verankert.»

BDP-Ständerat Werner Luginbühl sagt: «Der religiöse Aspekt spielt schon eine Rolle, aber wichtiger ist der geschichtliche Hintergrund.» Die BDP sei jetzt dreieinhalb Jahre alt und habe ausser ein paar Köpfe am Anfang gar nichts gehabt. «Unsere Parteiverantwortlichen haben enorme Arbeit in den Aufbau der Partei gesteckt. Bei dieser Erfolgstory gibt man das Ruder nicht gern aus der Hand.»

Luginbühl fügt hinzu: «Zunehmend scheint aber auch die CVP skeptisch gegenüber einer Fusion zu sein. Ich habe den Eindruck, dass die CVP festgestellt hat, dass sie an der Basis noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten muss.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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