Debatte um obligatorische Zahnversicherung

In der Romandie und im Tessin fordern linke Parteien und Gewerkschaften eine obligatorische Zahnversicherung. Sie soll mit Lohnbeiträgen finanziert werden. Im Kanton Waadt kommt es vielleicht schon dieses Jahr zur Abstimmung.

Die Zahngesundheit der Schweizer Bevölkerung hat sich laut der Zahnärzte-Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark verbessert.

Die Zahngesundheit der Schweizer Bevölkerung hat sich laut der Zahnärzte-Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. Bild: Fotolia

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Wer einen Zahnarzt aufsucht, zahlt die Rechnung selber, sei es für die Kontrolle, für die Korrektur der Zahnstellung oder für die Behandlung von Karies. Anders als in Österreich oder Deutschland werden in der Schweiz Zahnbehandlungen nur in seltenen Ausnahmefällen von der Krankenkasse übernommen. 90 Prozent der Kosten zahlen Patienten aus der eigenen Tasche. Gemäss aktuellsten Zahlen gibt so im Durchschnitt jeder Einwohner 37 Franken pro Monat für Zahnbehandlungen aus.

Gegen dieses System wehren sich Gewerkschaften und linke Parteien in der Romandie und im Tessin. Sie haben eine ganze Reihe von kantonalen Initiativen und Vorstössen aufgegleist, die allesamt eine neue, obligatorische Zahnversicherung für die Be­völkerung in ihrem Kanton verlangen.

1 Prozent vom Lohn

Den Anfang macht wohl der Kanton Waadt: Kommt nicht noch ein Gegenvorschlag ins Spiel, ­entscheidet die Waadtländer Bevölkerung bereits dieses Jahr über eine kantonale Initiative, die nebst einer obligatorischen Zahnversicherung auch ein Netz von öffentlichen Zahnkliniken fordert.

Finanziert würde die Versicherung analog der AHV über den Lohn. Rund 1 Prozent des Salärs würde in die Versicherung fliessen – 0,5 Prozent vom Arbeitgeber und 0,5 Prozent vom Arbeitnehmer. Letzterer müsste also bei einem Einkommen von monatlich 6000 Franken laut den Initianten 30 Franken beitragen. Den Rest soll der Kanton über Steuern finanzieren. Rein ästhetische Korrekturen würden nicht durch die obligatorische Versicherung gedeckt.

Bessere Zahngesundheit

Die Initianten sind überzeugt, dass eine solche Versicherung mehr Leute dazu veranlassen würde, jährlich zur Kontrolle zu gehen und bei Problemen rechtzeitig den Zahnarzt aufzusuchen. Dies würde zu einer besseren Zahngesundheit führen und das wiederum zu einem besseren allgemeinen Gesundheitszustand. Die heutige Situation sei unbefriedigend. Besorgniserregend viele Personen verzichteten aus finanziellen Gründen auf einen Zahnarztbesuch, halten die Initianten fest. Es bestehe ein klarer Zusammenhang zwischen sozialem Status und Zahngesundheit, und bei den Kindern habe sich der Zustand der Zähne verschlechtert.

Olivier Marmy ist Zahnarzt in Lausanne. Er lehnt die Initiative entschieden ab und widerspricht einigen Argumenten der Ini­tianten. «Die Zähne der Schweizer Bevölkerung sind in einem ausserordentlich guten Zustand», sagt er. Karieserkrankungen bei Kindern und jungen Erwachsenen seien in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. «Wenn schon, dann hätte man ­die Versicherung vor 50 Jahren einführen sollen», sagt Marmy, der auch Vizepräsident der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) ist.

Fokus auf Risikogruppen

Doch auch wenn die Zahngesundheit in der Schweiz allgemein sehr gut sei, ist laut dem Lausanner Zahnarzt deswegen nicht einfach alles in Ordnung: «Es gibt Risikogruppen, bei denen Handlungsbedarf besteht», sagt Olivier Marmy. Doch sei es wirksamer, diese kleinen Gruppen gezielt anzusprechen, als gleich für alle das System umzukrempeln und eine obligato­rische Zahnversicherung einzuführen.

Marmy nennt als Beispiel für eine sinnvolle Massnahme Informationen für Mütter über die Zahngesundheit von Kindern – und zwar bereits während der Schwangerschaft. Er fordert deshalb eine Zusammenarbeit mit Gynäkologen. Der Waadtländer Grosse Rat wird bis zum Sommer entsprechende Vorschläge einer Fachgruppe beraten, die zu einer Verbesserung der Zahngesundheit führen sollen.

Für diejenigen Personen, welche sich eine notwendige Zahnbehandlung nicht leisten können, gebe es bereits heute von verschiedenen Stellen Unterstützung, sagt Marmy. Man solle den Zahnarzt darauf ansprechen, ­dieser könne die Behandlung allenfalls der finanziellen Situation anpassen oder auf Hilfsangebote aufmerksam machen.

Bei seinem Nein zur Initiative geht es dem Zahnarzt aber auch um Freiheit. «Heute sind wir Zahnärzte unabhängig, und unsere Patienten sind es auch», sagt Marmy. Behandlungsentscheide würden vom Patienten und vom Zahnarzt gemeinsam getroffen, man begegne sich auf Augenhöhe. «Wenn nun aber die Versicherung als dritter Beteiligter ins Spiel kommt, geben beide Parteien Verantwortung ab», ist Marmy überzeugt. Das werde sich negativ auf die Qualität und die Kosten auswirken.

