Das sind die teuersten Krankheiten

Herz-Kreislauf-Leiden verschlingen jährlich fast ein Sechstel der Gesundheitskosten – das ist Rekord.

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Niemand hat bislang ein Rezept gefunden, um die horrenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Jahr für Jahr zahlen die Schweizer höhere Krankenkassenprämien. Mittlerweile verschlingt die Gesundheitsversorgung 10'000 Franken pro Jahr und Einwohner.

Eine neue Studie durchleuchtet jetzt erstmals systematisch die Gesundheitskosten in der Schweiz – und zeigt grosses Sparpotenzial auf. Die Auswertung verteilt die gesamten Kosten im Gesundheitswesen auf 21 Krankheitskategorien sowie auf die Bereiche Unfälle und Prävention.

Am teuersten sind mit über 10 Milliarden Franken im Jahr die Herz-Kreislauf-Krankheiten – das sind 15,6 Prozent der gesamten Gesundheitskosten. Rund 20'000 Männer und Frauen sterben jedes Jahr an einer Herz-Kreislauf-Krankheit – der häufigsten Todesursache. Auf Platz 2 folgen Muskulatur- oder Skelett-Erkrankungen wie Arthrose und Rückenschmerzen mit 8,7 Milliarden Franken (13,4 Prozent). An dritter Stelle stehen psychische Leiden wie Depressionen mit fast 7 Milliarden Franken (10,6 Prozent).

Die Studie zeigt auch: Die Schweizer sind ein Volk von chronisch Kranken. 80 Prozent der Kosten verursachen nicht übertragbare Krankheiten. Bloss ein Bruchteil geht auf das Konto von Infektionskrankheiten und Unfällen.

Krebserkrankungen stehen bei den Kosten an siebter Stelle

«Wir schaffen erstmals überhaupt Transparenz über die Verteilung der Gesundheitskosten nach Krankheiten in der Schweiz», sagt Simon Wieser, Professor für Gesundheitsökonomie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Laut Wieser gab es bislang nur Auswertungen, die isoliert jeweils auf bestimmte Krankheiten fokussierten. «Da werden die Kosten regelmässig überschätzt.» Mitautorin und Helsana-Gesundheitswissenschaftlerin Carola Huber ergänzt: «Wir liefern einen wichtigen Beitrag zur Frage, warum die Gesundheitskosten Jahr für Jahr steigen.»

Berücksichtigt sind in der Studie alle direkten Kosten: also für Spitäler, Ärzte, Laboranalysen, Pflege oder Medikamente. Nicht berücksichtigt sind die indirekten Kosten wie Arbeitsausfälle oder Frühpensionierungen.

Wieser stützt seine Auswertung auf Zahlen aus dem Jahr 2011. Damals betrugen die Gesamtkosten im Gesundheitswesen 65 Milliarden Franken – heute sind es über 80 Milliarden oder 25 Prozent mehr als 2011. Für Wieser steht aber fest, «dass die Rangfolge und damit der Anteil an den Gesamtkosten der einzelnen Krankheiten heute noch gleich ist».

Frappant an der Gesamtschau sind die vergleichsweise tiefen Kosten bei der Behandlung von Krebsleiden. Mit Kosten von knapp 4 Milliarden Franken (6 Prozent) taucht diese Krankheit erst an siebter Stelle auf – obwohl Krebs die zweithäufigste Todesursache ist und Medikamente für die Behandlung sehr teuer sind.

In der Psychiatrie gibt es zu viele Behandlungen in Kliniken

Als Hauptgrund für dieses Phänomen nennt Rolf Marti von der Krebsliga Schweiz die «zeitlich limitierte Behandlung» beim Krebs. «Entweder ist ein Krebspatient nach einer relativ kurzen Zeit geheilt, oder der Krebs metastasiert. In beiden Fällen sind die Therapien endlich.» Bei Diabetes oder Schizophrenie hingegen könnten die Behandlungen auch einmal 30 oder mehr Jahre dauern.

Zudem ist es zwar tatsächlich so, dass die Krebsmedikamente immer teurer werden. Gemäss dem Helsana-Arzneimittelreport stiegen die Preise allein in den Jahren 2012 bis 2015 um 18 Prozent. Laut Marti werden diese neuen, teuren Medikamente allerdings nur «in zehn Prozent der medikamentösen Behandlungen» eingesetzt.

Aussergewöhnlich hoch sind hingegen die Kosten für psychische Krankheiten. Das hat zwei Gründe: Einerseits leiden sehr viele Menschen darunter. Eine unveröffentlichte Helsana-Studie zeigt erstmals, wie gravierend das Problem tatsächlich ist. Demnach beziehen in der Schweiz jährlich 730 000 Menschen Antidepressiva. Allein bei der Helsana wurden 2016 circa 500 000 Packungen eines Anti­depressivums verschrieben – das sind fast fünf Packungen pro einzelnen Bezüger.

Andererseits zeigt die Studie, dass 60 Prozent der Kosten in der Psychiatrie im stationären Bereich anfallen. Das bedeutet: In den meisten Fällen kommt es im Zuge der Behandlung zu einem län­geren Klinikaufenthalt. Nur die wenigsten Fälle werden in einer Tages­klinik oder bei einem Psychiater mit eigener Praxis ambulant behandelt. «Hier gäbe es ein sehr grosses Sparpotenzial, wenn die Therapien vermehrt ambulant erfolgen könnten», sagt Gesundheitsökonom Wieser.

