«Der Hintergrund ist politisch, das steht sogar im Bericht»

Am Freitag entliess die Uni Zürich den Medizinhistoriker Christoph Mörgeli. Der SVP-Nationalrat akzeptiert dies nicht. Im Interview erklärt er, weshalb er seine Arbeit liebt und weshalb er einst Blocher verhindern wollte.

Gibt sich kämpferisch: Der gestern von der Universität Zürich entlassene Medizinhistoriker und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli will sich gegen die Kündigung wehren.

(Bild: Andreas Blatter)

Herr Mörgeli, die Uni hat Sie wegen Loyalitätspflichtverletzung entlassen. Akzeptieren Sie dies? Christoph Mörgeli: Mir wurde nicht gekündigt, sondern die Kündigung lediglich in Aussicht gestellt. Jetzt nimmt mein Anwalt das rechtliche Gehör wahr.

Das heisst, Sie legen Rekurs ein – wie weit gehen Sie? Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Dieser Entscheid ist jedenfalls nicht hinnehmbar.

Sie sagten, die Kritik sei Ihnen unbekannt. Laut der Universität wurden Sie Ende 2011 damit und mit den Resultaten eines Gutachtens zu Museum und Sammlung konfrontiert.Ich habe nie gesagt, ich wisse nichts von den Vorwürfen. Darüber sprechen durfte ich aber nicht, weil wir bei dem Gespräch striktes Stillschweigen vereinbart hatten. Ich sagte lediglich, dass mir der Akademische Bericht, aus dem der «Tages-Anzeiger» zitierte, nicht vorlag.

Im Februar sollen Sie eine Kopie des Gutachtens erhalten haben. Ich wehrte mich gegen das Gutachten, weil es schwere Fehler beinhaltet. Auch durfte ich als Sammlungsverantwortlicher bei Erstellung des Berichts keine Auskunft erteilen und die Experten nicht einmal durch die Sammlung führen. Ebenfalls verweigert wurde mir, das Gutachten vor der Endfassung einzusehen. Zudem wurden meine Empfehlungen zur Zusammensetzung der Expertengruppe nicht berücksichtigt.

Was warf man Ihnen in der Mitarbeiterbeurteilung fachlich vor? Man liess keinen guten Faden an meiner Arbeit.

Auch Ihr Verhalten wurde darin bemängelt. Was genau? Etwa, dass ich einmal erhaltene Post im Papierkorb des Institutssekretariats statt im Papierkorb meines Büros entsorgte.

Nichts Schwerwiegenderes? Auch dass ich zu wenig am geselligen Institutsleben teilnehme. Aber für Kaffeeklatsch fehlt mir schlicht die Zeit.

Ihre Mitarbeiter bezeichneten Sie als menschlich schwierig. Diesen Vorwurf weise ich von mir. Ich bin äusserst freundlich und ausgeglichen, habe keinerlei cholerische Züge. Meine langjährige Museumsassistentin wurde zur Kollegin, sie ist Patin meiner Tochter.

Haben Sie sich fachlich wirklich nichts vorzuwerfen? Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann, das gibt es in jedem Museum. Als Staatsangestellter konnte ich es jedoch nicht verantworten, dass wir alle paar Jahre die ständige Ausstellung für Millionen neu einrichten. Auch meine Magazine darf ich nicht vergolden, es geht schliesslich um öffentliche Mittel. Meine Teilzeitassistentenstelle etwa wurde 2009 ersatzlos in eine andere Abteilung verlagert. Mir nun daraus einen Vorwurf zu machen, ist nicht korrekt.

Warum haben Sie die Probleme nicht direkt mit Ihrem Vorgesetzten geklärt? Ich habe meinem Chef, dem Herrn Rektor und Frau Regierungsrätin Aeppli leider vergeblich ein Gespräch angeboten.

Haben Sie in dieser Affäre Fehler gemacht? So, wie ich sie beurteile, nicht.

