Das ist der neue Tessiner Nationalrat

Der Tessiner Unter­nehmer Rocco Cattaneo erbt den Nationalratssitz des neuen Bundesrats ­Ignazio Cassis. ­Seine leidenschaftlichste ­Mission ist das Velo.

Der neue Tessiner Nationalrat Rocco Cattaneo ist ein leidenschaftlicher «Gümmeler».

Der neue Tessiner Nationalrat Rocco Cattaneo ist ein leidenschaftlicher «Gümmeler».

(Bild: Keystone)

Jürg Steiner@Guegi

Einen besseren Nationalratsnachfolger für den in die Landesregierung gewählten Ignazio Cassis kann man sich in Bern nicht vorstellen: Rocco Cattaneo (58) war früher Radprofi und ist «immer noch sehr gut trainiert», wie er auf Anfrage sagt. Im Juli 2017 gewann er in seiner Alterskategorie zum dritten Mal in Folge die legendäre Maratona delle Dolomiti, ein 140-Kilometer-Volksradrennen über sieben Dolomitenpässe in Italien.

Verrückt? Verrückt!

Und jetzt kommt er nach Bern, Rocco Cattaneo, in bicicletta. Ma certo! Berna! Die Stadt der grossen Velooffensive, die Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) forciert und zu der auch die fast tessinisch verrückte Idee einer Velobrücke hoch über der Aare zwischen den Quartieren Länggasse und Breitenrain gehört.

«Che bravi, wie gut seid ihr», entfährt es dem freisinnigen ­Cattaneo, als er am Telefon vom politisch geförderten Velofieber in der rot-grünen Bundesstadt erfährt. Denn er selber hat auch ein verrücktes Veloprojekt: Am Sonntag, dem 26. November, dem Tag vor seiner Vereidigung in den eidgenössischen Räten, will er mit dem Rennrad von seinem Wohnort Bironico am Monte Ceneri nach Bern fahren. Über den Daumen gepeilt 280 Kilometer.

Wenn es Wetter- und Strassenbedingungen zulassen, wird Cattaneo natürlich über den Gotthardpass fahren. Und sonst halt in Airolo kurz den Zug nehmen und in Göschenen wieder aufs Rad steigen.

Plädoyer für Veloförderung

Die Fahrt via Brunnen–Luzern–Entlebuch–Emmental nach Bern soll aber nicht nur eine Selbstbestätigung seiner Fitness werden. Sondern es soll auch ein politisches Statement sein, wie Cattaneo aus dem norwegischen Bergen versichert, wo er als neuer Präsident des Europäischen Radsportverbands die WM verfolgt.

Mit seinem Ritt Bironico–Bern wolle er Stellung beziehen für die Veloförderung, für sichere und durchgehende Velowege, wie das auch der Interessenverband Pro Velo tue. Cattaneo schwebt es vor, dass er auf Teilen seiner Fahrradmission vom Tessin nach Bundesbern von Hobby-»Gümmelern» begleitet wird. «Aber klar, man muss schon richtig fest in die Pedalen treten, wir müssen schnell sein, damit wir vor Einbruch der Nacht ankommen», gibt er den Tarif durch. Man muss sehr gute Beine haben, um ihm folgen zu können. Und wer weiss: Vielleicht empfängt Ursula Wyss den velooffensiven Liberalen im Ziel auf dem Bundesplatz.

Spiritueller Monte Tamaro

Apropos offensiv: Als der politische Quereinsteiger 2011 die kriselnde Tessiner FDP als Präsident übernahm, leitete er einen Verjüngungsprozess ein und opferte einige politische Schlachtrösser. Er nahm es in Kauf, dass die Tessiner FDP-Regierungs­rätin Laura Sadis auf eine Wiederkandidatur verzichtete. Auch wegen Cattaneo. Aber erstmals seit Jahren wurde die FDP 2015 bei den Tessiner Wahlen nicht von der Lega dei Ticinesi gedemütigt. «Ich fasse ein Ziel ins Auge, dann fahre ich entschieden darauf zu»: Sein «Gümmeler»-Erfolgsrezept adaptiert er auch in der Politik.

Anfang 2017 gab Cattaneo das FDP-Präsidium ab. Denn er ist auch Unternehmer, vorab als Verwaltungsratsdelegierter der City Carburoil, einer Erdölfirma, die sein Vater Egidio gründete. Egidio war eine legendäre Unternehmerfigur. Auf dem Monte Tamaro, dem Hausberg der Cattaneos hoch über dem Ceneri, liess Egidio zum Gedenken an seine früh verstorbene Frau eine spektakuläre Kirche bauen. Und zwar vom Architekten Mario Botta, der den Bau bei einem Essen auf einer Serviette skizziert hatte. Für Rocco Cattaneo ist diese Kirche «ein Fixpunkt zwischen Himmel und Erde, aus dem ich meine Energie schöpfe».

Berner Zeitung

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