Tatsächlich steht dahinter ein Systemfehler. «Wir haben in der Psychiatrie eine veraltete Ver­sorgungsstruktur», sagt Andreas Daurù, Leiter psychosoziale Dienste bei der Stiftung Pro Mente Sana. «Die Mehrheit der Patienten wird auch heute noch stationär in Kliniken behandelt, obwohl eine ambulante Behandlung nach modernen Ansätzen ausreichen würde.» Das Problem ist laut Daurù, dass ambulante psychiatrische Tageskliniken «nicht kostendeckend» sind. Die Spitäler hätten somit «wenig Interesse, neue Ambulatorien zu eröffnen oder zu bauen – und niemand will investieren».

Im Kanton Zürich schlossen jüngst sogar zwei Privatspitäler ihre psychiatrischen ­Tageskliniken. Für Daurù ist die Konsequenz klar: In der Folge müssen noch mehr Patienten stationär behandelt werden – «was die Kosten für die Allgemeinheit erhöht».

Laut Bund ist der Lebensstil schuld an vielen Krankheiten

Kaspar Aebi, Vorstandsmitglied bei der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, warnt jedoch davor, nun auf dem Buckel psychisch Kranker zu sparen – etwa mit einer Rationierung der Leistungen. «Das Gegenteil muss passieren», fordert er, «wir brauchen einen Ausbau.» Weil es in der Psychiatrie zu wenig Angebote gebe, würden viele Patienten zu spät behandelt. Dadurch komme es zu mehr Arbeitsausfällen oder vorzeitigen Pensionierungen. Diese indirekten Kosten betragen jährlich je nach Berechnung zwischen sieben und zehn Milliarden Franken.

Aebi plädiert deshalb dafür, den Nachwuchs in der Psychiatrie zu fördern und sogar auch die Psychologen über die Grundversicherung abrechnen zu lassen. Aebi sagt: «So steigen zwar die direkten Kosten – doch wir sparen viel bei den indirekten Kosten.»

Gefordert ist nun Gesundheitsminister Alain Berset (SP). 2017 lancierte der Bundesrat eine nationale Strategie zum Umgang mit nicht übertragbaren Krankheiten. Im Bericht heisst es: Rund die Hälfte dieser Krankheiten werde durch den Lebensstil beeinflusst. Wer sich regelmässig bewege, ausgewogen ernähre, aufs Rauchen verzichte und nicht übermässig ­Alkohol trinke, habe eine gute Chance, lange gesund zu bleiben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 09:02 Uhr

150'000 Menschen leiden an Demenz, verursachen aber kaum Kosten

Weit mehr als die Hälfte aller Betroffenen wird zu Hause von den Angehörigen betreutZürich Alzheimer ist die häufigste Form von Demenzerkrankungen – und sie liegt wie ein Schatten über dem Schweizer Gesundheitswesen. Gewaltige Kosten würden auf uns zukommen, wenn die Zahl der Menschen, die an Demenz erkranken, sich von heute rund 150'000 bis zum Jahr 2050 verdreifachen würde. Das rechnet die Schweizerische Alzheimervereinigung auf ihrer Website vor.

Angesichts solch düsterer Prognosen erstaunen die Berechnungen eines Teams von Gesundheitsökonomen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Der eben publizierten Studie zufolge kosteten Demenzerkrankungen 2011 lediglich 1,1 Milliarden Franken pro Jahr. Das sind weniger als zwei Prozent der gesamten direkten Gesundheitskosten – und in etwa gleich viel, wie Augen- und Ohrenkrankheiten oder Hautleiden kosten.

Laut Studienleiter Simon Wieser von der ZHAW hat dies mehrere Gründe. Zum einen seien relativ wenige Menschen davon betroffen. Zum anderen würden viele Erkrankte zu Hause von den Angehörigen gepflegt. Das bestätigen Zahlen der Alzheimervereinigung: Demnach werden 60 Prozent der Betroffenen zu Hause betreut. Ein weiterer Grund für die überraschend geringen Gesamtkosten von Demenzerkrankungen sind die fehlenden Medikamente. Bis heute gibt es keine – potenziell sehr teuren – Arzneien, welche die Zerstörung des Hirns aufhalten oder gar umkehren können.

Die Alzheimervereinigung kommt in einer eigenen Studie indes auf viel höhere Kosten. Sie geht für das Jahr 2017 von Gesamtkosten von etwa 9,5 Milliarden Franken aus. Die grosse Diskrepanz rührt vermutlich daher, dass die Krankheitskosten anders errechnet werden. Demente Patienten landen meist wegen eines anderen Gesundheitsproblems im Spital. In der ZHAW-Studie fallen diese Kosten dann nicht unter «Demenzerkrankungen».

Was die Prognosen zur Explosion der Zahl von Demenzerkrankungen betrifft, gibt es allerdings Hoffnung: Fünf Studien in verschiedenen europäischen Ländern kamen im Jahr 2015 zum Schluss, dass sich die Zahl der Demenzkranken stabilisiert hat und nicht mehr weiterwächst.

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