Der Prozess seines Lebens

Der 40-jährige Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa ist bereits so gefürchtet wie sein Vater Bernard Bertossa.

Unerschrocken und kompromissloses Einstehen für Gerechtigkeit: Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa.

Unerschrocken und kompromissloses Einstehen für Gerechtigkeit: Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa.

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Zweieinhalb Jahre ermittelte Yves Bertossa gegen Erwin Sperisen, den Ex-Polizeichef von Guatemala mit Schweizer Pass, bevor er Anklage wegen zehnfachen Mords erhob. Ruhig und unaufgeregt wirkte Staatsanwalt Bertossa im Prozess. Der Mann mit dem seitwärts gescheitelten Haar, der fast randlosen Brille und dem hellen Teint hörte emotionslos zu, wie Sperisen jegliche Schuld bestritt. Erst während seines Schlussplädoyers brach es aus Bertossa heraus. Er redete sich in Rage, ohne Manuskript: vier Stunden lang. Sperisen habe sich zu einem Gott aufgeschwungen, über Leben und Tod von Häftlingen entschieden und erschossen, wer ihm nicht passte. Die Stimme des 40-Jährigen überschlug sich, die Zornesröte schoss ihm ins Gesicht. Bertossa, der vor der Urteilsverkündung am Freitag in der Öffentlichkeit nicht über den Prozess sprechen darf, versichert: «Ich darf niemanden täuschen. Wenn ich jemanden anklage, muss ich von seiner Schuld überzeugt sein.» Das ist er. Sperisen will er lebenslang hinter Gitter bringen.

Der internationale Strafprozess gegen Sperisen ist der bedeutendste Fall in Bertossas noch junger Karriere. Rechtshilfegesuche schickte er um die halbe Welt und reiste ihnen später für Zeugeneinvernahmen nach. Sperisens Anwälte taten derweil alles, um ihn bei der Arbeit zu behindern. Diverse Befangenheitsklagen reichten sie ein, Bertossa parierte alle.

«Vor dem Recht sind alle gleich»

Dass man ihm in der Genfer Staatsanwaltschaft die komplexen und aufsehenerregenden Fälle zuteilt, ist kein Zufall. Er ist mit Strafverfolgern im Ausland gut vernetzt, ermittelt unerschrocken, scharfsinnig und hartnäckig bis ins Detail. Das hat Bertossa 2008 bewiesen: Er war 34 und erst seit einem Jahr Staatsanwalt, als er den libyschen Diktatorensohn Hannibal Ghadhafi für ein paar Stunden ins Gefängnis steckte. Sein Vorwurf: Ghadhafi und seine Frau hätten während ihres Aufenthalts in einem Genfer Hotel eine Bedienstete misshandelt. Die Verhaftung wurde bekanntlich zu einer Staatsaffäre. Aussenministerin Micheline Calmy-Rey schaltete sich ein. Bertossa betont, was er schon damals verkündete: «Strafverfolger haben sich an Gesetze zu halten.» Und: «Vor dem Recht sind alle gleich.» Bertossa findet: «Die Politik sollte sich in einer Demokratie nicht in Entscheidungen der Justiz einmischen.»

Sein kompromissloses Einstehen für Gerechtigkeit und seine Unerschrockenheit erinnern an seinen Vater Bernard Bertossa. Dieser war von 1990 bis 2002 Generalstaatsanwalt in Genf, nahm zum Entsetzen mancher Genfer Privatbanquiers Geldwäscher an die Kandare und wurde zum gefürchteten Mafiajäger. Der Vergleich mit seinem Vater stört Yves Bertossa nicht. Er hält aber nüchtern fest, dass er nach der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter aufgewachsen sei. Von der Tätigkeit seines Vaters habe er nie viel mitbekommen und heute bitte er seinen Vater weder um Ratschläge, noch tausche er sich mit ihm über Fälle aus. Es habe nach Beendigung seines Jusstudium allein entschieden, «sich eines Tages in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen», so Bertossa. Das tut er nun, betreut parallel 50 Strafuntersuchungen. 2020 werden die Staats­anwälte neu gewählt. Man munkelt, Yves Bertossa könnte zum neuen Generalstaatsanwalt aufsteigen – 30 Jahre nach seinem Vater. Sicher ist: Eine Verurteilung von Erwin Sperisen würde seine Karriere beflügeln.

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