Der Bund lässt Cannabis erforschen

Das Potential als Heilmittel von Cannabis gilt als enorm, ist aber noch zu wenig erforscht. Jetzt haben die Räte dem Bund den Auftrag erteilt, eine Studie zum möglichen Einsatz von Cannabis als Schmerzmittel zu erstellen.

Jürg Gertsch erforscht in seinem Labor an der Universität Bern die Entwicklung neuer Medikamente.  Dabei setzt er auch auf Wirkstoffe der  pharmakologisch äusserst interessanten Pflanze Cannabis sativa.

Jürg Gertsch erforscht in seinem Labor an der Universität Bern die Entwicklung neuer Medikamente. Dabei setzt er auch auf Wirkstoffe der pharmakologisch äusserst interessanten Pflanze Cannabis sativa. Bild: zvg

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In Schweizer Forschungskreisen ist die Freude gross über den gestrigen Grundsatzentscheid, dass natürliches Cannabis nun in einem grösser angelegten Pilotprojekt erforscht werden soll. Der Ständerat hat wie zuvor der Nationalrat eine entsprechende Motion der Patientenschützerin und grünliberalen Nationalrätin Margrit Kessler (SG) überwiesen.

Bisher wurden in der Cannabisforschung vor allem Einzelbereiche unter die Lupe genommen, wie etwa am Institut für Biochemie und molekulare Medizin der Universität Bern. So haben Professor Jürg Gertsch und sein Team unlängst eine neue entzündungshemmende Komponente in Cannabis entdeckt, die nicht berauschend wirkt. Gerade das für den Rausch zuständige Tetrahydrocannabinol (THC) war bisher ein zentraler Grund für die äussert restriktive Anwendung von Cannabis als Heilmittel – dies, obwohl auch das THC positive pharmakologische Wirkungen erzielt. Pro Jahr erhalten in der Schweiz nach einem ziemlich aufwendigen Verfahren nur gerade rund 500 Patienten legal vom Arzt verschriebenes und vom Bundesamt für Gesundheit abgesegnetes Hanf als Medikament.

Grosser Anwendungsbereich

Dabei ist das Potenzial der als Teufelskraut gebrandmarkten Pflanze enorm. So kommt die jüngste Ausgabe des «National Geographic» in seinem über dreissig Seiten langen Aufsatz zum Schluss, «dass für schwer kranke Menschen Cannabis ein Segen ist». Das Potenzial sei besonders gross bei chronischen entzündlichen Erkrankungen, bei denen gleichzeitig Schmerzen entstünden, erläutert Gertsch: «Wirksam ist Cannabis insbesondere bei multipler Sklerose, Rheuma, aber auch bei Altersbeschwerden, Schlafproblemen und spastischen Schmerzen.» Zudem gebe es Anzeichen dafür, dass die Wirkstoffe der Pflanze auch bei gewissen Formen von Kinderepilepsie wirksam seien, die sonst nur mit Medikamenten mit sehr starken Nebenwirkungen behandelt werden könnten.

Selbst gegen Krebs wirksam?

Neuste Forschungen aus Spanien geben zur Hoffnung Anlass, dass mit Cannabis künftig sogar Krebs bekämpft werden könnte. Zumindest bei Ratten wurden erstaunliche Resultate erzielt. Zurzeit läuft am St.Jame’s University Hospital im englischen Leeds eine möglicherweise bahnbrechende Studie. Neuroonkologen behandeln Patienten, die an aggressiven Hirntumoren leiden, mit den Marihuanabestandteilen Cannabidiol und THC. Noch warnen allerdings Wissenschaftler wie Gertsch vor übertriebener Zuversicht: «Die Datenlage ist noch unvollständig.»

Die Geburtsstätte der modernen Cannabisforschung ist der Nahe Osten. Dort beschloss 1963 der junge Israeli Raphael Mechoulam, sich die chemische Zusammensetzung der Pflanze genauer anzusehen. Inzwischen gilt er als Vater der Cannabisforschung mit mehr als 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen. «Cannabis», betont er «National Geographic» gegenüber, «ist eine medizinische Schatzkiste, deren Inhalt wir noch gar nicht richtig kennen.»

Noch nicht zu spät

Nach der langjährigen Verteufelung von Cannabis wird dessen Erforschung in Amerika und Europa wieder vorangetrieben. Stellt sich die Frage, ob die Schweiz mit dem jetzt eingeleiteten Effort nicht zu spät dran ist. Dies verneint Gertsch und ist überzeugt, dass die Schweiz auch international mitreden kann. Noch ist allerdings unklar, wie viel Geld der Bund dafür aufwerfen will. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2015, 09:15 Uhr

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