Initiativen mit Chancen

Sowohl die Befürworter als auch die Gegner räumen den kantonalen Initiativen erhebliche Chancen ein. Dies unter anderem deshalb, weil Welschschweizer Kantone im September 2014 – anders als die Deutschschweiz – auch schon für eine öffentliche Krankenkasse gestimmt hatten.

«Es war äusserst einfach, die nötigen Unterschriften für die Initiative zur Zahnversicherung zusammenzubekommen», sagt Alt-Nationalrat Franco Cavalli (SP) vom Tessiner Initiativkomitee. Er ist überzeugt, dass es eine solche Versicherung braucht, weil heute viele Menschen aus ­finanziellen Gründen keinen Zahnarzt aufsuchten.

Die Befürchtungen der Gegner, dass ein Ja zu einem Kostenanstieg führe, teilt Franco Cavalli «überhaupt nicht». Komme eine obligatorische Versicherung zustande, könnten die Preise reguliert werden. Dass zur Kompensation dann einfach die Menge der Behandlungen ausgeweitet werde, sei in der Zahnmedizin kaum möglich.

Die Entwicklung der Gesundheitskosten seit 1995
Die drei ambulanten Leistungsbringer Ärzte, Zahnärzte und Physiotherapeuten im Vergleich

Zunahme 1995 bis 2013: 104%

Zunahme 1995 bis 2013: 52%

Zunahme 1995 bis 2013: 82%

Zum Vergleich die Gesamtkosten im Gesundheitswesen:

Zunahme 1995 bis 2013: 94% (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.01.2016, 08:53 Uhr

Initiativen und Vorstösse im Parlament

Die politische Debatte zur obligatorischen Zahnversicherung ist in den Kantonen unterschiedlich weit fortgeschritten.
Kanton Waadt: Die Kantons­regierung wird im Frühling zur Initiative für eine obligatorische Zahnversicherung Stellung nehmen und anschliessend das Kantonsparlament. Die Initia­tive wurde im Juli 2014 eingereicht. Falls ihr kein Gegenvorschlag entgegengestellt wird, findet die Abstimmung in der zweiten Hälfte dieses Jahres statt. Mit Gegenvorschlag gelangt sie 2017 zur Abstimmung.
Kanton Genf: Das Kantonsparlament diskutierte im November 2013 eine Motion, die eine kantonale Zahnversicherung verlangt und als kurzfristige Massnahme Personen mit tiefem Einkommen Zugang zu Zahnbehandlungen ermöglichen will. Das Parlament schickte die Motion zur genaueren Analyse an die Gesundheitskommission zurück, wo sie seither bearbeitet wird.
Kanton Freiburg: Ein Postulat vom Sommer 2014 verlangt, dass die Kantonsregierung die Gründung einer öffentlichen obligatorischen Zahnversicherung prüft. Diese hat bis heute nicht darauf geantwortet.
Kanton Jura: In ihrem Wahl­programm 2015 führte die jurassische SP unter anderem die Gründung einer kantonalen Zahnversicherung als Ziel auf. Gemäss ihren Angaben soll das Thema in den nächsten Wochen ins Kantonsparlament gebracht werden.
Kanton Neuenburg: Die Kantonsregierung wird im kommenden Jahr ihre Botschaft zur Initiative für eine obligatorische Zahnversicherung vorlegen. Die Initiative wurde im August 2015 eingereicht.
Kanton Wallis: Die SP Valais Romand kündigte im Frühling 2014 eine Initiative für eine obligatorische Zahnpflegeversicherung an. Bis jetzt wurden aber keine Unterschriften gesammelt, im April soll die Initiative nun lanciert werden.
Kanton Tessin: Die Initianten rechnen damit, dass die Tessiner Regierung in diesem Frühling die Botschaft zur Initiative für eine obligatorische Zahnversicherung vorlegt und dass nächstes Jahr abgestimmt werden kann. Die Initiative wurde im Mai 2015 eingereicht.

Versicherungen

Zahnärztliche Behandlungskosten sind von der obligato­rischen Krankenversicherung grundsätzlich nicht gedeckt. Sie werden nur in Ausnahmefällen übernommen, wenn sie mit einer schweren Erkrankung in Zusammenhang stehen. Die Erkrankungen sind in einer Verordnung aufgelistet.
Bei Zahnunfällen kommt die Unfall- oder die Krankenversicherung zum Tragen. Zahnunfälle sind allerdings eng definiert. Zahnbehandlungen, die aufgrund eines schweren Geburtsgebrechens nötig sind, werden teilweise von der IV oder von der Krankenversicherung übernommen.

Zahlreiche Versicherer bieten Zahnzusatzversicherungen an. Sie gestalten diese allerdings unterschiedlich, deshalb ist ein Vergleich der verschiedenen Angebote empfohlen. Für erwachsene Personen mit guter Mundhygiene lohne sich eine Zusatzversicherung für Zahnpflegekosten kaum, schreibt die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) auf ihrer Website. Bei Kindern könne eine Zusatzversicherung für Kieferorthopädie, welche Fehlstellungen von Zähnen und Kiefern abdecke, allerdings sinnvoll sein.

www.sso.ch

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