Ihre Mobbingvorwürfe an die Adresse Ihres Vorgesetzten haben Ihre Entlassung provoziert.Das ist falsch. Würde man diesen Schluss zulassen, dann wäre ja jeder vogelfrei, der sich gegen Vorwürfe wehrt und auch dagegen, dass man ihm das rechtliche Gehör verweigert. Zudem würde eine solche Haltung unseren Rechtsstaat zerstören. Ich habe nur darauf verwiesen, dass mein Vorgesetzter im akademischen Bericht selbst aus Sicht der Universitätsleitung meine Persönlichkeitsrechte tangierte und darauf, dass ich Strafanzeige einreichen muss, sollte die Universitätsleitung wegen der Amtsgeheimnisverletzung nicht von sich aus aktiv werden.

Sie hätten mit Verweis auf das laufende Verfahren schweigen können. Nein. Auch weil ich eine öffentliche Person bin, musste ich mich gegen die in den Medien erhobenen Vorwürfe wehren. Es war auch nötig, transparent zu machen, dass man mit der Kritik nicht mich persönlich, sondern eine politische Haltung treffen wollte.

Das ist das SVP-Muster. Sobald Sie einer kritisiert, sagen Sie, das sei politisch motiviert. Es geht um einen politischen Hintergrund. In Herrn Condraus mittlerweile veröffentlichtem Bericht steht: Ein weiteres Problem bestehe in der Isolation von Institut und Museum. Die Zusammenarbeit werde uns von Kollegen vermutlich aus politischen Gründen verweigert. In der Zeitung las ich zudem, mein früherer Chef, der mich immer mit Höchstnoten bewertet hatte, sei Auns-Sympathisant. Das ist absoluter Mist. Herr Professor Rüttimann hat kaum eine meiner politischen Positionen geteilt.

Die SVP forderte den Rücktritt von Bildungsdirektorin Regine Aeppli, und Christoph Blocher liess auf Tele Züri die Muskeln spielen. Hat man Ihnen dadurch einen Bärendienst erwiesen? Ich bin froh und dankbar, dass sich wichtige Exponenten und meine Partei hinter mich stellen. Das braucht Mut.

Es wurde viel Geschirr zerschlagen – ist es realistisch, Ihre Arbeit als Kurator wieder aufzunehmen? Selbstverständlich. Ich arbeite im Parlament auch mit unzähligen Leuten zusammen, die anderer Meinung sind als ich.

Wie geht es nun weiter? Lassen Sie sich nun von Christoph Blocher anstellen? Wir beide stehen zum Milizprinzip und wehren uns gegen den Brotkorbterror. Blocher weiss, wie gern ich meine Arbeit mache. Er war einige Male im Museum und hat Ausstellungen und Publikationen unterstützt, die ohne ihn undenkbar gewesen wären.

Gehen wir an den Anfang Ihrer politischen Karriere. Im Alter von 17 Jahren traten Sie der SVP bei. Warum nicht der FDP? Das hat auch mit dem Milieu zu tun, aus dem ich komme. Meine Eltern waren Kinder von Kleinbauern. Der Vater war Lehrer, die Mutter Kindergärtnerin, gemeinsam haben sie ein Kinderheim der Stadt Zürich mitgeleitet. Dies hat mich geprägt. Die FDP dagegen war eher für höhere Schichten und galt als elitär.

Teilte Ihr Vater Ihre Positionen? Er trat in die SVP ein, als ich politisch aktiv wurde. Im Alter wurde er milder und sagte mir immer wieder, man könnte auf andere Art vielleicht mehr erreichen. Als meine Eltern später ins Toggenburg gingen, wollte er sich erst aus der Partei zurückziehen. Kurz nach dem Umzug erzählte er mir, im Dorf gebe es einen jungen Mann, einen «bäumigen Cheib», der Toni Brunner heisse und eine SVP gründen wolle. Dem wolle er helfen.

Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater? Ja, er war wichtig für mich und meine Geschwister und für seine Enkel und natürlich für meine Mutter. Es war schwer für uns, als er 2001 im Alter von 71 Jahren am Clariden im Glarnerland abstürzte. Ich habe unlängst ein Gemälde erstanden, das einen Pfarrer zeigt. Er hat ähnliche Züge wie mein Vater, der mir stets Disziplin predigte. Weil ich täglich um diese kämpfen muss, hängt das Bild über meinem Schreibtisch.

