Das tragische Ende eines schillernden Anwalts

Martin Wagner wurde in seiner Villa erschossen. Der Mann, der für die Rechtsnationalen die «Basler Zeitung» kaufte, hinterlässt drei Kinder.

Martin Wagner, aufgenommen 2012 in Basel. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

Martin Wagner, aufgenommen 2012 in Basel. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

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Rünenberg BL, ein malerisches Dorf an den Ausläufern des Jura, wurde gestern zum Ort des Schreckens. Kurz vor neun Uhr wird in einer Villa am Dorfrand geschossen. Ein Nachbar alarmiert die Polizei, diese findet einen noch atmenden Schwerverletzten vor dem Haus: den bekannten Medienanwalt Martin Wagner (57). Rettungskräfte versuchen, ihn wiederzubeleben, im Lauf des Vormittags stirbt er. Der 39-jährige mutmassliche Täter erschoss sich selber. Sein Motiv kennt man nicht. Die Gründe seien im Privaten zu suchen, sagte die Polizei.

Wagner hinterlässt drei Kinder, zwei etwa 20-jährige Söhne und eine Tochter, die gerade erst ihren 10. Geburtstag gefeiert hat. Die Kinder wurden gestern Vollwaisen, nachdem im September schon ihre Mutter gestorben war: Mit 46 erlag sie einem Hirntumor.

Staatsanwalt Pascal Pilet erläutert den Tathergang. Video: Tamedia/SDA

Oft wurde Martin Wagner in den vier Monaten nach dem Tod seiner Frau gefragt, wie es ihm gehe, wie er das schaffe, allein mit den Kindern. Sie wohnten alle noch zu Hause. Wenn die Tochter krank war, machte der Vater mitunter Home­office. Manchmal nahm er sie auch mit, wenn er beruflich unterwegs war. Es gehe schon, antwortete er dann, es müsse ja. Der Tod sei am Ende eine Erlösung gewesen. Das ist beim Krebs immer so. Aber es sagt noch nichts darüber aus, wie der Hinterbliebene mit dem Verlust umgeht.

Immer für Überraschungen gut

Es sei schwierig gewesen, Martin Wagner wirklich zu kennen, zu begreifen, sagt einer, der geschäftlich oft mit ihm zu tun hatte. Gegen aussen gab Martin Wagner folgendes Bild ab: polarisierend, streitbar, immer für Überraschungen gut. So kandidierte der als apolitisch geltende, parteilose Wirtschaftsanwalt 2011 auf der Liste der Baselbieter FDP für den Nationalrat – wie aus dem Nichts und ohne Aussicht auf Erfolg. Beobachter vermuteten, dass er mit dem Engagement für die Freisinnigen seinen Ruf des Mittelsmanns rechtsnationalistischer Kreise abstreifen wollte. Diesen hatte er seit 2010, als er mit dem SVP-nahen Financier Tito Tettamanti die «Basler Zeitung» kaufte, die wenig später an Christoph Blocher überging.

Im Frühling 2017 ging die Nachricht um, Wagner wolle den «Blick» kaufen, und im Hintergrund wirke der frühere SVP-Nationalrat Walter Frey mit. Wagner selbst zufolge ging es ihm nie um die politische Ausrichtung einer Zeitung. Eher wollte er die Publikationsorgane nutzen für die Vermarktung von Gesellschafts- und Sportanlässen, an denen er als Teilhaber einer anderen Firma mitverdiente.

Erstaunliche Gegensätze

Wagner, der sich gern in seinem Ferienhaus in Arizona aufhielt, stammt aus der Weinbaugemeinde Maisprach BL, nur ein paar Autominuten entfernt von Rünenberg, wo er eine Villa mit grosser Garage und Schwimmbad baute. Erstaunlich bei ihm seien die Gegensätze und Widersprüche gewesen, sagt Journalist Christian Mensch, der Wagner gut gekannt hatte. «Er war sehr bewandert und vernetzt auf dem internationalen Parkett, aber auch stark verwurzelt in seinem Heimatkanton.» Dort sah man Wagner mitunter an regionalen Sportanlässen, weil sich Frau und Kinder im Turnverein engagierten. Fasziniert habe ihn auch, sagt Christian Mensch, wie schmerzlos Wagner mit Kontrahenten umgegangen sei.

«Er konnte gegen jemanden prozessieren und gleichzeitig eine fast freundschaftliche Beziehung zu dieser Person pflegen.» Mensch wurde von Wagner ebenso verteidigt wie eingeklagt, bei unterschiedlichen Gelegenheiten. Einmal, erinnert sich der Journalist, habe jemand eine einstweilige Verfügung gegen die «Basler Zeitung» erwirkt, bei der er damals arbeitete. Zeitungsanwalt Wagner habe daraufhin mit dieser Person gesprochen und sie dazu gebracht, die Verfügung zurückzuziehen. «Wie er das geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel», sagt Mensch.

Martin Wagner hatte sich viele Kritiker, wenn nicht sogar Feinde geschaffen. Aber mit diesem Ende hat niemand gerechnet.

Angefangen hatte Jura-Absolvent Wagner bei der Wirtschaftskammer Baselland, wie der Gewerbeverband dort heisst. Da lernte er deren Direktor Hans Rudolf Gysin kennen, den FDP-Nationalrat, der ein langjähriger Begleiter werden sollte. Auch für den Autogewerbe-Verband seines Kantons setzte sich Porsche-Besitzer Wagner ein. Später zog es ihn in die Unterhaltungs- und Medienbranche, insgesamt hatte er Dutzende Verwaltungsratsmandate. Mit Bernhard Burgener, dem neuen Präsidenten des FC Basel, war er privat und beruflich eng verbunden. Seine zweite Frau, die zuvor mit dem Banker und späteren SVP-Nationalrat Thomas Matter liiert gewesen war, lernte Wagner bei der Wirtschaftskammer kennen, wo sie damals die Administration besorgte. Zuletzt war Sandra Wagner Finanzchefin bei Radio Basilisk und als solche sehr geschätzt. Sie arbeitete bis kurz vor ihrem Tod.

Martin Wagner hatte viele Kritiker, wenn nicht sogar Feinde. Aber mit diesem Ende hat niemand gerechnet. Es sei abwegig, sagt ein Bekannter von Wagner: «Man hat Streit, man hasst sich vielleicht. Aber man erschiesst sich doch nicht.» Das malerische Rünenberg erlangte gestern nationale Bekanntheit, wie damals Martin Wagner, als er die «Basler Zeitung» kaufte. 70 Polizisten waren gestern vor Ort, Forensik, Unfalltechnik, Staatsanwälte. Die Kinder werden von Psychologen betreut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2018, 22:09 Uhr

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