Der Schweiz fehlen die Lehrlinge

Die Jahrgänge, die zurzeit die Schule beenden, sind so klein, dass dieses Jahr Tausende von Lehrstellen nicht besetzt werden können. Die «Lehrlingslücke» ist so gross wie noch nie – und wird noch weiter wachsen.

Eine Rarität: Viele Baufirmen suchen vergeblich neue Lehrlinge.

Eine Rarität: Viele Baufirmen suchen vergeblich neue Lehrlinge.

(Bild: Fotolia)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Während Europas Süden unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit ächzt, plagen die Schweiz ganz andere Sorgen. Hier fehlt es nicht an Arbeit, sondern an Arbeitern. Das gilt zumindest für die Berufslehre, den nach wie vor wichtigsten Ausbildungsweg hierzulande.

Die Zahl der Lehrstellen, welche die Schweizer Unternehmen anbieten, bewegt sich seit Jahren im Bereich von 80'000. Hingegen ist die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, seit 2008 von 80'000 auf 66'000 gefallen. Sprich: Sogar im unrealistischen Fall, dass jeder interessierte Schul­abgänger eine passende Lehr­stelle findet, ­würde jede sechste Stelle vakant bleiben.

Bis 2018 sinken Zahlen weiter

Diese Zahlen stammen aus der aktuellsten Umfrage für den «Lehrstellenbarometer» des Bundes vom April 2016. Damals gab es aktuell landesweit einen «Überschuss» von circa 13'000 Lehrstellen. So viele waren es in den letzten Jahren noch nie.

Weitere Rekorde sind ­bereits absehbar, weil schon jetzt feststeht, dass die Jahrgänge, die in den nächsten Jahren neu auf den Arbeitsmarkt kommen, noch kleiner sein werden. Die tiefen Geburtenraten schlagen mit Verzögerung auf den Arbeitsmarkt durch. 2018 wird die Zahl der Schul­abgänger noch einmal um rund 2500 junge Frauen und Männer kleiner sein als 2016. Erst danach setzt gemäss den Projektionen des Bundesamts für Statistik eine Trendwende auf tiefem Niveau ein.

Vorerst müssen sich Schweizer Unternehmen jedenfalls darauf einstellen, dass Lehrlinge rar sind. Die Situation unterscheidet sich allerdings nach Region und Branche. Im Kanton Bern zum Beispiel hat die «Lehrlings­lücke» dieses Jahr mit 1600 ­offenen Lehrstellen im Juni in der Tat einen neuen Höchststand erreicht, wie die Erziehungsdirektion meldet.

In Zürich hingegen scheint die Trendwende bereits eingesetzt zu haben: Die Zahl der unbesetzten Stellen nahm im Vergleich zum Vorjahr von 1500 auf 1200 bis 1300 ab, wie die ­kantonale Berufsberatung gegenüber SRF erklärte.

Heiratschance als Argument

Deutlich drastischer sind die Unterschiede nach Berufsbild. Es gibt ­Branchen wie das Gesundheitswesen, die bisher keine Probleme haben, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, wie der «Lehrstellenbarometer» zeigt. Schwierig ist die Situation hingegen insbesondere in der Baubranche, die per Ende Juni insgesamt rund 3000 offene Lehrstellen vermeldete.

Das soll sich ändern: Mehrere Verbände von den Gerüstbauern über die Maler und Gipser bis zu den Schweisstechnikern ­lancierten diesen Sommer mit ­Bausinn.ch eine neue Website, mit der sie beweisen wollen, wie attraktiv und reichhaltig ihr Ausbildungsangebot ist.

Schwierig ist die Situation hingegen insbesondere in der Baubranche, die per Ende Juni insgesamt rund 3000 offene Lehrstellen vermeldete. 

Um bei den Jugendlichen zu punkten, greifen die PR-Berater der Baubranche auch zu unkonventionellen Argumenten. Sie weisen nicht nur auf «hohe Löhne und rasche Karrieren» hin, sondern auch darauf, dass Handwerker angeblich «auf Platz 2 der be­liebtesten Heiratskandidaten» stehen. Das ändert nichts daran, dass es in handwerklichen und technischen Metiers speziell schwierig ist, interessierte Lehrlinge zu finden, ebenso im Detailhandel und in der Gastronomie.

Nicht so rosig, wie es scheint

Trotz allem wird es weiterhin Jugendliche geben, die keine Lehrstelle finden und auf «Zwischenlösungen» angewiesen sind. Schweizweit waren im Frühjahr gemäss dem «Lehrstellenbarometer» noch 19'000 Jugendliche auf Lehrstellensuche, 500 weniger als zur gleichen Zeit im Vorjahr.

Die Berater empfehlen ihnen, bei der Berufswahl flexibel zu sein. Wer zum Beispiel keine der nach wie vor beliebten KV-Stellen erhalte, könne versuchen, das Ziel über einen Umweg via Detailhandel zu erreichen.

Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg von 2010 bis 2015 von 7,8 auf 8,6 Prozent, ­während sie insgesamt stabil blieb (bei 4,5 Prozent). 

Insgesamt ist die Situation der Jüngeren auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nicht so rosig, wie man meinen könnte. Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg von 2010 bis 2015 von 7,8 auf 8,6 Prozent, ­während sie insgesamt stabil blieb (bei 4,5 Prozent).

Ihre Lage ist diametral verschieden zu ­jener der Älteren: Über 55-Jährige haben ein viel tieferes ­Risiko, erwerbslos zu werden (3,9 Prozent). Doch wenn sie es einmal sind, bleiben sie es lange, während Jüngere meist nach wenigen Monaten wieder eine Stelle gefunden ­haben.

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