Das Geschäft mit den Asylbewerbern

Mit der Betreuung von Asylbewerbern lässt sich gutes Geld verdienen. Das zeigt die ORS Service AG, die sich innert 20 Jahren aus dem Nichts zu einem Unternehmen mit 70 Millionen Franken Umsatz entwickelt hat.

Asylunterkunft Hochfeld in der Stadt Bern: Laut Kanton musste die Unterkunft wegen der Zunahme der Asyl- gesuche rasch eröffnet werden, weshalb der Betreuungsauftrag ohne Ausschreibung vergeben wurde.<p class='credit'>(Bild: Urs Baumann)</p>

Asylunterkunft Hochfeld in der Stadt Bern: Laut Kanton musste die Unterkunft wegen der Zunahme der Asyl- gesuche rasch eröffnet werden, weshalb der Betreuungsauftrag ohne Ausschreibung vergeben wurde.

(Bild: Urs Baumann)

Christian Zeier@ch_zeier

Es geht um viel Leid im Schweizer Asylwesen – und um satte Gewinne. Dass die Betreuung von Asylbewerbern ein lukratives Geschäft sein kann, beweist die ORS Service AG. In sieben Bundeszentren und über 50 regionalen Unterkünften betreut das Unternehmen mehr als 6500 Asylsuchende und macht jährlich etwa 70 Millionen Franken Umsatz.

Verlierer sind die gemeinnützigen Hilfswerke. Erst in Basel, dann in Zürich, Solothurn, Freiburg und Bern – Stück für Stück hat die ORS AG immer mehr Anteile des Geschäfts mit den Asylbewerbern dazugewonnen. Basierend auf Leistungsverträgen, führt sie eigene oder von den Behörden zur Verfügung gestellte Zentren. ORS muss in den Zentren Verpflegung, Sauberkeit und Nachtruhe sicherstellen. Die Mitarbeiter dürfen aber keine hoheitlichen Aufgaben wie Befragungen von Asylsuchenden wahrnehmen.

Die heftigste Kritik am Geschäft der ORS kommt von der Sans-Papiers-Bewegung und von Menschenrechtsorganisationen. Im Mai organisierte der Zusammenschluss «Komitee gegen Fremdenhetze und Asylbusiness» eine Demonstration gegen die Asylunterkunft Hochfeld im Berner Länggassequartier. «Wir kritisieren die prekären Bedingungen in der Unterkunft Hochfeld sowie die Tendenz zur Privatisierung im Asylbereich», sagt Philippe Blanc, Mitglied des Komitees.

Kosten im Vordergrund

Ein gewinnorientiertes Unternehmen unterliege immer gewissen Rentabilitätserwartungen: «Werden öffentliche Aufgaben privatisiert, ordnet man die Rechte und die Bedürfnisse der Asylsuchenden den Gesetzen von Konkurrenz und Marktwirtschaft unter», so Blanc. Dies sei in einem solch sensiblen Bereich nicht wünschenswert. Das eigentliche Problem liegt für Blanc aber beim Auftraggeber, also bei Kantonen und Bund. Diese seien nicht in erster Linie daran interessiert, wie die Asylbewerber behandelt werden. Wichtiger sei eine möglichst kostengünstige Betreuung, und dass die Asylbewerber schnell wieder verschwinden.

Der Kanton Bern begründet seine Entscheidung für die ORS Service AG damit, dass keine andere Organisation die Mittel gehabt hätte, das Zentrum Hochfeld innert nützlicher Frist zu eröffnen. Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) spricht von einer «Notsituation». Wegen der Zunahme der Asylgesuche habe man die Notunterkunft ohne Ausschreibung vergeben. Paul Mori, Geschäftsführer der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe, sieht es anders. Wie bereits 2008 hätte seine Organisation das Zentrum Hochfeld führen können.

«Dass wir Gewinn erwirtschaften, wird uns immer wieder vorgeworfen», sagt ORS-Direktor Stefan Moll-Thissen. «Aber das ändert nichts daran, dass wir unsere Arbeit zur Zufriedenheit unserer Auftraggeber erledigen.» Man arbeite eben effizienter und habe eine schlanke Administration. «Wir sind nicht sehr gross, eher mittelständisch», sagt Moll-Thissen. Mit fast 600 Mitarbeitenden alleine in der Schweiz ist das Zürcher Unternehmen der wichtigste verwaltungsexterne Player in der Asylbetreuung.

Seit 20 Jahren ist die ORS nun im Geschäft mit den Asylbewerbern tätig. Ihre Geschichte ist eng verknüpft mit den Flüchtlingsbewegungen in die Schweiz (siehe Kasten). «Unsere grösste Herausforderung bislang kam mit dem Ansturm während der Kosovo-Krise Ende der 90er-Jahre», sagt Moll-Thissen. Plötzlich mussten die Kapazitäten ausgebaut und mehr Mitarbeiter eingestellt werden. «Es ist schwer, in diesem Geschäftsfeld längerfristig zu planen», so der ORS-Direktor. Denn nimmt der Zustrom ab, müssen Infrastruktur und Personalbestand schnell abgebaut werden – wer zu langsam ist, dem drohen höhere Kosten.

Konzernähnliche Struktur

Die Vorteile der ORS sind ihre Grösse, ihre Flexibilität und ih-re finanziellen Möglichkeiten. Dank der starken Marktstellung können Synergien genutzt und Kosten gesenkt werden – mit der Beteiligungsgesellschaft Invision Private Equity steht ein potenter Investor im Hintergrund. Die ORS AG gehört zur OX Holding. Seit 2009 ist die Beteiligungsgesellschaft Invision Hauptaktionär der OX Holding und damit auch der ORS AG. Die genauen Beteiligungen werden genauso wenig kommuniziert wie die Besitzverhältnisse bei Invision.

Moll-Thissen verneint, dass die Beteiligungsgesellschaft Druck ausübe und die ORS eine möglichst hohe Rendite erzielen müsse. Gewinnzahlen will er aber keine nennen. Klar ist, dass sich die Investitionen lohnen müssen: Seit 1997 habe Invision in über 60 Unternehmen investiert, heisst es in deren Leitbild. «Dadurch konnten die Firmen ihr Wachstumspotenzial ausnutzen und den Investoren eine erhebliche Rendite auszahlen.»

Auf nach Europa

Seit Anfang 2012 betreibt die ORS AG auch die vier Erstaufnahmezentren in Österreich. Laut offizieller Auskunft erhielt die ORS-Vorgängerin European Homecare (EHC) letztes Jahr 10,2 Millionen Euro für diese Aufgabe. EHC hatte den Vertrag mit der Regierung 2010 gekündigt – wegen Unrentabilität. Könnte das auch der ORS passieren, wenn weniger Flüchtlinge kommen? Moll-Thissen verneint. «Bislang haben wir noch nie ein Mandat abgegeben, weil es nicht mehr profitabel war.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt