Das grosse Zittern

Der NZZ-Verwaltungsrat steht vor einer unangenehmen Generalversammlung. Zwei Gruppen von Aktionären planen die Absetzung des Führungsgremiums, die «Freunde der NZZ» fordern eine einjährige Amtszeit.

Verschieben sich die Verhältnisse? Gebäude der «Neuen Zürcher Zeitung» an der Falkenstrasse. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Verschieben sich die Verhältnisse? Gebäude der «Neuen Zürcher Zeitung» an der Falkenstrasse. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Christian Lüscher@luschair

Die Rollen werden klar verteilt sein. Auf dem Podium steht Präsident Etienne Jornod. Bereit für eine lange Diskussion. Im Publikum sitzt ein Aktionariat, das Antworten auf das Debakel um die Neubesetzung der Chefredaktion und die geplante Schliessung der Druckerei in Schlieren sucht. Und mittendrin sitzen NZZ-Journalisten und ehemalige Redaktoren, die den Aufstand proben werden. Willkommen zur Generalversammlung der «Neuen Zürcher Zeitung» am nächsten Samstag im Kongresshaus.

Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Generalversammlung laut, aber ohne revolutionären Akt über die Bühne gehen. Trotzdem: Gleich mehrere Aktionärsgruppen werden versuchen, ein neues Führungsgremium zu etablieren. Die grösste Gefahr kommt von der Interessengemeinschaft «Die Freunde der NZZ». Die Aktionärsgruppe um Erhard Lee, Oliver Benz und Edwin van der Geest, die über zehn Prozent des Aktienkapitals vereint, will die Einführung einer einjährigen Amtszeit für die Verwaltungsräte. Bis dato war es so, dass sich der Verwaltungsrat alle vier Jahre einer Wiederwahl stellen musste.

Redaktoren kauften Aktien

Falls sich das Aktionariat von der Statutenänderung überzeugen lässt, müsste der Verwaltungsrat in corpore zur Wiederwahl antreten. In der Vergangenheit wurden stets alle Mitglieder bestätigt. Diesmal ist es nicht ausgeschlossen, dass es für einzelne Mitglieder knapp werden könnte. 2014 wurde Investorin Carolina Müller-Möhl mit nur 55 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Wird die Amtszeit neu definiert, könnten die Aktionäre im Prinzip den gesamten Verwaltungsrat absetzen. Sinkt die Zahl dessen Mitglieder unter fünf, müsste eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen werden.

«Wenn es zu einer Nichtwiederwahl eines Kandidaten kommen sollte, wird der Verwaltungsrat im Rahmen der Generalversammlung über das weitere Vorgehen informieren», schreibt NZZ-Jurist Hanspeter Kellermüller. Auszu­schliessen ist dieser Fall nicht, denn zwei andere Aktionärsgruppen arbeiten gezielt auf die Absetzung des Verwaltungsrats hin.

Die eine setzt sich aus Redaktionsmitgliedern zusammen. Seit dem missglückten Manöver um den Beinahe-Chefredaktor Markus Somm ist das Verhältnis zwischen Verwaltungsrat und Redaktion belastet. In den letzten Wochen haben Redaktoren Aktien gekauft. Am 1. April traf sich die Gruppe und diskutierte über Möglichkeiten, Jornod zu entmachten. Wie Recherchen zeigen, will sie Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz als Verwaltungsrat nominieren. Diskutiert wurden auch Namen wie Tobias Trevisan und Gerhard Schwarz.

Radikale Forderungen

Ist eine solche Nomination überhaupt möglich? «Die Aktionäre können an einer Generalversammlung Anträge zu Tagesordnungspunkten stellen, also auch zu den Wahlen», schreibt Kellermüller. Ob Kielholz, Trevisan oder Schwarz für ein solches Manöver zur Verfügung stehen, war nicht in Erfahrung zu bringen. Aus dem Umfeld von Kielholz ist zu ­hören, dass er einem NZZ-Mandat nicht abgeneigt sei. Dass er vor Jahren im ­Gespräch war als Verwaltungsrats­präsident, ist in NZZ-Kreisen bekannt.

Radikaler lauten die Forderungen einer dritten Gruppe, die bis Samstag noch anonym bleiben möchte. Sie setzt sich aus ehemaligen Redaktoren und NZZ-Kadern zusammen. Inoffiziell nennen sie sich «die wahren Freunde der NZZ». Sie erwarten von Jornod, dass er zurücktritt. Laut mehreren Quellen will die Gruppe mit einer Aktion vor der eigentlichen Generalversammlung das Aktionariat wachrütteln. In ihren Augen verdiene der Verwaltungsrat und die Unternehmensleitung das Vertrauen der Aktionäre nicht mehr.

CEO ebenfalls in der Kritik

«Diese Organe haben die NZZ in eine Krise geführt, der Lächerlichkeit preisgegeben und unverantwortbaren Risiken ausgesetzt», sagt ein Mitglied. Die Aufforderung an die Aktionäre sind klar: Man will den Führungsgremien die Entlastung verweigern, die Wiederwahl des Präsidenten verhindern, eine ausserordentliche Versammlung fordern und einen neuen Verwaltungsrat beauftragen, CEO Veit Dengler abzusetzen.

Jornod versucht seit Wochen, die Wogen zu glätten. In einem Brief an die Aktionäre bezeichnete er die Berichterstattung zum Fall Somm als Gerüchte. Der Verwaltungsrat habe sich zu keinem Zeitpunkt für Somm entschieden. Das Schreiben sorgte NZZ-intern für Kopfschütteln. Personen, die an den Ereignissen Ende 2014 nah dran waren, sprechen von einer «Wunschversion». Somm sei vom Verwaltungsrat als neuer Chefredaktor einstimmig gewählt und bereits im Besitz eines Vertragsentwurfs gewesen. Zudem führte Somm schon länger mit dem Verwaltungsrat Gespräche als bisher bekannt. Auf Details will die Pressestelle der NZZ nicht eingehen: «Wir geben darüber keine Auskunft.»

Wie verbreitet die Unzufriedenheit im Aktionariat ist, bleibt offen. Ist der Unmut so hoch wie in den besagten Gruppen, könnte es eng werden für Jornod und Dengler. Langjährige Kenner gehen davon aus, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass die Begehren der drei Gruppen durchkommen. Ausgeschlossen ist es aber nicht, denn die Ereignisse der letzten Wochen haben viele Aktionäre vor den Kopf gestossen.

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