Wo stehen Ihre Geschwister politisch? Sicher nicht in der SVP. Ich hoffe immer, dass sie mich wählen. Dass sie die SVP-Liste einwerfen, ist allerdings illusorisch. Einer meiner Neffen ist bei der Juso – aber er ist intelligent und will den Kapitalismus nicht abschaffen. Der andere Neffe identifiziert sich dagegen eher mit meiner politischen Richtung.

Als 17-Jähriger wollten Sie die Wahl Blochers verhindern. Wie kam es, dass Sie dann gemeinsame Sache mit ihm machten? Damals dachte ich, ein Fabrikant, der einen Chauffeur und eine Sekretärin hat, passt nicht zur SVP. Ich fragte mich, ob er überhaupt bürgerlich genug ist, eine richtige Grundgesinnung hat. In unserem Parteiorgan schrieb ich einen Leserbrief, in dem ich fand, Blocher müsse man nicht wählen. Darauf rief er mich an und erklärte mir sein Konzept der SVP. Er sagte: Wir dürfen unsere liberalkonservative Grundhaltung nicht ändern. Aber wir müssen sie thematisch ausweiten. Er überzeugte mich von seinem Weg.

Sie sagten stets, Sie wollten etwas bewegen. Und: Haben Sie? Ich war oft im Hintergrund tätig. Da denke ich, habe ich meinen Beitrag dazu geleistet, dass wir heute nicht Mitglied der EU sind. Ich habe sicher mehr verhindert, als ich geschaffen habe.

Sogar Sie sagen das. Blockieren ist das Gegenteil von bewegen. Blockieren ist oftmals wichtig. Deshalb ist das Museum ein sehr schöner Ausgleich. Hier kann ich sagen, dass ich etwas geschaffen habe. Das gilt auch für die Bücher, die ich publiziert habe wie für die vielen Ausstellungen, die ich realisieren durfte.

Wer Sie im Fernsehen sieht, kann wegzappen, Ihre Äusserungen überraschen kaum mehr. (Holt tief Luft) Wie soll ich überraschen? Damit, dass ich ein Sozialist geworden bin? Ich überlasse es Ihrem Urteil, ob in der Weltwoche die Kolumne von Mörgeli überraschender ist oder jene von Bodenmann – wer immer dieselben Themen wälzt und wer thematisch breiter fährt.

Auch Sie sind einseitig. Das finde ich nicht. Natürlich geht es mir immer um eine bürgerliche Gesinnung und um die Konfrontation der anderen mit ihren eigenen Zitaten. Ein Zitat ist das stärkste Argument. Ich musste in meinen Kolumnen noch nie etwas korrigieren, weil ich einen Fehler gemacht hätte.

Warum haben Sie nie ein Exekutivamt angestrebt? Ich hatte eins. Ich war 8 Jahre lang Mitglied der Kirchenpflege Stäfa (lacht). Eine strenge Behörde! Ich war zufrieden in meinem Beruf und wäre dabei geblieben, wenn nicht Anfang der 90er-Jahre die Umorientierung in Richtung EU-Beitritt gekommen wäre und faktisch das vereinte Bürgertum diese Abzweigung genommen hätte. Da merkte ich, dass ich mich engagieren musste.

Liegt es daran, dass Sie nicht mehrheitsfähig genug sind? Als ich als Kantonsrat einmal in ein Regierungsgebäude mit den gebohnerten Böden kam, die Räume roch und sah, wie man in der einen Hand Papiere herumtrug und in der anderen den Becher mit dem Automatenkaffee balancierte, merkte ich: Da gehöre ich nicht hin. Ich bin aber überzeugt, dass ich mehrheitsfähig hätte politisieren können, wenn ich das gewollt hätte.

Das glaube ich Ihnen nicht. Sie haben insofern recht, als dass dies bedeutet hätte, dass ich mich hätte verstellen müssen. Aber ich hätte es gekonnt. In der Politik gibt es zwei Sorten Leute: jene, die etwas werden wollen und die Überzeugungspolitiker, die für eine Sache kämpfen und leiden.

