Das steckt hinter dem Schweizer Frauenrekord

Ein historisches Ereignis: Die Waadt hat neu fünf Regierungsrätinnen, alle haben Kinder – das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit.

Sie sorgt für einen Schweizer Rekord: Rebecca Ruiz (SP) ist die fünfte Frau in der Waadtländer Regierung. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Sie sorgt für einen Schweizer Rekord: Rebecca Ruiz (SP) ist die fünfte Frau in der Waadtländer Regierung. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Mit der Wahl der 37-jährigen SP-Nationalrätin Rebecca Ruiz sitzen fünf Frauen in der Waadtländer Regierung. Zwei Männer ergänzen sie. Nie sassen mehr Frauen in einer Kantons-, geschweige denn in der Landesregierung. Es gibt weitere Auffälligkeiten: Alle fünf Frauen sind Mütter, entweder von Kleinkindern, wie im Fall von Rebecca Ruiz, oder Kindern im Jugend- oder Erwachsenenalter.

Die SP hat gar sämtliche Regierungssitze mit Frauen besetzt: mit Nuria Gorrite, Cesla Amarelle und Rebecca Ruiz. Die Grünen vertritt Béatrice Métraux, Jacqueline de Quattro die FDP.

Yvette Jaggi, die Pionierin

«Das Bild mit den vielen Frauen ist grossartig», freut sich Yvette Jaggi. Auch die Grand Old Lady der Waadtländer Politik weiss: Dass bald fünf Frauen den Kanton regieren, ist alles andere als ein Zufall. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer jahrzehntelangen Geschichte, über die vor allem linke Frauen sagen: Yvette Jaggi steht am Anfang dieser Entwicklung.

Die heute 78-jährige SP-Frau war ab 1979 National- und Ständerätin, Gemeinderätin und Lausannes erste und bis heute einzige Stadtpräsidentin. SP-Regierungsrätin Nuria Gorrite erinnert sich: «Yvette Jaggi traute sich alles zu. Sie kümmerte sich in keinster Weise darum, welche Dossiers und Kompetenzen die männlichen Kollegen uns Frauen zugestanden. Sie nahm sich einfach, was sie wollte und worin sie sich kompetent fühlte.» Jaggis selbstbewusste und unbekümmerte Art inspirierte SP-Frauen wie Nuria Gorrite, die aktuelle Regierungspräsidentin, dasselbe zu tun. «Wenn es an der Parteispitze Frauen gibt, dann weckt das in anderen Frauen die Energie und den Wunsch, mit ihr mitzuarbeiten und selbst Verantwortung zu übernehmen», beschreibt SP-Nationalrätin Ada Marra die Sogwirkung, die auch sie erfasste.

Vorreiterin für die Waadt: Nationalrätin Yvette Jaggi 1987 (SP). Foto: Keystone

Yvette Jaggi hält für den Aufstieg der Frauen in der Waadtländer Politik vor allem einen Umstand für entscheidend: «Die Frauen haben gute Ausbildungen. Davon hängt vieles ab.» Die 78-jährige ist Ökonomin und Politologin mit Doktortitel. Auch dank ihrer guten Ausbildung wurde sie Direktorin des Konsumentenverbands in der Romandie und kümmerte sich im Bundeshaus um Wirtschafts-, Finanz- und Landwirtschaftspolitik. Den heutigen Regierungsrätinnen lebte sie vor, dass für dieses Amt ein gewisses Temperament und Lebenserfahrung entscheidend ist und man bereit sein muss, einzustecken.

Obwohl Jaggi die Wege für jüngere Frauen vorspurte, sagt Nuria Gorrite: «Wir mussten uns unseren Platz erkämpfen, wir bekamen ihn nicht angeboten.» Dabei war entscheidend, dass die SP Waadt eine Kommission für Gleichstellung einsetzte, die einen Platz im Parteivorstand bekam. Die Kommission erreichte, dass die Partei paritätische Wahllisten schuf. Frauen und Männer kamen in gleicher Anzahl auf die Wahllisten, wobei Kandidatinnen und Kandidaten abwechselnd genannt wurden. Dies bot Frauen wie Männern gleiche Wahlchancen.

Pascal Broulis und Philippe Leuba dürften sich am Frauenstreiktag zu zweit im Château, dem Sitz der Waadtländer Regierung, wiederfinden.

Schon heute, vor der Vereidigung der frisch gewählten Rebecca Ruiz, haben die Frauen in der Waadtländer Regierung die Mehrheit. Ihre Macht liessen sie die Männer im Einzelfall spüren, etwa bei der Sanierung der Pensionskasse der Staatsangestellten. Hier entschieden die Frauen über das Vorgehen.

Als der gesamte Stadtrat demonstrierte

Die verbliebenen Regierungsräte Pascal Broulis und Philippe Leuba (beide FDP) müssen sich vorsehen. Zum Frauenstreiktag am 14. Juni dürften sie sich zu zweit im Château, dem Sitz der Waadtländer Regierung, wiederfinden. Es sei denn, sie schliessen sich ihren fünf Kolleginnen an und demonstrieren an ihrer Seite und mit Tausenden weiterer Frauen für die Geschlechtergleichheit.

Yvette Jaggi erinnert sich an den Frauenstreik von 1991. «Damals», sagt sie, «unterbrach der Lausanner Stadtrat seine Sitzung, und alle Mitglieder, ob männlich oder weiblich, ob links oder bürgerlich, mischten sich unters Volk und demonstrierten.»

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