Woran leiden Sie? Daran, dass die Schweiz in eine falsche Richtung marschiert, dass wir immer mehr Volksrechte verlieren, an der Diskrepanz zwischen dem Willen der Verwaltung und der Politiker und jener der Bevölkerung, an

Ich meinte eher persönlich. Wenn wir verlieren. Das ist schwer, wenn man glaubt, recht zu haben. Demgegenüber haben Niederlagen die SVP oft weitergebracht als Siege.

Was kommt nach Blocher? Da macht man sich viel zu viele Gedanken. Er ist ja noch da. Und es geht ihm besser denn je.

Er ist 71. Irgendwann hört er auf. Die Partei wird ohne ihn nicht mehr dieselbe sein. Da haben Sie vielleicht recht. Er hat die Partei geprägt. Wäre er in jungen Jahren zur FDP, dann würde diese Partei heute dort stehen, wo die SVP steht. Als man ihn kürzlich fragte, welche Herausforderung er noch suche, da meinte er, er wolle FDP-Präsident werden.

Wie wäre die SVP ohne ihn? Wenn eine mächtige Wettertanne weg ist, wachsen viele kleine Bäumchen heran. Es gibt diese Bäumchen bei uns

Sie verdrängen diese Frage. Er hat sich die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit erkämpft. Es ist zweifelhaft, ob wir wieder so jemanden finden. Hinterlässt er uns als Vermächtnis ein klares Programm, dann haben wir kein Problem mit den Köpfen.

Aber mit den Finanzen: Wer finanziert die SVP, wenn er nicht mehr da ist?Dass er die Partei finanziert, ist zu viel gesagt. Auch andere haben etwas gegeben. Seine Tochter geht in eine hervorragende Richtung, unternehmerisch und politisch. Wenn Christoph Blocher in 16 Jahren findet, es sei Zeit aufzuhören, dann sollten wir die Tochter fragen.

Kommen wir noch einmal zu Ihnen persönlich. Sie hatten 2008 einen schweren Autounfall. Ja, das war ein prägendes Ereignis in meinem Leben.

Hat der Unfall Ihre Sicht auf das Leben, die Politik verändert? Man hat mich wiederholt gefragt, ob ich nun offener, sozialer, linker sei. Aber ich war am Rücken verletzt, nicht am Hirn!

Ich meinte, ob Sie die Dinge gelassener angehen. Mir fällt heute eher auf, wenn jemand ein Gebrechen hat. Die Leute erzählen mir öfter von ihren Beschwerden. Die Ärzte raten mir, aktiv zu sein. Ich wäre nicht mehr in der Politik, wenn ich das Spital nicht auf beiden Beinen hätte verlassen können.

Warum? Dann müsste ich anders politisieren. Wenn man nicht stehen und gehen kann, wird man nicht mehr gleich angegriffen. Dann dürfte ich nicht mehr so kämpferisch antreten, das wäre ja unfair.

Haben Sie im anderen politischen Lager Kollegen? Ja, aber ich sage nicht wen, sonst werden die gehänselt. Es gibt Leute in der SP, die ich sehr gern mag, die wie ich Überzeugungspolitiker sind. Mit ihnen finde ich eine gemeinsame Basis.

Es gibt Leute, die Sie fürchten. Das müssen sie nicht. Ich greife zwar an, wenn jemand eine andere politische Meinung vertritt, etwas sagt, das ich falsch finde. Es würde mir nie einfallen, diesen Leuten den Mund zu verbieten. Diesbezüglich hat die Toleranz im Parlament abgenommen.

Überprüfen Sie Ihre Positionen? Ja, immer. Sie werden auch durch die Bevölkerung überprüft. Es ist der Vorteil der Demokratie, dass verschiedene Ansichten zum Tragen kommen. Dies wäre auch in der Wissenschaft von Vorteil. Wo Reibung ist, gibt es Wärme.

Dann muss Ihnen jetzt richtig warm sein. (lacht) Ich bin in einer veritablen Sauna.

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